Stadtentwicklung

Hochhäuser - Wie Berlin weiter wachsen soll

Viele sehnen sich nach einem Mittelpunkt, doch die Stadtplaner sehen in den Bezirkszentren den größten Vorteil der Stadt.

Cityring. Hochhaus Entwicklungsplan für Berlin

Cityring. Hochhaus Entwicklungsplan für Berlin

Foto: Architekt Tobias Nöfer

"Der wahre Schatz Berlins liegt in seinen vielen Zentren", sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Vor genau zehn Jahren trat die gebürtige Schweizerin ihren Job als oberste Stadtplanerin an. Als neu Zugezogene, so Lüscher weiter, habe sie sich gewundert, warum die Berliner sich so nach dem einen, historisch gewachsenen Zentrum in der Mitte sehnen. Inzwischen sei das Berliner Schloss neu entstanden, Plätze wurden nach historischem Vorbild wiederhergestellt. Jetzt sei es an der Zeit, den Berlinern ins Gedächtnis zu rufen, dass die wahre Stärke Berlins in seiner Polyzentralität, den vielen unverwechselbaren Ortskernen liege. "Wir sollten das Augenmerk wieder auf diese besondere Stärke richten, die uns dabei helfen wird, das starke Bevölkerungswachstum, das auch noch in den kommenden Jahren anhalten wird, zu bewältigen", fordert Lüscher, die seit vergangenem Jahr einen deutschen Pass besitzt.

Die Überlegungen, die die Baudirektorin in dieser Woche bei einer Konferenz des Werkbundes und der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) darlegte, kommen zur rechten Zeit. Denn die wachsende Stadt – in wenigen Jahren wird die Vier-Millionen-Einwohner-Marke geknackt – muss sich Gedanken darüber machen, wie dieses Wachstum organisiert werden soll. Und sie muss sich fragen, wohin die begrenzten Ressourcen fließen sollen. Denn Berlin ist trotz des Wirtschaftsaufschwungs immer noch eine Stadt mit 59 Milliarden Euro Schulden.

In der City ist der Druck auf die letzten Brachen groß

In der City ist der Druck auf die noch verfügbaren Baugrundstücke groß, die Preise hoch. Die Frage, ob das Geld der öffentlichen Hand für den Weiterbau der Stadt nicht besser an den zumeist gut an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossenen Ortszentren angelegt wäre, liegt also nahe. Auch, weil Berlin, je nach Betrachtungsweise, eine Stadt ohne Zentrum, mit zwei oder sogar zwei Dutzend Zentren ist.

Für jede dieser Sichtweisen gibt es gute Gründe: Die historische Mitte wurde im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs erst schwer beschädigt und danach radikal abgeräumt. Das Erbe der vor 28 Jahren gefallenen Mauer wirkt noch nach – Berlin hat eine City West und eine (Ost-)Berliner Mitte. Und in den Amtsstuben der einwohnerstarken Außenbezirke verweist man gerne darauf, dass Berlin doch erst per Gesetz vor knapp 100 Jahren durch die Eingemeindung von sechs kreisfreien Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken zur Weltstadt wurde. Deshalb habe Berlin selbst nach der Bezirksgebietsreform im Jahr 2001, als die ehemals 23 Bezirke in zwölf zusammengeführt wurden, mindestens noch 23 erkennbare Zentren.

Und diese Sicht auf die Stadt, die Perspektive der von den Innenstädtern gerne der Piefigkeit und Provinzialität gescholtenen "Vorstädter" soll nun also den Weg aus der Wohnungs- und Wachstumskrise weisen? Nicht nur für die vielen Zuzügler, die es nahezu ausnahmslos in die Kieze von Kreuzberg, Friedrichshain, Charlottenburg oder zunehmend Neukölln zieht, ein schwer verdaulicher Gedanke.

"Sonst droht die verödete Innenstadt"

"Warum Polyzentralität toll ist? Weil ohne sie die Innenstädte zu teuren Geschäfts- und Bürostandorten werden, aus denen die Wohnbevölkerung verdrängt wird", sagt Brigitte Jilka. Sie ist Stadtbaudirektorin von Wien. Die Hauptstadt Österreichs unternimmt derzeit große Anstrengungen, um dem historisch gewachsenen Zentrum rund um den Stephansplatz ein weiteres Stadtzentrum am Hauptbahnhof und neue Siedlungskerne wie die Seestadt Aspern weit außerhalb zu etablieren. Mit bestem Nahverkehrsanschluss, versteht sich. Das geht ins Geld, ist aber alternativlos. "Sonst droht nach Büro- und Geschäftsschluss die verödete Innen- und draußen die albtraumhafte Schlafstadt", ist auch Tobias Goevert, Stadtplaner im Londoner Bezirk Borough of Harrow überzeugt.

London sei wie Berlin polyzentrisch und unternehme große finanzielle Anstrengungen, um den Rand urbaner zu machen. Auch Berlin hat seit Jahren Förderprogramme wie etwa "MittendrIn Berlin", das ausgewählte Projekte der lokalen Geschäftsstraßen-Initiativen fördert, das wirtschaftliche Herz der Außenbezirke, an denen meist auch der U- oder S-Bahnhof oder auch das Rathaus angesiedelt ist. So werden aktuell die Potsdamer Straße in Tiergarten, das Quartier rund um die Langhansstraße in Weißensee und die Wilhelminenhof-straße in Oberschöneweide mit insgesamt 105.000 Euro Preisgeld für die Umsetzung ihrer Ideen in diesem Sommer gefördert. Und auch der Bund stellt seit 2008 jährlich Geld aus dem Topf "Aktive Zentren" zur Verfügung. Allein in diesem Jahr beläuft sich die Summe, mit der die lokalen Geschäftszentren wie beispielsweise die Müllerstraße in Wedding unterstützt werden sollen, auf insgesamt 41 Millionen Euro.

Doch um den Stadtrand urbaner, städtischer zu machen, gehört mehr. "Fußläufig oder zumindest in Fahrradreichweite möchte ich Cafés haben, nette Läden, meine Arbeitsstelle oder wenigstens, wenn ich von zu Hause arbeite, einen Coworking Space, also ein Gemeinschaftsbüro", formuliert der Londoner Planer den Anspruch der neuen urbanen Generation. Damit das in Berlin gelingen kann, bedarf es auch einer Reform des Baurechts. Die ist bereits in Arbeit. Nach dem Gesetzentwurf von Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) können die Kommunen sogenannte "urbane Gebiete" (MU) festlegen, in denen dichter gebaut werden kann und beispielsweise Lärmschutzgrenzen nach oben gesetzt werden dürfen. Damit könnten Stadtteile mit Wohnungen, Kultur, Einzelhandel, Gastronomie und anderen Gewerben nahe beieinander entstehen.

Berlin wirke wie "ausgegossener Stadtbrei"

Dem Berliner Architekten und Stadtplaner Tobias Nöfer geht das indes nicht weit genug. Er stellte auf der Werkbund-IHK-Konferenz "In Sicht: 100 Jahre Groß-Berlin" seine Vision von einem "Cityring" vor, die er zusammen mit seinem Kollegen Klaus Zahn entworfen hat. In diesem Hochhausentwicklungsplan soll ein ganzer Ring von Türmen flächenschonende Nachverdichtung ermöglichen – und das nicht etwa im Zen­trum, an Alexander-, Potsdamer oder Breitscheidplatz. "Eine weitere Verdichtung der Stadt kann ökologisch verantwortbar nur an Orten stattfinden, die bereits erschlossen, mit öffentlichem Nahverkehr zu erreichen und nah zu den bestehenden Zentren liegen", so der Visionär. In Berlin gäbe es viele solche Orte, so der Architekt. Die flächenhafte Ausdehnung mit ihren 892 Qua­dratkilometern sei enorm. Durch die flache Topografie wirke Berlin deshalb derzeit wie ein "ausgegossener Stadtbrei". Das müsse sich ändern: "Wir schlagen Paare von 150-Meter-Hochhäusern vor, die wie Stadttore den Ein- oder Austritt in das Innere der Stadt oder das Umland der wachsenden Metropole markieren."

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