Hubertusbad Lichtenberg

Verlassener Berliner Badetempel braucht 30 Millionen Euro

Das Hubertusbad war ein Tempel mit Dampfbädern, Ruheräumen und Sonnendeck. Seit 1991 ist es geschlossen. Vielleicht nicht mehr lange.

Einst das "modernste Bad Berlins", heute eine Ruine

Do, 06.04.2017, 20.13 Uhr

Einst das "modernste Bad Berlins", heute eine Ruine: Das Hubertusbad

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Das Gebäude mit der beige-braunen, bröckelnden Fassade sieht unscheinbar aus. Dass sich dahinter ein spektakuläres Baudenkmal, ein im kubistisch-expressionistischen Stil gestalteter Badetempel mit Wannen- und Dampfbädern, Sauna und Sonnendeck verbirgt, ahnt man nicht. Seit 1991 ist das Hubertusbad geschlossen. Geöffnet wurde es danach nur noch sporadisch für Modeschauen, Filmaufnahmen, Ausstellungen oder an Tagen der offenen Tür.

Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) ist Eigentümer des Gebäudes. In einem aufwendigen Verfahren suchte das Landesunternehmen nach einem Investor, brach das Interessenbekundungsverfahren aber schließlich im vergangenen Herbst ergebnislos ab. Jetzt gibt es eine neue Initiative im Bezirk mit dem Ziel, das Denkmal wieder zugänglich zu machen. Am Donnerstag lud Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) zu einer Besichtigung ein, ein Vertreter der BIM nahm ebenfalls teil. Das Unternehmen will jetzt eine Machbarkeitsstudie erstellen – und der Bezirk hofft, dass sich endlich etwas tut. Eine kulturelle Zwischennutzung kann sich Grunst vorstellen, die Frage ist halt nur: wer bezahlt das?

Schwimmhallen fehlen im Bezirk Lichtenberg

Angeschoben hatte die neue Initiative der Lichtenberger Abgeordnete Sebastian Schlüsselburg (Linke), für den das Thema Hubertusbad "leider eine unendliche Geschichte ist". Er hat einen runden Tisch initiiert, hofft, dass vielleicht sogar ein Badebetrieb wieder möglich ist. "Schwimmhallen fehlen im Bezirk", sagt Grunst bei der Besichtigung. Allerdings wurden die Kosten für die Sanierung des Gebäudes schon vor ein paar Jahren auf "bis zu 30 Millionen Euro geschätzt".

Der bauliche Zustand ist umstritten. Aus Sicht von Michael Metze vom Förderverein Stadtbad Lichtenberg nutzt die BIM das auch als Argument, um das Bad nicht öffnen zu müssen. Der Verein setzt sich seit Jahren für "den Erhalt dieses einzigartigen Kulturgutes" ein. Einen öffentlichen Badebetrieb hält er aus Kostengründen für wenig wahrscheinlich. Realistischer sei eine Nutzung durch das benachbarte Oskar-Ziethen-Krankenhaus, das dort beispielsweise Babyschwimmen anbieten könnte. Für den Bau steht ein wichtiges Datum bevor: Am 2. Februar 1928 wurde das Bad eröffnet, im kommenden Jahr jährt sich also der 90. Geburtstag.

Eigentlich sollte der Bau viel früher fertig sein. Die ersten Planungen datierten aus dem Jahr 1907, seinerzeit erhielt Lichtenberg Stadtrecht. Zu einer Stadt gehört ein Bad, mag sich der damalige Bürgermeister Oskar Ziethen gedacht haben. Neukölln hatte gerade ein repräsentatives eröffnet, mit zwei Schwimmhallen – eine für Männer, eine für Frauen. Also plante man in Lichtenberg um. Statt einer funktionalen Halle wollte man auch etwas Schönes bauen. Der Erste Weltkrieg vereitelte die neuen Pläne. Die Stadtverordneten beschlossen schließlich im April 1919 den Bau einer "Städtischen Volksbadeanstalt" an der Hubertusstraße, die Arbeiten am Fundament begannen im selben Jahr. Ein Jahr später wurde Groß-Berlin gebildet, jetzt war der Magistrat zuständig. Er verhängte einen Baustopp.

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Fliesen aus den 20er-Jahren

Bäder dienten damals auch der Körperhygiene, Wannenbäder waren in den Wohnungen Luxus. Als dann die Flussbadeanstalten durch das Gesundheitsamt wegen des zunehmenden Schiffsverkehrs und der Verschmutzung der Gewässer geschlossen wurden, beschleunigte das die Baupläne, die 1925 durch die Ingenieur-Architekten Rudolf Gleye und Otto Weis fortgeschrieben worden waren. "Berlins modernstes Bad in Lichtenberg nach neunjähriger Bauzeit fertig", schrieb die Berliner Morgenpost am 1. Februar 1928. Das Männerschwimmbecken war mit 25 Metern fünf Meter länger als das für die Frauen, es gab medizinische Bäder, eine russisch-römische Abteilung als Saunabereich mit Warm- und Heißluftraum, Massagekabinen und einem Duschenraum mit Kaltwasserbecken, 68 Wannenbäder, einen Gymnastiksaal, Bereiche für physiotherapeutische Behandlungen, eine Sonnenterrasse und einen Aufzug für alte und kranke Besucher.

Die Fliesen stammen noch aus den 20er-Jahren, der 3-Meter-Sprungturm ebenfalls, sagt Jürgen Hofmann vom Förderverein, der an der Besichtigung teilnimmt. 80 Prozent des Originalinterieurs sei noch vorhanden. Dass die Uhr vor der Schwimmmeisterkabine fünf vor zwölf zeigt, dürfte kein Zufall sein.

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Die Suche nach Geldgebern verlief ergebnislos, weil das "Interesse potenzieller Investoren und die Anforderungen an den Denkmalschutz nicht in Einklang zu bringen sind", schrieb die Senatsverwaltung für Finanzen ernüchternd am 15. November 2016 als Antwort auf eine Schlüsselburg-Anfrage.

Es könnte für den Bezirk von Vorteil sein, dass Andreas Prüfer (Linke) jetzt Büroleiter des auch für Denkmalschutz zuständigen Kultursenators Klaus Lederer ist. Nach dem gescheiterten BIM-Verfahren hatte Prüfer, damals noch Stadtrat für Immobilien, gesagt: "Der Erhalt dieses denkmalgeschützten Gebäudes steht für uns weiter im Vordergrund. Hier ist das Land Berlin als Eigentümer in der Pflicht, denn offenbar ist es privat nicht möglich, diese Anforderung zu erfüllen." Vielleicht übernimmt ja der Kultursenator.

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