Florale Kunst

Wenn ein Blumenstrauße zum Kunstwerk wird

Eine Pariserin und ein Kanadier wollen Kunst und Floristik vereinen. Sträuße zum Geburtstag bekommen sie nicht mehr.

Amandine Cheveau und Jean-Christian Pullin

Amandine Cheveau und Jean-Christian Pullin

Foto: Ricarda Spiegel

Amandine Cheveau (34) aus Paris und Jean-Christian Pullin (28) aus Montreal erschaffen Blumengestecke, so besonders, dass man kaum den Blick abwenden kann. Zu detailreich sind die Arrangements, zu viel gibt es zu entdecken, als dass man sie einfach in die Schublade "schöne Sträuße" ablegen könnte. "Blumen können eine Vielzahl von Emotionen ausdrücken, das hat bei allem, was wir tun, höchste Priorität", erklärt Amandine.

Dieser Kunstgriff gelingt dem Duo so gut, dass nicht nur Künstler, Magazinfotografen und Freunde wie DJ Richie Hawtin ihre Auftraggeber sind, sondern auch große Firmen wie die dänische Designmarke Normann Copenhagen oder Audi. "Eines unserer tollsten Projekte war eine Wagner-Inszenierung von Audi im Berghain, bei der wir eine ganze Welt mit Blumen am Filmset und beim Event selbst kreiert haben", sagt Jean-Christian.

"Da kann man sich kreativ toll austoben"

Bei der Auswahl ihrer Kunden suchen sie äußerst genau aus. "Das macht unsere Arbeit einfacher." Manche Kunden haben eine sehr genaue Vorstellung von Ästhetik. "Wir statten das Loft einer Freundin öfter mit Blumen aus, und sie hat eine sehr gesetzte Ästhetik, alles ist in Pastelltönen gehalten. Da kann man sich natürlich kreativ toll austoben", sagt er. Die meisten ihrer Werkte entstehen mangels eines eigenen Ateliers noch in Amandines Apartment in Prenzlauer Berg. Dabei kommen auch Ikebana-Techniken zum Einsatz, die hohe japanische Kunst des Blumenarrangierens.

Getroffen haben sich die beiden hier, in Berlin, bei einer Dinnerparty. Eine Schicksalsbegegnung, das Projekt "Anatomie" war geboren. "Sie fiel mir auf, weil sie die Einzige war, die sich hinter einem Buch versteckte", erzählt er. "Ich kannte dort niemanden, und manchmal fühle ich mich auf Partys etwas verloren. Da hilft ein Buch", sagt sie. Dann bemerkten sie, dass sie beide französisch sprechen und die Liebe zu Philosoph Henry David Thoreau teilen. Das Eis war gebrochen.

Botanische Kenntnisse haben sich beide selbst angeeignet

Im Gespräch kamen sie schnell darauf, dass sie eine große Liebe zu Blumen verbindet. "Ich habe zu der Zeit schon mit Blumen gearbeitet, Amandine fing gerade damit an." Davor studierte er Theaterwissenschaften in Los Angeles. Vor zwei Jahren zog er dann mit seinem Bruder in die Hauptstadt, hier lernte er alles über Botanik. Auch Amandine hat keine Floristenausbildung absolviert, sie hatte lange Zeit einen Job als Grafikdesignerin. Doch sie wollte etwas physisch Fassbares kreieren, nicht nur vor dem Bildschirm sitzen. "Das hilft mir auch heute noch weiter, es geht bei meiner Arbeit immer noch um Kompositionen, um Farben." In ihrer Heimat Paris erlangte sie aus diesem Wunsch heraus ihr Flora-Fachwissen. Doch in Frankreich merkte sie schnell, dass es sie nach Berlin zieht.

Der Name "Anatomie" rührt daher, dass sowohl Amandine als auch Jean-Christian fasziniert sind von chirurgischer Präzision. Mit dieser gehen sie auch vor, wenn sie ihre Arbeit verrichten. "Außerdem interessieren wir uns für Surrealismus, da dachten wir, der Name passt", sagt er. "Hauptsache war, dass im Namen nicht das Wort Blume oder Rose oder so etwas vorkommt." Als Floristen sehen sie sich eben nicht. "Das, was wir machen, hat mit Floristik im klassischen Sinne nicht viel zu tun", erklärt sie. Wenn man einen Blick auf die bisherigen Arbeiten der zwei wirft, versteht man, warum.

Neue Blickwinkel auf inszenierte Schönheit

Die Blumen sind für sie Mittel, um völlig neue Blickwinkel auf inszenierte Schönheit zu eröffnen. Kunst, Orte und eben Blumen werden in neuem Kontext zusammengefügt. "Es geht um mehr als die reine Ästhetik. Wir spielen mit dem schmalen Grat von Schönheit und sogar hässlichen Dingen." In Blumen ausgedrückt, zeigt sich das zum Beispiel in wunderbaren, langstieligen Mohnblumen, die mit künstlich blau gefärbten Zweigen kombiniert werden. "Normalerweise sind die Zweige schrecklich, aber in Kombination ergibt sich ein interessantes, neues Ganzes", erläutert Amandine. "Wir halten es da mit Friedrich Nietzsche, laut dem überall dort, wo der Mensch das Schöne umreißt, an der Grenze das Hässliche liegt", sagt sie.

Die Inspirationen zu den spektakulären Arrangements holen sie sich aus der Kunstwelt. "Die Privatsammlung Boros in Berlin ist beispielsweise eine wunderbare Quelle", sagt er. Zeitgenössische Kunst ist sein Metier, sie interessiert sich mehr für kunsthistorische Zusammenhänge. Sie selbst ergänzen sich wie Yin und Yang. Ihr Stil ist geprägt von Melancholie, von alten Filmen, von Vergangenem. Er steht für das Zeitgemäße, das Moderne. "Ich stehe eher für 'plastic', sie für die romantischen Momente", erklärt er. Solch extravagante Gestecke wirken zwar wie florale Diven, doch sie dulden Stars neben sich. "Die Vasen sind genauso wichtig wie die Blumen selbst", erklärt Amandine. Ihre private Sammlung umfasst über 30 Stück, gefunden auf Flohmärkten, in Designshops oder bei Freunden zu Hause.

Ungewöhnliche Vasen sind Teil der Komposition

Ganz spezielle Modelle sind etwa die Gummivasen der Berliner Künstlerin und Produktdesignerin Birgit Severin. Auch wenn diese eine besondere Herausforderung darstellen, fallen sie aufgrund ihrer materiellen Beschaffenheit leichter um als ihre Kollegen aus Glas oder Ton. "Dafür sind sie unzerbrechlich", sagt Jean-Christian. Die ausgefallene Vasenwahl treibt natürlich auch die Kosten in die Höhe. "Wir stehen auch für Privatkunden zur Verfügung, aber Blumen sind eine sehr luxuriöse Sache, daher kann der Preis den einen oder anderen etwas überraschen", sagt er. Ab 175 Euro können die Dienste der beiden in Anspruch genommen werden.

Ihre Ware kaufen sie auf dem Blumengroßmarkt in Moabit. Dort sind die Französin und der Kanadier schon wohlbekannt. Und das liegt nicht nur am charmanten Akzent der beiden Wahlberliner. "Wir kaufen dort nicht einfach ein, sondern wählen jede einzelne Blume mit Bedacht aus. Das dauert seine Zeit, daher gibt es schon mal schmunzelnde Gesichter seitens der Verkäufer", sagt sie. Berlin sei aber ein wunderbarer Ort für "Anatomie". "Die Stadt braucht ein bisschen Romantik, wir wollen den Sinn dafür im manchmal ruppigen Berlin schärfen", erklärt er die Standortwahl. "Zum Beispiel auch im Berghain", so Jean-Christian.

"Die Leute haben Angst, uns Blumen zu schenken"

"Die deutsche Hauptstadt ist ein wunderbarer Raum für Experimente, das macht es einfach für uns!" Trotz ihrer Berlin-Liebe gibt es einen Traumauftrag, der außerhalb von Berlin stattfinden würde: "Es wäre fabelhaft, für die Blumendekorationen bei der berühmten Modegala MET in New York verantwortlich zu sein", schwärmt er.

Bunte Sträuße zum Geburtstag bekommen die beiden übrigens nicht mehr. "Die Leute haben mittlerweile Angst, uns Blumen zu schenken, weil sie befürchten, dass sie unseren Geschmack nicht treffen könnten", sagt Jean-Christian. "Im Gegensatz dazu erwarten aber alle tolle Gestecke zum Geburtstag von uns!", sagt Amandine.

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