Zeugen des Zeitgeschehens

Ausstellung: Wie wir lebten, als Berlin geteilt war

Der Fotograf Bernard Larsson bereiste Berlin in den 60er-Jahren – und sicherte bleibende Erinnerungen an den Kalten Krieg.

Menschen im Sonntagsstaat: Ecke Wolliner und Bernauer Straße, West-Berlin 1962

Menschen im Sonntagsstaat: Ecke Wolliner und Bernauer Straße, West-Berlin 1962

Foto: (C)bpk / (C)bpk,kunstbibliothek,staatliche museen zu Berlin, Bernard Larsson

Das "Le Select" ist ein berühmtes Café am Pariser Boulevard du Montparnasse. Bernard Larsson hatte Anfang der 60er-Jahre, als er in Frankreichs Hauptstadt als Assistent des "Vogue"-Fotografen William Klein arbeitete, die Angewohnheit, dort einzukehren, auch am 13. August 1961, dem Tag, als in Berlin die Mauer gebaut wurde. Es war, wie für so viele andere Menschen in Europa auch, für Larsson ein Tag, der sein Leben verändern sollte.

Er beschloss, in die geteilte Stadt zu reisen und sie zu porträtieren. Nach Frankreich hatte ihn das intellektuelle Klima gezogen, der Existenzialismus und die Reaktion, die er auf das Schweigen der Kriegsgeneration formulierte. Im Grenzwall zwischen den beiden Teilstaaten fand Larsson nun sein nächstes wichtiges Thema.

Er schrieb zunächst einen Brief an das Außenministerium der DDR mit der offiziellen Bitte, Ost-Berlin porträtieren zu dürfen. Doch in der Antwort war die Aufforderung enthalten, für die Dauer seines Aufenthaltes gegen entsprechendes Entgelt bei Vollpension in einem Interhotel unterzukommen – in der Erwirtschaftung von Devisen war man in der DDR schließlich schon früh relativ tüchtig. Larsson beantwortete den Brief nicht und beschloss, ganz normal mit seiner Kamera in die abgetrennte Stadthälfte einzureisen.

Larsson interessierten nicht die Insignien des Kalten Krieges

Und dieser Entscheidung verdanken wir einen Blick auf den damaligen Alltag in Ost und West, wie es ihn in seiner nonchalanten Beiläufigkeit selten gibt. Larsson interessierten nicht die Insignien des Kalten Krieges. Es ging ihm nicht darum, das aufgeheizte Klima mit seinen Bildern symbolisch zu unterfüttern. Sondern es ging ihm darum, das Leben der Menschen unter diesen historischen Bedingungen authentisch einzufangen.

Wie gut ihm das gelungen ist – und wieviel er trotzdem von den Besonderheiten der Zeit erzählen kann – lässt sich etwa anhand unserer Titelseite zeigen. Das obere Bild zeigt spielende Straßenkinder in Mitte – ein Motiv, das vom Stehenbleiben der Zeit erzählt und ohne Weiteres auch zehn Jahre zuvor hätte aufgenommen werden können. Das kann man vom unteren Motiv, entstanden in der Nähe der Oberbaumbrücke im Westteil der Stadt, wohl kaum sagen. Und doch sind beide Bilder im selben Jahr enstanden: 1963.

Das große Motiv auf dieser Doppelseite erzählt ebenfalls auf eine interessante Weise ein Stück Zeitgeschichte. Es handelt vom politischen Willen der DDR-Führung, stets auf der Höhe der Zeit zu sein. Nachdem im Mai 1961 in Paris mit dem "Wimpy" das erste Hamburger-Schnellrestaurant Frankreichs eröffnet hatte, wollte auch der sozialistische Teilstaat seine systemgastronomischen Fähigkeiten beweisen. Im Alexanderhaus am Alexanderplatz entstand deshalb der "Automat Imbiss" – ein Name, der heute in seiner rührenden Antiquiertheit von den Aufbruchsfantasien früherer Zeiten erzählt.

Diese und viele andere Bilder Larssons zeigt das Museum für Fotografie ab dem 19. August. Der Blick geht dabei noch über Berlin hinaus, führt nach Spanien und Marokko, nach Warschau, Prag und Budapest. Es geht Larsson auch darum, seine Arbeit in einen internationalen Kontext zu stellen – und das Bild einer Epoche zu zeigen, die uns heute weit entfernt erscheint.

Hintergrund

Bernard Larsson wurde 1939 in Hamburg geboren. Er besuchte die Schule in Stockholm und Hamburg. Nach seiner Zeit als Fotoassistent in Paris war er in Berlin und anderen Städten als Fotoreporter unterwegs.

Die Ausstellung "Leaving is Entering. Fotografien 1961–1968" begann am 19. August im Museum für Fotografie, Jebensstraße 2 in Charlottenburg. Geöffnet außer Montag von 11–19 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.

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