Berliner Geschichte

Wie Berlin zum Mittelpunkt der neuen Gesellschaft wurde

Das Buch „Berlin – Sounds of an Era“ erinnert an die Jahre, in denen die Stadt mit Jazz und Swing die Lebensfreude entdeckte.

Sehen und gesehen werden: Dieses Motto galt schon 1938 beim Flanieren im Westen Berlins

Sehen und gesehen werden: Dieses Motto galt schon 1938 beim Flanieren im Westen Berlins

Foto: ©Archiv Paysan / BM

"Entsetzliche Langeweile" herrsche in London oder Rom nach elf Uhr abends, stellt der Journalist Adolf Stein 1927 fest. Aber in Berlin! Da "schäumt nach harter Tagesarbeit die Lebenslust auf. Da sausen die Autos umher, da ist Leben und Bewegung."

Und Musik, eine ganz neue noch dazu. Der Jazz ist in Berlin angekommen, die Stadt lernt Foxtrott, Shimmy und Charleston, neue Tanzlokale eröffnen. Auch die Berliner erfinden sich neu, vor allem die Frauen, sie tragen kurze Kleider und Bubikopf, gehen aus, trinken Champagner und begründen den "Mythos Berlin".

Was Tango und Zahnpasta gemeinsam haben

Um jene Jahre, in denen die Stadt "ein neues urbanes Lebensgefühl" entwickelt und mondäner Mittelpunkt Europas wird, geht es in "Berlin – Sounds of an Era". Der Historiker Marko Paysan hat während seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit zum Thema Fotos, Illustrationen, Programmhefte aus den Jahren 1920 bis 1950 zusammengetragen, mit Zeitzeugen gesprochen – und sich mit der Musik beschäftigt, die der Stadt den Rhythmus gab: Zum Buch gehören drei CDs mit digitalisierten Originalaufnahmen von 70 Jazz- und Swing-Titeln.

Ausführliche Begleittexte, die Linernotes, erzählen die Berliner Geschichte jedes Stücks und der Musiker: Wie der Geiger und Kapellmeister Efim Schachtmeister das internationale Publikum im Hotel Excelsior mit "Go South" zum Charleston-Tanzen bringt. Wie der britische Bandleader-Superstar Jack Hylton sich mit dem Foxtrott "Ich küsse Ihre Hand, Madame" vor dem deutschen Publikum verneigt. Und warum der "Vademecum-Tango" nach einer Zahnpastamarke benannt ist.

Kino und Tanz lenken vom Alltag ab

Mit dem "vielstrapazierten Mythos der Goldenen Zwanziger" allerdings hat Marko Paysans Darstellung nicht viel zu tun. Schon gar nicht mit den Zwanziger-Jahre-Partys, wie sie heute in der Stadt gefeiert werden. Diese bedienten sich "einer problematischen Epoche deutscher Geschichte etwa so, als sei man Kunde von einem Kleidertrödel oder Flohmarkt in der Stadt", findet Paysan.

Die Mode, die Stilvorbilder und kulturellen Einflüsse, die auf Bildern und Illustrationen im Buch zu sehen sind, erreichen Deutschland "in Jahren von höchster wirtschaftlicher und sozialer Problematik". Weil in den Kriegsjahren kaum gebaut worden ist, fehlen im ganzen Land Wohnungen, die Menschen hungern. Politisch und wirtschaftlich liegt das Deutsche Reich am Boden, kulturell aber beginnt eine Zeit, die Literatur, Malerei, Musik, Film, Fotografie auf Jahrzehnte prägt und bis heute nachwirkt. Kino und Tanz lenken vom harten Alltag ab, überall eröffnen Tanzlokale, neue Bands werden gegründet.

"Die unvermeidliche Halbwelt" feiert auch mit

Berlin wird zum Mittelpunkt der neuen Gesellschaft. "Im Adlon kann man um halb sechs Uhr bereits kaum noch einen Platz bekommen", schreibt Eugen Szatmari 1927 in "Das Buch von Berlin. Was nicht im Baedeker steht" und weiß auch, wer dort ist: eine "begeisterte Schar von Tanzwütigen", der umschwärmte Tenor Richard Tauber, Schauspielerinnen, Damen vom Film, Durchreisende, Ausländer, einige "hübsche Mannequins, die die neuesten Modeschöpfungen vorführen, und die unvermeidliche Halbwelt".

Paysan blickt auch auf den verkehrstechnischen Fortschritt der Zeit zurück, auf Berlin als Bahn-Knotenpunkt für ganz Mitteleuropa, auf das Verkehrsnetz in der Stadt, das jährlich 1,5 Milliarden Menschen transportiert. Und auf den Wirtschaftsstandort Berlin, der Finanz- und Börsenzentrum mit 3150 Bankniederlassungen ist, zugleich aber auch wichtigster Industriestandort des Reiches nach dem Ruhrgebiet und Oberschlesien. Berlin ist Zeitungsmetropole mit 45 Morgen-, 14- Abend- und zwei Mittagzeitungen, Sitz der Schallplattenindustrie und der Berliner Philharmoniker, in drei Opernhäusern, 40 Theatern, Kabaretts, Tanzlokalen, Varietés lässt sich das Publikum unterhalten.

Kurfürstendamm als "Sinnbild der Eleganz"

Illustrationen und Zitate aus Werbebroschüren zeigen eine Welt, in der die Gäste direkt vom Bahnsteig des Anhalter Bahnhofs durch einen Tunnel in die mondäne Hotelhalle des Hotels "Excelsior" gelangten. Die "hauseigene Wasserversorgung"und die Wechselkasse für ausländische Währungen im Hotel sollten das internationale Publikum in die Stadt locken. Paris als europäischer Modehauptstadt kann Berlin zwar keine Konkurrenz machen, aber die "deutsche Haute-Couture" macht sich einen Namen – und der Kurfürstendamm wird zum "Sinnbild der Eleganz im Alltag", schreibt Paysan.

Auch nach 1933 wird in Berlins Bars noch getanzt. Weil sich der Jazz ständig weiter entwickelt, sei es schwierig, Definitionen für Verbote zu finden. Der Swing zieht ein, gleichzeitig spielt der Rundfunk "neue volksverbundene Tanzmusik". Fackelzüge der Staatspartei ziehen an den Leuchtreklamen der modernen Großstadt vorbei. Die Kluft zwischen NS-Propaganda-Formeln und dem Alltag wachse, schreibt Paysan, dessen Buch die politische Entwicklung der Vorkriegsjahre nur kurz streift.

Boogie-Woogie und Rock'n Roll lösen Jazz ab

Erst ab 1943, als Berlin verstärkt bombardiert wird, ist es mit dem Nachtleben vorbei. Aber schon kurz nach Kriegsende geht es wieder los, "überschattet vom täglichen Kampf der Zivilbevölkerung um das Notwendigste zum Überleben" regt sich musikalisches und kulturelles Geschehen, die "Kapellen-Wettstreite" zum Beispiel. Boogie-Woogie und dann der Rock'n Roll lösten den Jazz ab, das Zeitalter der Tanz-Bands ist vorbei.

Und auch vom "Berliner Tempo", der Energie der Stadt, bleibt von den 1960er-Jahren an nichts übrig , urteilt Paysan. Erst mit dem Fall der Mauer kehrt es zurück. Heute spürt der in Berlin lebende Autor die Energie wieder. Der ein Jahrhundert alte "Mythos Berlin" habe sich erneuert. Ohne die Jahre aber, in denen Berlin zur Musik der Tanzkapellen Foxtrott und Charleston tanzte, hätte es ihn nie gegeben.

Marko H. C. Paysan: Berlin – Sounds of an Era 1920-1950, inkl. 3 CDs, Earbooks Verlag, 49,95 Euro

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