Deportation

Als der erste Transport mit Berliner Juden die Stadt verließ

Vor 75 Jahren fuhr der erste Transport mit Berliner Juden aus dem Bahnhof Grunewald aus – meist eine Reise in den Tod.

Weiße Rosen liegen während einer Gedenkfeier  an der Gedenkstätte Gleis 17 am Bahnhof Grunewald in Berlin zwischen den Gleisen

Weiße Rosen liegen während einer Gedenkfeier an der Gedenkstätte Gleis 17 am Bahnhof Grunewald in Berlin zwischen den Gleisen

Foto: Paul Zinken / dpa

Schauen Sie nach unten. Überall in der Stadt findet man Stolpersteine vor Häusern. Neben Namen und Geburtsdatum des früheren Bewohners steht dort meist ein zweites Datum: der Tag der Deportation. 184 Transporte mit Berlinern, die von den nationalsozialistischen Behörden als "Juden" klassifiziert worden waren, verließen zwischen 1941 und März 1945 die Reichshauptstadt gen Osten. Etwa 55.000 Berliner Juden wurden in diesem Zeitraum deportiert und dort meist ermordet. "Evakuierung", "Platzschaffung", "Abschiebung", "Umsiedlung" – mit diesen Worten kaschierten die Nazis ihre Transporte in den Massenmord.

Vom Anhalter Bahnhof gingen Züge nach Theresienstadt

Der erste Zug verließ genau vor 75 Jahren, am 18. Oktober 1941, mit 1091 Menschen den Bahnhof Grunewald. Das Mahnmal Gleis 17 erinnert an diesen Transport und an die vielen, die noch folgen sollten. Ab 1942 verlagerte sich die Deportation auf zwei andere Bahnhöfe: den Anhalter Bahnhof, von wo aus Züge ins KZ Theresienstadt gingen, und besonders den Güterbahnhof Moabit, ganz in der Nähe des Westhafens, wo die meisten Züge eingesetzt wurden. Mehr als 30.000 Menschen wurden von hier aus, meist nachts, deportiert. Anfangs noch in Personenzügen, später in Güterwaggons.

Warum der Wechsel vom Bahnhof Grunewald zum Güterbahnhof Moabit? Genau weiß das niemand, man kann nur spekulieren. So war der Weg von der vorgegebenen Sammelstelle, der Synagoge an der Levetzowstraße in Moabit, zum Güterbahnhof sehr viel kürzer als nach Zehlendorf. Womöglich fühlten sich die Villenbesitzer auch vom Anblick der Menschenkolonnen mit gelbem Stern gestört.

Es regnete in Strömen auf dem Weg nach Grunewald

Denn der allererste Transport fand noch tagsüber statt. "Am 18. Oktober 1941 begann am Vormittag die sogenannte Ausschleusung aus dem Sammellager und die Verbringung der Tranportteilnehmer nach dem Bahnhof Grunewald bei strömendem Regen", erzählte nach dem Krieg Hildegard Henschel, die Frau des letzten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlins. Sie wurde zwei Jahre später, im Juni 1943, auch mit ihrem Mann deportiert – vom Güterbahnhof Moabit aus – und überlebte im KZ Theresienstadt. Ihr hat man einen sehr detaillierten Bericht dieses ersten Transports zu verdanken.

Kinder und Kranke wurden mit offenen Lastwagen zum Bahnhof gefahren, der Rest musste "in einem langen Zuge" mit dem Gepäck in der Hand laufen. "Es regnete weiter in Strömen." Die jüdische Gemeinde verteilte am Bahnsteig warmes Essen, heiße Getränke und Proviantpakete. Ziel des Transportes: das Getto Litzmannstadt.

Juden wurde die Ausreise aus Deutschland verboten

Solche Transporte fanden nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Deutschen Reich – zu dem ja damals auch Österreich gehörte – statt. Hitler hatte sich offenbar kurzfristig dazu entschlossen, alle Juden aus dem "Altreich" deportieren zu lassen. Das sei ein "Führerwunsch", schrieb SS-Führer Heinrich Himmler in einem Brief vom 18. September 1941.

Nun setzten im Oktober die Transporte ein, für die man vorher beim Reichsverkehrsministerium Erlaubnis eingeholt hatte. Fast zeitgleich mit dem ersten Transport wurde am 23. Oktober 1941 den Juden die Ausreise aus Deutschland verboten. Wer jetzt überleben wollte, musste untertauchen. Viele wählten verzweifelt den Selbstmord.

1969 kam es am Schwurgericht Moabit zu ersten Prozessen um die Deportationen

Denn schnell war klar, dass im Osten Schreckliches mit den Deportierten geschah. Trafen anfangs noch vereinzelte Briefe aus dem Getto Litzmannstadt in Berlin bei Angehörigen ein, hörten die bald auf. Der Massenmord hatte eingesetzt – mit Massenerschießungen und ab Frühjahr 1942 den ersten Vernichtungslagern. Den sechsten Transport aus Berlin, der von Grunewald aus angeblich nach Riga gehen sollte, überlebte niemand der 1006 Menschen. Der Zug wurde nach Kowno umgeleitet, wo alle Insassen des Zuge – darunter auch Kinder – sofort erschossen wurden. Bald darauf machten sich in Berlin Gerüchte vom "Massaker in Kowno" breit. Himmler wütete.

Erst 1969 – mitten in der Zeit der Studentenrevolutionen, aber von der Apo völlig unbeachtet – kam es am Schwurgericht Moabit zu Prozessen um die Deportation der Berliner Juden. Angeklagt war unter anderem Otto Bovensiepen, Chef der Berliner Gestapo, der die Deportationen zwischen 1941 und 1942 organisiert hatte, bis er aus Korruptionsgründen als Leiter abgesetzt wurde – er hatte Vermögen deportierter Juden veruntreut. Bekannt ist heute, wie groß die Gier nach Wertgegenständen, Möbeln, Wohnungen der Deportierten war. Auf begehrten Auktionen wurde das Hab und Gut versteigert.

Die Aussagen der Angeklagten waren zum Teil zynisch

Bei den Prozessen ging es im Kern um die Frage, ob die Gestapoleute vom bevorstehenden Massenmord wussten – und wenn ja, ob sie ihn billigten. Während sich die Beschuldigten mit Worten wie man habe "die Angelegenheit so menschlich wie möglich abgewickelt" herausredeten, machten andere, die selbst nicht angeklagt waren, klarere Aussagen: "Nachdem der Zug abgefahren war, gingen wir (...) in die Wirtschaft des Güterbahnhofs, um ein Glas Bier zu trinken", berichtete ein ehemaliger Fahrer der Gestapoleitstelle im Prozess.

Als ein "erst kurze Zeit diensttuender" Beamter fragte, wo die "Tausenden Juden" eigentlich genau angesiedelt würden, erklärte einer der anwesenden Gestapomänner "unter zynischem Lachen, dass man sich darüber keine Sorgen zu machen brauche; denn den Juden würde einen Tag nach ihrer Ankunft am Zielort kein Zahn mehr wehtun". Der Prozess gegen Otto Bovensiepen wurde 1971 übrigens eingestellt. Er galt nach einem Herzinfarkt als verhandlungsunfähig.

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