Berlin

Speicheltest in Lichtenberg: Polizeiarbeit mit Wattestäbchen

Um den Tod eines Babys aufzuklären, werden Frauen in Lichtenberg zur Speichelprobe geladen. Ein Ortstermin.

Katja (31) gibt eine Probe ab

Katja (31) gibt eine Probe ab

Foto: Steffen Pletl

Vier Tage lang ist die Kriminalpolizei zu Gast in einem Flüchtlingsheim an der Ruschestraße in Lichtenberg. Ermittler der Mordkommission haben mehr als 1600 Frauen und Mädchen aus dem Bezirk Lichtenberg zu einer Reihenuntersuchung eingeladen, die nur bei schweren Straftaten unter gewissen Voraussetzungen angeordnet werden kann. Bis zum Donnerstag sollen in dem DRK-Gebäude Speichelproben genommen werden.

Die Polizei hofft, über einen DNA-Abgleich nach mehr als einem Jahr den Tod eines Neugeborenen aufzuklären und die Mutter identifizieren zu können. Das Baby war Anfang März 2016 auf einem verwilderten Parkareal in der Rusche­straße von einem Spaziergänger leblos gefunden worden. Es war in ein rosafarbenes und ein hellblaues Handtuch gewickelt.

Katja ist aufgeregt, ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen. Die 31-Jährige hatte vor wenigen Tagen ein Schreiben der Polizei im Briefkasten. "Ein Brief von der Polizei, ich habe doch nichts verbrochen", sagt sie. Dies sei ihr erster Gedanke gewesen. "Ich habe mir Gedanken gemacht, versucht zu verstehen, was ich angestellt haben könnte. Erst beim zweiten Lesen war mir klar, dass es um einen Speicheltest geht", erzählt die junge Frau, bevor sie einem Beamten ihren Personalausweis vorlegt. Mit einem bereits von der Polizei ausgefüllten Bogen tritt sie im Kellergeschoss an Tisch sieben. Einer von zehn Tischen, an denen Polizisten die Tests entgegennehmen. "Was muss ich tun?", fragt Katja eine Beamtin, die ihr gegenübersitzt.

"Wenn ich mit meiner Speichelprobe zur Klärung beitragen kann, ist alles in Ordnung"

"Sie können das selbst machen, oder ich halte das Stäbchen und fahre damit vorsichtig über die Innenwand ihrer Wange", sagt die Frau in Polizeiuniform. "Nach dieser Anleitung glaube ich, das auch selber machen zu können", sagt Katja und lächelt zum ersten Mal. Kaum hat sie ein Stäbchen mit ihrer Probe abgegeben, ist eine zweite Probe fällig. "Warum?", fragt Katja. "Zur Sicherheit", sagt die Beamtin. "Und was passiert mit meinen Daten?" "Die werden gelöscht", antwortet die Beamtin. Spätestens wenn der Fall zu den Akten gelegt wird. "Ich hoffe, der Fall wird aufgeklärt. Wenn ich mit meiner Speichelprobe dazu beitragen kann, ist alles in Ordnung", sagt Katja, bevor sie eilig das Souterrain des Plattenbaus verlässt.

Grundlage für die aufwendige Polizeiaktion ist ein forensisches Gutachten, das belegt, dass die unbekannte Mutter aus Südosteuropa stammt und erst einige Jahre vor der Geburt des Säuglings in die Region Berlin kam. Das Gutachten wurde am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München angefertigt.

Diplombiologin Dr. Christine Lehn erklärt, wie man eingrenzen kann, woher ein Mensch kommt: "In diesem Fall haben wir Proben vom Gewebe des toten Babys genommen, die zu unterschiedlichen Zeiten gebildet wurden." Die Haare verraten, wo die Mutter die letzten Monate vor der Geburt verbracht hat. Die Knochen des Kindes lassen Rückschlüsse zu, wo die Mutter früher gelebt haben könnte.

Ernährung lässt Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort zu

Der Fachbegriff für die Analyse lautet Stabilisotopenanalyse. Wissenschaftler können so feststellen, was ein Mensch an Nahrung und Getränken zu sich genommen hat und welchen Umwelteinflüssen er ausgesetzt war. Das lässt Rückschlüsse zu, wo der Mensch gelebt hat. Die Rechtsmediziner können auf eine Vergleichsdatenbank zugreifen, in der sich Isotopendaten von Haarproben aus allen Regionen der Welt befinden. Ein Hinweis zur Bestimmung der geografischen Herkunft ist etwa der Maiskonsum. Während in Nordeuropa weniger Mais gegessen wird, wird im Süden Europas mehr konsumiert.

Insgesamt haben bis Dienstagabend 425 Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter ihre Speicheltests abgegeben, davon 184 bereits am Montag. "Wer bis Donnerstag, 16 Uhr, der Einladung nicht Folge leistet, wird von der Kripo erneut kontaktiert", so eine Sprecherin. Viele der 1600 Betroffenen hätten sich gemeldet, weil sie den Termin nicht einhalten können, etwa wegen Urlaubs. Die Frauen können den Test nachholen, heißt es. Fraglich ist noch, wie viele der Vorgeladenen unentschuldigt dem Test fernbleiben werden. Die Analyse der Proben werde Wochen, wenn nicht Monate dauern.

Mehr zum Thema:

184 Frauen und Mädchen beim DNA-TestMassenspeicheltest in NotunterkunftMassenspeicheltest in Notunterkunft

Massenspeicheltest in Notunterkunft

Säugling stirbt nach Geburt: Mordkommission ermittelt

Totes Baby: Polizei nimmt Mutter fest

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Meistgelesene