Betrugs-Masche

Wie falsche Spendensammler in Berlin Touristen abzocken

Weil sie hilfsbereite Menschen zu vermeintlichen Spenden für kranke Kinder animierte, erhielt eine 20-Jährige eine Bewährungsstrafe.

Der Anlass für die Spenden war - so schien es zumindest - durchaus ehrenwert: Sie sollten auf dem Konto des "Landesverbandes für behinderte und taubstumme Kinder" verbucht werden. Das Problem ist nur: Es gibt diesen Landesverband nicht. Und die Gelder flossen in ganz andere Kanäle.

Die 22-jährige Joana O., die am Donnerstag von einem Jugendschöffengericht zu einer Bewährungsstrafe verurteil wurde, hat vermutlich nur einen sehr kleinen Teil der Beute bekommen. Sie stand zum ersten Mal vor Gericht, ist aber keineswegs zu ersten Mal straffällig geworden. So wurden von der Staatsanwaltschaft schon acht Mal Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt. Geblieben war aber immer noch genug. Der Staatsanwalt verlas am Donnerstag acht Anklagesätze. Dabei ging es um Schwarzfahrten bei der BVG, Diebstähle und Betrügereien.

Beliebt waren Orte wie der Kurfürstendamm und der Breitscheidplatz

Joana O. erklärte über ihren Verteidiger alle Vorwürfe als richtig. Sie und ihre Gruppe hätten sich mit den Bitten um Spenden ganz gezielt Touristen ausgewählt. An belebten Orten wie den Kurfürstendamm und den Breitscheidplatz. Zur Masche gehört auch, den arglosen Touristen in die bereitwillig geöffnete Geldbörse zu greifen. So auch einem Jugendlichen aus Südkorea, dem am 29. Januar 2017 in der Joachimstaler Straße 195 Euro und 40.000 Koreanische Won aus der Brieftasche gestohlen wurden. Er rannte Joana O. hinterher und hielt sie fest. Das wollte die zierliche Frau verhindern, schlug um sich und kratzte den 16-Jährigen. Deswegen gehört zur Anklage nun auch Körperverletzung.

Joana O. wurde am 29. Januar 2017 nicht zum ersten Mal aufgehalten und der Polizei übergeben. An diesem Tag blieb es allerdings erstmals nicht beim Feststellen der Personalien. Sie kam in Untersuchungshaft - und erst 24 Tage später nach der Zahlung einer Kaution von 3000 Euro wieder frei. Seitdem, beteuerte sie vor Gericht, habe sie keine Betrügereien mehr begangen. Das Gefängnis sei für sei schrecklich gewesen. Ihr Anwalt sagte, dass sie durch die Untersuchungshaft "für die Community verbrannt" sei. Seine Mandantin, die 2015 aus Bukarest/Rumänien nach Berlin kam, wolle sich jetzt vor allem um ihre drei kleinen Kinder kümmern.

Der Staatsanwalt hielt es für schwierig, die Angeklagte zu bestrafen

Die Familie lebt in der Emser Straße in Neukölln. Der Vater ihres Lebensgefährten ist das Familienoberhaupt. Als die Jugendrichterin fragte, ob die Männer etwas mit den Straftaten zu hätten, schüttelte Joana O. den Kopf.

Der Staatsanwalt hielt es für schwierig, die Angeklagte zu bestrafen. Letztlich handele es sich ja nur um kleine Delikte mit einem Gesamtschaden von höchsten 200 Euro. Er beantragte eine Geldstrafe von 3000 Euro - also genau die Kaution, die Joana O. ansonsten nach dem Prozess von der Justizkasse zurück bekommen würde.

Ihr Verteidiger fand das sehr bedenklich. Die Kaution sei von der Familie ihres Lebensgefährten gesammelt worden, erklärte er. Es bedürfe wenig Fantasie, sich vorzustellen, "was der Familienclan fordert, damit er sein Geld zurück bekommt". Wirkungsvoller wäre es, sie mit einem Jahr und einen Monat Haft zu bestrafen. Ausgesetzt auf Bewährung. Der eine Monat wäre durch die U-Haft abgegolten. Aber es bliebe drohend ein ganzes Jahr Haft, wenn sie erneut rückfällig werde. Das Gericht folgte dem Anwalt.

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