City West

Warum die Kantstraße die Landebahn Berlins ist

„Boulevard der Einwanderer“ heißt die Straße im Westen der Stadt. Jetzt würdigt ein Buch die historische Vielfalt der Kantstraße.

Die Kantstraße war von der Bombardierung des Zweiten Weltkrieges besonders stark betroffen, nach 1945 stand hier Ruine neben Ruine

Die Kantstraße war von der Bombardierung des Zweiten Weltkrieges besonders stark betroffen, nach 1945 stand hier Ruine neben Ruine

Foto: ullstein bild

Wie lange dauert es, die Kantstraße entlangzulaufen? Von ihrem Beginn an der Gedächtniskirche bis hinunter zum Amtsgerichtsplatz, an dem die Kantstraße aufhört und die Neue Kantstraße einsetzt? 36 Minuten schlägt Google-Maps für die 2,9 Kilometer vor.

Aber nicht mit Birgit Jochens. Das könnte sie niemals mehr schaffen. Wir sind mit ihr an diesem Morgen vor dem Delphi-Kino – dem ehemaligen "Delphi Tanzpalast" – verabredet, überqueren an der Ampel die Straße. Und schon bleibt sie stehen. Sie zeigt auf das Kant-Dreieck, das moderne, weiße Hochhaus mit der Haifischflosse auf dem Dach. "Hier saßen die wichtigsten jüdischen Organisationen", sagt sie – gemeint sind der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden und nach 1933 Institutionen wie die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe oder die Zentralwohlfahrt der deutschen Juden. Und an der Ecke gegenüber, dort, wo heute ein Café ist, hatte "ein Teppichhändler sein Geschäft". Der sephardische Jude saß in den 20er-Jahren im Schaufenster und knüpfte Teppiche, wie im Orient.

Nur wenige Schritte weiter schon wieder ein Stopp, diesmal Hausnummer 153. Rudolf Diesel lebte hier mit seiner Familie, ein Jahr zwar nur, aber es war ein wichtiges Jahr. 1893 entwickelte er die entscheidenden Ideen für seinen Verbrennungsmotor, Berlin war offenbar inspirierend. Und ein Haus daneben, Richtung Savignyplatz, saß die Zeitschrift "Die Weltbühne" mit ihrem Herausgeber Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger, der 1938 an den Folgen seiner KZ-Internierung starb. Die Redaktionsräume lagen übrigens in dem Haus, in dem heute die "Paris Bar" allabendlich ausgesuchte Gäste bei Entrecôte mit Frites und Salade Niçoise empfängt.

Vor jedem dieser Häuser bleibt Birgit Jochens also stehen und erzählt Geschichten. Ein Blick auf die Uhr – 20 Minuten sind längst um. Und wir haben noch nicht einmal einen Häuserblock geschafft. Schneckentempo. Was soll man machen, die Kantstraße ist Jochens neue Leidenschaft. Dabei war es erst Liebe auf den zweiten Blick.

"Anfangs habe ich gedacht, was gibt es da zu erzählen? Die Kantstraße ist doch einfach eine Geschäftsstraße", meint die attraktive 68-Jährige. Doch dann begann die Historikerin, die 20 Jahre lang das Museum Wilmersdorf-Charlottenburg in der Villa Oppenheim leitete, zu recherchieren. Und sie wurde mehr als fündig. Nun hat sie ein Buch über die Kantstraße und ihre Geschichte geschrieben.

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Hier kann und konnte man immer in der Stadt ankommen

Es stellte sich heraus: Die Kantstraße ist traditionell so etwas wie die Landebahn Berlins. Hier kann und konnte man immer gut in der Stadt ankommen, egal wie weit die Anreise war. Aus der deutschen Provinz, als emigrierter Russe nach der Russischen Revolution, als Chinese in den späten 20er-Jahren oder als Pole unmittelbar nach dem Mauerfall. Niemand musste seine Herkunft verstecken, auch die Chinarestaurants der Weimarer Zeit warben mit Leuchtschriften in chinesischen Zeichen. Ein "Boulevard der Einwanderer", meint Jochens. Hier ging es immer bunt zu: Künstler wohnten neben Ingenieuren, Tänzerinnen neben preußischen Offizieren. Auch die Religionen waren vielfältig, allein auf der Kantstraße gab es in den 20er-Jahren mehrere Synagogen. Die jüdische Kultur zerstörten die Nazis, nach 1945 blieb nur wenig davon – wie die Synagoge in der angrenzenden Fasanenstraße.

Die NS-Zeit. Wir sitzen inzwischen im berühmten "Schwarzen Café" in der Kantstraße 148, das schon zu West-Berliner Zeiten ein Magnet für alle Spätfrühstücker war. Die sonst so beredte Frau Jochens hält einen Moment inne. Es waren die Jahre nach 1933, in denen so viele Bewohner der Kantstraße unter Zwang ihre Möbel und Kunstwerke bei Auktionen verscherbeln mussten, um Geld zusammenzubekommen, damit sie fluchtartig das Land verlassen konnten. Die Auktionen fanden in den Wohnungen selbst statt, alle in der Nachbarschaft bekamen es mit. Diese Phase sei ihr doch ziemlich an die Nieren gegangen. In den Telefonbüchern der Jahre kann man die Wechsel verfolgen. Wohnungsbesitzer, die Jahrzehnte in Gegenden wie dem Savignyplatz oder nahe der Wilmersdorfer Straße gewohnt hatten, verschwanden plötzlich über Nacht, neue Namen tauchten auf. "Das ist natürlich ein Thema, an dem man überhaupt nicht vorbeikommt", sagt sie.

Die Kellnerin bringt die Cappuccinos. Ihr Muskelshirt bringt ihre vielen Tattoos zur Geltung, abgerundet wird ihre Erscheinung von einem blondierten Irokesen und einem Nasenpiercing. Von einem Servierfräulein, das früher in den Cafés der Kantstraße bediente, ist sie Lichtjahre entfernt. Das "Schwarze Café", 1978 als Kollektiv gegründet, stand schon immer für das ruppige, linke Berlin der späten Nachkriegsjahre. Als es eröffnete, war die Kantstraße mit ihren billigen Elektroläden verschrien als Ramschmeile. Um die Ecke auf dem Savignyplatz standen die Nutten und schafften an.

Schicke Hotels, nette Restaurants und viel Möbeldesign

Inzwischen findet man auf dieser Höhe schicke Hotels, nette Restaurants und viel Möbeldesign. Es ist wieder edel geworden am Savignyplatz. Die Kantstraße, sie hat wie eine Katze mindestens sieben Leben. Anfang, Aufbruch, Flucht, Neunanfang – für all diese Schicksale steht sie, durch ganz verschiedene politische Zeiten und Systeme hindurch. Selbst für Berliner Verhältnisse ist sie eine eher junge Straße. Erst nach 1890 wurde sie angelegt und verband das rasch wachsende Charlottenburg mit der Gegend um den Kudamm. Schon am Entrée der Straße stand ein erster architektonischer Höhepunkt: das Theater des Westens, das 1896 eröffnet wurde. "Ein glanzvolles gesellschaftliches Ereignis", so Jochens.

Die Straße, ehemals im reinen Gründerzeitstil bebaut, hat heute ein sehr unterschiedliches Gesicht. Die Stuckarchitektur wechselt sich mit Moderne ab, mal schön, mal weniger. Im Krieg gehörte die Kantstraße zu einem der am stärksten bombardierten Straßenzüge. Doch die Biografien der Bewohner, die sich an den Hausnummern festmachen lassen, sind dokumentierbar. Jochens erzählt viele von ihnen in ihrem Buch.

Nein, besonders weit sind wir nicht gekommen, nicht über den Savignyplatz hinaus. Weiter unten gebe es auch viel Spannendes, sagt Birgit Jochens. Da sei der Autohändler Hans Wax, der seine Werkstatt in der Kant-Garage hatte und gleichzeitig in den 50er-Jahren für die Stasi spitzelte. Oder die Schriftstellerin Else Ury, Erfinderin des Nesthäkchens, die später im KZ umgebracht wurde.

Eines ist sicher – für die 2,9 Kilometer braucht Birgit Jochens zu Fuß bestimmt einen ganzen Vormittag. Wenn das überhaupt reicht.

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