Kultur

Berliner trommeln für Deutschlands größten Proberaum-Komplex

Das "Rockhaus" in Lichtenberg droht nach einem Eigentümerwechsel die Räumung. Musiker wollen das verhindern.

„Wir wollen zeigen, dass man uns nicht so leicht vertreiben kann“

„Wir wollen zeigen, dass man uns nicht so leicht vertreiben kann“

Foto: Maurizio Gambarini

Für Thore von Sengen war die Nachricht auf der Mieterversammlung ein Schock. "Da klappte uns allen die Kinnlade herunter", sagt der 46-Jährige. Der Zorn, das Unverständnis und wohl auch eine Menge Existenzangst mussten raus: Am Abend schrieb er einen Song, der zusammenfasst, was der Berliner Musikszene jetzt droht.

Dirk Kümmele, Hauptmieter des größten Proberaumkomplexes Deutschlands, des "Rockhauses" in Lichtenberg, wo 1000 Hobbyrocker, Profis und Musiklehrer wie Thore von Sengen Spaß haben oder ihren Lebensunterhalt verdienen, hat vom Besitzer des fünfstöckigen Ost-Baus die Kündigung erhalten. Beide Lager liefern sich seitdem einen erbitterten juristischen Kampf. Verlierer könnte die Musik sein. Denn obwohl sich Bezirksamt und Kultursenator für den Erhalt starkmachen, droht dort täglich die Räumung.

Kümmele (50) bangt jetzt um seine Zukunft. In der Stadt, wo Rock 'n' Roll kein Ärgernis, sondern ein Wirtschaftsfaktor ist, machte er das hässliche ehemalige Postdienstgebäude nahe der Frankfurter Allee mit einer Investition von mehr als 250.000 Euro zu einer modernen Entertainment-Adresse. Bei der Eröffnung vor zehn Jahren war Thore von Sengen der Erste auf seiner Etage. "Ohne das Rockhaus würden in dieser Schrottimmobilie heute die Fledermäuse leben", sagt der Musiklehrer.

Zwischen jeweils 180 und 500 Euro monatlich zahlen die Mieter von Dirk Kümmele in den 190 Räumen. Von Sengen, der sein Protest-Lied "Das Rockhaus bleibt" jetzt auf Youtube gestellt hat, teilt sich die Summe mit einer Band, unterrichtet Schüler in Gruppen und einzeln. Andere Mieter sind so unterschiedliche Künstler wie Hitsängerin Namika ("Lieblingsmensch"), Schlagerikone Frank Schöbel, das internationale Show-Trio Blue Man Group und Elena, Schwester von Stargeiger David Garrett.

Nach dem Wechsel der Eigentümer des Gebäudes ist Kümmeles Unternehmen nun bedroht. Mitte 2015 kaufte die "Buchberger Str. 6 GmbH" das Grundstück. In einer Stellungnahme erklärt ihr Anwalt, Kümmele sei seinen vertraglichen Verpflichtungen zum Brandschutz nicht nachgekommen. Weil Kümmele nach mehrfacher Aufforderung die erforderlichen Maßnahmen nicht durchgeführt habe, habe er im Februar 2016 die Kündigung erhalten.

Kümmeles Anwältin Yvonne Dreher sagt, die Eigentümer hätten Kaufinteressenten durch das Haus geführt. Doch keiner habe das Haus haben wollen. Das Brandschutzargument sei, da ist sich Kümmele sicher, "nur vorgeschoben, um mich loszuwerden." Nach einer Klage der Eigentümer vom April 2016 erkannte die Richterin am Berliner Landgericht im November 2016 auf "Räumung". Anwältin Dreher schreibt jetzt an der Berufung. Dennoch könne mit dem Urteil der Gerichtsvollzieher vor dem Rockhaus erscheinen, sagt sie.

"Es fehlt für das Rockhaus keine Genehmigung"

Bei der landeseigenen Interessenvertretung für Musikbelange, der Musicboard Berlin GmbH, verfolgt Geschäftsführerin Katja Lucker den Streit mit Sorge. "Wenn das Rockhaus fortfällt, wäre das eine Katastrophe für Berlin", sagt sie. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hatte sich im Kulturausschuss für eine Vermittlung Luckers zwischen Eigentümer und Mieter ausgesprochen. Allerdings, so Lucker inzwischen: "Der Anwalt des Eigentümers hat mir erklärt, sein Mandant wolle kein Gespräch am runden Tisch."

Am Freitag jedoch sorgte der Vorsitzende des Kulturausschusses Lichtenberg, Andreas Prüfer (Linke), für eine Überraschung. Auf Anfrage der Berliner Morgenpost legte er die Antwort auf seine Kleine Anfrage an das Bezirksamt vor. Prüfer, der den Fortbestand des Übungsgebäudes fordert, hatte darin wissen wollen, welche Fristen zur Behebung von Mängeln im Gebäude Buchberger Straße 6 bestanden haben und ob Auflagen nachvollziehbar abgearbeitet worden sind. In der Antwort heißt es nun, es sei davon auszugehen, "dass es aus Sicht des Prüfingenieurs für Brandschutz (...) keine offenen Auflagen/Mängel gibt." Das findet Prüfer bemerkenswert: "Es fehlt für das Rockhaus also keine Genehmigung."

Anträge auf Abriss oder einen Umbau liegen nicht vor

Auch Gerüchte unter den Musiker-Mietern, das Gebäude solle abgerissen werden, vielleicht sogar teurem Wohnbau weichen, dürften die Antworten des Bezirksamtes beenden: Für die Buchberger Straße 6 lägen weder Bauvoranfragen, Bauanträge, Anträge auf Nutzungsänderung noch Abrissanzeigen vor. Zudem sei der Bereich im Flächennutzungsplan als Gewerbeareal ausgewiesen.

Der Anwalt der "Buchberger Straße 6 GmbH" teilte mit, man habe Kümmele erfolglos um Kontaktdaten der Musiker und die Mietverträge gebeten. So könne man an die Bands herantreten, etwa zu "einer Fortführung der Nutzung". Gefragt, ob er sich da nicht Sorgen macht, dass das Unternehmen seine Mieter übernehmen könnte, verneint Kümmele. Die GmbH habe das Rockhaus 2015 nur erworben, weil es Teil eines Immobilienpakets war. "Am Rockhaus selbst war sie nie interessiert."

"Wir wollen zeigen, dass man uns nicht so leicht vertreiben kann"

Angesicht der Ungewissheit und als Zeichen, wie viel kreative Kraft aus den 200 Räumen kommt, luden die Bands des Übungskomplexes am Freitagabend zu einer Protestveranstaltung vor dem Haus. Knapp 30 Schlagzeuger trommelten da, Rocker in bestickten Jeansjacken, auch Familienväter mit Nachwuchs. Dazu lief "Das Rockhaus bleibt", der Song von Thore von Sengen. Vorbeifahrende Autos wurden langsamer, Fahrer hupten und lächelten den Musikern aufmunternd zu.

"Wir wollen zeigen, dass man uns nicht so leicht vertreiben kann", sagt Lille Greiner. Sie gibt seit sieben Jahren Saxofonunterricht im Rockhaus. Jetzt steht sie mit einem iPad vor den Schlagzeugern, filmt alles für die Youtube-Seite der Protestler. Greiners Schüler kommen aus der Umgebung. "Sie würden nicht nach Charlottenburg oder Neukölln fahren", sagt sie.

Im Übungskomplex beginnt eine der geschlossenen Veranstaltungen, ganz unter dem Motto der Rettung. Drei Bands geben alles und zeigen, wofür Proberäume wie die im Rockhaus gut sind. 90er-Jahre-Grungemusik macht die Zuschauer immer lockerer. Diese Leidenschaft eint sie. Und der Drang, dieses Haus der Musik zu erhalten.

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