Kultur-Macher

Café Sibylle setzt auf DDR-Geschichte ohne Ostalgie

Seit 1953 gibt es das Café an der Karl-Marx-Allee. Zunächst eine Milchtrinkhalle, ist das Lokal heute ein kultureller Kiez-Treffpunkt.

Das Café Sibylle gibt es seit 1953. Anfangs hieß es aber einfach Milchtrinkhalle

Das Café Sibylle gibt es seit 1953. Anfangs hieß es aber einfach Milchtrinkhalle

Foto: Amin Akhtar

Die Ost-Berliner Karl-Marx-Allee war Anfang der 50er-Jahre die größte Baustelle der DDR und ist bis heute ein architektonisch hochinteressantes Denkmal. Weniges ist seitdem gleich geblieben auf der damals zu Ehren Stalins angelegten Prachtstraße. "Auf der gesamten Karl-Marx-Allee gibt es nur noch zwei Originale, die seit der DDR-Zeit überlebt haben", sagt Uwe Radack, "das sind das Lichthaus gegenüber und wir." Mit "wir" ist das Café Sibylle gemeint, seit zwei Jahren ist Radack der Geschäftsführer. Ins Veranstaltungsgeschäft kam er als Quereinsteiger; als studierter Wirtschaftsrechtler hatte er bis dato als Erbenermittler gearbeitet und vor allem in den USA über Jahre hinweg Erben jüdischer Vermögen aus Deutschland ausfindig gemacht.

Die Tradition soll bewahrt werden

Seit seinem Amtsantritt an der Karl-Marx-Allee hat sich einiges getan im Kulturcafé. Ganz neu erfinden musste Radack das Rad dafür nicht, denn etliche eingespielte Veranstaltungsreihen wurden von ihm fortgeführt oder weiterentwickelt. "Meine Intention ist es, die Tradition dieses Baudenkmals zu bewahren und mit kulturellen Ambitionen Leben hineinzubringen", sagt er.

Eröffnet wurde das Café bereits 1953, mitten in der Zeit des groß angelegten Wiederaufbauprogramms, in dessen Zuge die sogenannten "Arbeiterpaläste" auf dem damals noch Stalinallee genannten Prachtboulevard entstanden. Anfangs hieß der beliebte Treffpunkt einfach Milchtrinkhalle, später Milchbar, bis er dann Mitte der 60er-Jahre zum Café Sibylle wurde. Sibylle, das war auch der Titel einer bekannten DDR-Modezeitschrift, die in der damals vergleichsweise exklusiven Lokalität Modenschauen organisierte.

Eine Ausstellung zeigt die geschichtsträchtige Kuriositäten

Eine sehenswerte Ausstellung mitten im Café dokumentiert die wechselvolle Geschichte der Allee. Sie wird von einem Verein kuratiert und betrieben, mit dem Radack eng kooperiert. Von den Anfängen der Stalinallee bis zum aktuellen Wiedererblühen der Straße als hippe Wohn- und Bummelmeile schlägt die kleine Schau einen weiten Bogen. Die wohl bekanntesten Exponate sind ein Bartstück und ein Ohr Stalins – sie gehörten zu der fast fünf Meter hohen Stalinstatue, die hier einst vor den Türen der Anwohner stand. Als das Denkmal im Zuge der Entstalinisierung Anfang der 60er-Jahre entfernt und eingeschmolzen wurde, ließen beteiligte Arbeiter einige Einzelteile mitgehen. Nach dem Fall der Mauer tauchten sie wieder auf und zählen seitdem zu den geschichtsträchtigen Kuriosa im Café.

DDR-Geschichte spielt eine zentrale Rolle – aber ohne Ostalgie

Die DDR-Geschichte spielt an diesem Ort natürlich eine zentrale Rolle, von Ostalgie allerdings möchte Radack nichts wissen. "Eine DDR-Fahne hängen wir hier nicht an die Wand", sagt er. Das wäre auch schade um die historischen Wände, auf denen noch Reste der originalen Bemalung aus den 50er-Jahren freigelegt werden konnten, bunte Eiswagen, Cocktailgläser oder Blumen. Im zurückgesetzten Teil des Cafés hängen dagegen Dutzende bunt bemalte, oft mit politischen Kommentaren versehene Regenschirme umgekehrt von der Decke, Ausdruck von Kultur- und Kiezverbundenheit gleichermaßen.

"Rettungsschirme für Arme – Schirme für den Frieden" nennen sich diese käuflich zu erwerbenden Unikate. "Die werden von der Friedrichshainer Künstlerin Ute Donner gestaltet", sagt Radack, "gestern wurde gerade einer der signierten Schirme verkauft, heute ist schon eine neuer da." Eine hervorragende Unterstützung für die lokal ansässige Künstlerin, "das Geld geht eins zu eins an sie".

Regelmäßig Lesungen Friedrichshainer Autoren

Die Vernetzung im Bezirk ist ein wesentliches Element des Programms im Café Sibylle. "Wir sind da sehr offen und fühlen uns der Kiezkultur auf jeden Fall verpflichtet", so Radack. Seit vielen Jahren schon halten die Friedrichshain-Kreuzberger SPD sowie Linke und CDU ihre Mitgliederstammtische im Café ab. Regelmäßig gibt es Lesungen mit Friedrichshainer Autoren beziehungsweise solcher mit Friedrichshainbezug. Und selbst das hier gezapfte Quartiermeister-Bier stammt aus lokaler Produktion und einem obendrein sozial engagierten Unternehmen.

Viele Veranstaltungen, aber keine geschlossenen Gesellschaften

Auch die Entwicklungen im Bezirk schlagen sich im Programm nieder, wie zum Beispiel der Zuzug junger Menschen aus dem Ausland. Im Veranstaltungsformat "Storyteller" können Neuberliner aus aller Herren Länder unterhaltsame Geschichten aus ihrer Heimat zum Besten geben, bisher auf Englisch, "und demnächst sogar auf Spanisch, denn es gibt eine große spanische Community in Friedrichshain". Ein englischsprachiger Stand-up-Comedy-Abend ist auch schon länger im Programm.

Mit mehreren Vereinen und Gesellschaften pflegt Radack langfristige Kooperationen. Der Humanistische Verband beispielsweise veranstaltet Sonntagsmatineen die einen gemütlichen Brunch mit Lesungen und Vorträgen verbinden – "sehr erfolgreich, immer ausgebucht", sagt Radack. Auch die in Lehnitz ansässige Friedrich-Wolf-Gesellschaft veranstaltet regelmäßig Lesungen im Café.

Wechselnde Kunsgtausstellungen und Kabarettprogramme

Eine Tradition, die noch aus DDR-Zeiten herrührt, ist auch die Zusammenarbeit mit einigen lateinamerikanischen Botschaften, die das Café für Feiern und offizielle Anlässe nutzen. Illustre Zusammenkünfte, die immer offen für alle sind. "Keine geschlossenen Gesellschaften, darauf legen wir ein Augenmerk", sagt Radack.

Daneben gibt es Lustspiele, Diskussionsveranstaltungen, Buchvorstellungen, wechselnde Kunstausstellungen, Chansonabende oder Kabarettprogramme – langweilig wird es nie im Café Sibylle. Es nimmt kaum Wunder, dass die Kombination von Geschichte, Kultur und – nicht zu vergessen – gastronomischem Angebot Besucher von nah und fern anzieht. Es gibt Stadtführer, die ihre Gruppen gezielt hierher bringen, selbst Klassen aus Ägypten wurden schon gesichtet. "Ich freue mich immer, wenn jemand fragt, wo die Toilette ist", sagt Radack, "dann weiß ich, das sind wieder neue Gäste."

Fokus liegt auf Kaffee und Kuchen

Noch ein Wort zur Gastronomie. Wie der Name schon sagt, ist das Café ein Café und kein Restaurant mit großer Abendkarte. Frühstück oder Snacks gibt es zwar, doch der Fokus liegt auf Kaffee und Kuchen, weswegen auch schon am frühen Nachmittag fröhliche Grüppchen beim Gespräch zu beobachten sind. Darunter sind auch zahlreiche Stammkunden, die gleich um die Ecke in Friedrichshain wohnen. "Oft werden hier private Jubiläen gefeiert", sagt Radack, ein 60., 70. oder letztes Jahr sogar ein 90. Geburtstag. "Von Leuten, die hier seit Jahr und Tag herkommen, manchmal Paare, die sich vor Jahrzehnten hier im Café kennengelernt oder den ersten Kuss gegeben haben. Ganz rührende Geschichten."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Meistgelesene