Bauvorhaben in Berlin

Auch einer Schule droht der Auszug wegen Gentrifizierung

Gentrifizierung in Charlottenburg: Eine Firma will Mietshäuser abreißen, um Eigentumswohnungen zu bauen. Dagegen wächst Widerstand.

Der geplante Abriss des Hauses Pestalozzistraße 97 trifft auch das Lichtenberg Kolleg, das derzeit rund 110 Schüler besuchen

Der geplante Abriss des Hauses Pestalozzistraße 97 trifft auch das Lichtenberg Kolleg, das derzeit rund 110 Schüler besuchen

Foto: Lichtenberg Kolleg

Eigentlich ist das Bauvorhaben des Immobilienunternehmens Diamona & Harnisch ganz im Sinne der wachsenden Stadt. Das Unternehmen hat im Charlottenburger Savigny-Kiez die Häuser Pestalozzistraße 97, Schlüterstraße 18 und Wielandstraße 50 gekauft, um sie abzureißen und auf den Grundstücken neu zu bauen. Durch eine bessere Nutzung des Areals sollen unterm Strich so 14 zusätzliche Wohnungen entstehen. Doch gegen das Vorhaben regt sich Protest im Kiez. Viele Mieter befürchten, dass für sie hinterher kein Platz mehr in ihrem angestammten Wohnumfeld ist.

"Ich lebe seit 30 Jahren im Kiez, seit elf Jahren hier in diesem Haus", sagt Eva S., Mieterin im Haus Pestalozzistraße 97. Das schlichte Nachkriegsgebäude sei zwar nicht besonders schön, aber ließe sich durchaus noch sanieren, ist die 57-Jährige, die mit ihrem Sohn eine 72-Quadratmeter-Wohnung bewohnt, überzeugt. Lediglich das Dach müsste dringend gemacht werden. Werde das Haus abgerissen, werde sie sich die Miete in den geplanten Eigentumswohnungen, falls diese denn überhaupt vermietet würden, nicht leisten können, befürchtet sie. Deshalb habe sie bereits einen Mietrechtsanwalt kontaktiert, um sich zur Wehr zu setzen.

Nicht nur Wohnungsmieter in den betroffenen Häuser wollen nicht ausziehen. An die Spitze der Protestbewegung hat sich das Lichtenberg Kolleg gesetzt, das als Nutzer zweier Etagen an der Pestalozzistraße 97 ebenfalls von den Abrissplänen betroffen ist. Doch anders als die Mieter der Wohnungen, die durch das Mietrecht vergleichsweise umfassend geschützt sind, sieht sich das Kolleg, das seit 30 Jahren Sekundar- und Sprachschule unter einem Dach vereint, unmittelbar in seiner Existenz bedroht. Diamona, so berichtet Schulgründer Hans-Werner Wilz, habe die fristgerechte Kündigung zum Ende dieses Monats angekündigt. Dann bleiben der frei finanzierten Privatschule nur noch sechs Monate für den Auszug.

Immobilienfirma verweist auf "sozialverträgliche Lösungen"

Die Lehrkräfte des Kollegs bereiten seit 1986 Jugendliche und junge Erwachsene, die aus verschiedensten Gründen die Regelschulen ohne Abschluss verlassen haben, auf die staatlichen Prüfungen zum Erwerb des Mittleren Schulabschlusses und des Abiturs vor. Der Fachbereich für Deutsch als Fremdsprache ist zudem "European Language Certificates"-Zentrum.

"Wir sind im Kiez fest verwurzelt und finden so schnell doch keinen Ersatz", ist auch Ralph Kappler, der Verwaltungsleiter der Schule mit ihren derzeit 60 Schülern im Sekundar- und 50 Schülern im Sprachschulbereich, sicher. Um politische Unterstützung zu bekommen, ist Kappler gerade dabei, mit Berliner Parteien und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg eine Podiumsdiskussion zum Thema "Zwischen Mietervertreibung und Kiezkultur" zu organisieren. "Unser Schülercafé ist inzwischen zum Mieter-Treff geworden, in dem wir unsere Aktionen absprechen", so Kappler.

Den Aufruhr im Kiez versteht man bei Diamona & Harnisch nicht. "Wir haben den Mietern an der Pestalozzistraße 97, Wielandstraße 50 und Schlüterstraße 18 jeweils sozialverträgliche Lösungen angeboten", betont der Unternehmenssprecher. Man werde die Mieter bei der Suche nach neuen Wohnungen unterstützen und übernehme sowohl die Kosten für den Umzug sowie die Kaution für eine neue Wohnung, teilt das Unternehmen auf Nachfrage der Berliner Morgenpost mit. Darüber hinaus würden Vereinbarungen zur Kompensation der gegebenenfalls höheren Miete der neuen Wohnung getroffen. "Einige Mieter haben diese Angebote bereits angenommen", so der Sprecher weiter.

Und er verweist darauf, dass die neuen Wohnungen barrierefrei sein sollen und zudem 14 zusätzliche geschaffen würden. Aktuell gibt es in den drei Häusern 37 Bestandswohnungen. An einem Abriss führe auch deshalb kein Weg vorbei, weil die Sanierung nicht wirtschaftlich sei: "Insbesondere die Schlüterstraße 18 und die Wielandstraße 50 befinden sich in einem schlechten baulichen Zustand", so der Sprecher. Die bei einer solchen Sanierung anfallenden Kosten dürften zudem zu einer Mieterhöhung führen, die der Gesamtmiete vergleichbarer Wohnungen im näheren Umfeld entspricht", sagt er. Auch dem Kolleg wolle man Unterstützung anbieten.

Rechtlich kaum Möglichkeiten gegen das Bauvorhaben

Dem Bezirk sind indes die Hände gebunden. "Wir sind in der Antragsbearbeitung, rein rechtlich aber höchstwahrscheinlich nicht in der Lage, den Abriss zu verhindern", sagt Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Die Behörde prüfe lediglich noch, ob das Neubauvorhaben in die Umgebung passe, es statische Bedenken gebe oder Wohnraum vernichtet werde. Das sei vermutlich alles nicht der Fall. "Das Zweckentfremdungsverbot müsste so verschärft werden, dass gleichwertiger Wohnraum, das heißt mit vergleichbarer Miethöhe, geschaffen werden muss", fordert der Baustadtrat.

Auch Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) sieht in dieser Hinsicht keinen Spielraum. "Das Bundesverfassungsgericht hat höchstrichterlich entschieden, das der Ersatz von Wohnraum nicht günstig oder vergleichbar sein muss", sagt sie. Allerdings ermutige sie die Mieter, ihre Rechte wahrzunehmen, denn diese hätten ja weiterhin gültige Mietverträge. Und so lange das Haus nicht leer stehe, dürfe auch nicht abgerissen werden.

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