"Berlin braucht Tegel"

Die Retter von Tegel stehen kurz vor der Ziellinie

Überraschend steht die FDP kurz vor einem Volksentscheid für den Erhalt des Airports. 158.000 Unterschriften konnten gesammelt werden.

Sebastian Czaja (FDP) sammelt in der City West Unterschriften für die Offenhaltung von Tegel

Sebastian Czaja (FDP) sammelt in der City West Unterschriften für die Offenhaltung von Tegel

Foto: David Heerde

Zeit, sich zu verabschieden. Der junge Mann mit dem Lockenkopf hat seine Freundin zum Flughafen gebracht, der obligatorische Abschiedskuss reicht ihr aber nicht. "Wolltest du mich nicht noch irgendwas fragen?" Dann ist sie weg, und er muss durch das halbe Terminal rennen, um seine Frage doch noch zu stellen. Nicht den vermuteten Heiratsantrag, viel wichtiger: "Hast du eigentlich schon für die Offenhaltung von Tegel unterschrieben?"

Vielleicht hat Sebastian Czaja ein bisschen an seine eigene Geschichte gedacht, als seine Partei den zweiminütigen Werbespot "Tegelretter" zuletzt veröffentlichte. Als Ehefrau Katharina noch in Nordrhein-Westfalen lebte, musste der heutige FDP-Fraktionschef sie oft in Tegel verabschieden. Die emotionale Bindung zu dem Airport mit den sechs Ecken ist groß. Wie bei so vielen Berlinern. Das will die FDP nutzen.

Ende Januar erst ein Sechstel der Unterschriften

Es ist ein kalter Morgen, nicht die beste Zeit zum Unterschriftensammeln, aber immer noch besser als im Dezember, da seien sie teilweise "schockgefrostet" gewesen, erzählen sie bei der FDP. Der Stand steht direkt am U-Bahnhof Kurfürstendamm. Czajas Helfer schwärmen aus und stellen den Passanten die Frage aus dem Werbeclip. Die Stimmung unter den selbst ernannten Tegelrettern ist prächtig, das Wochenende war ein Erfolg. Dank etlicher neuer Unterschriften liegt die FDP mit ihrer Initiative "Berlin braucht Tegel" bei 158.000 Unterstützern, die Listen aus den Bürgerämtern nicht mitgerechnet. 174.000 gültige Stimmen müssen es bis Montag sein, damit der Weg für einen Volksentscheid zur Bundestagswahl im September frei ist.

Das war so nicht zu erwarten, nachdem Ende Januar gerade mal 30.000 Unterschriften beisammen waren. Doch dann wurde mobilgemacht, 350 Ladenbesitzer legten auf Anfrage Listen aus, bis zu 30 Stände pro Tag wurden in der gesamten Stadt aufgestellt. Und mit jeder neuen Nachricht von weiteren Verzögerungen am BER wächst die Zustimmung. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der "Berliner Zeitung" sind 73 Prozent der Bewohner für einen Weiterbetrieb von Tegel.

Es sind Leute wie Roland Bischof. Der Unternehmer hat im Büro in Eigeninitiative gesammelt. Bischof fliegt beruflich mindestens zweimal die Woche. Sollte Tegel schließen, würde er darüber nachdenken, mit seiner Firma wegzuziehen. Die Zugfahrt nach Schönefeld dauere ihm zu lang. Ein Helfer wird zum nächsten Taxistand geschickt – alle Fahrer unterschreiben. Sie befürchten Umsatzeinbußen, wenn niemand mehr nach Tegel kutschiert werden muss. Und da ist Sozialarbeiterin Friederike Böttcher, die sich in einer Einrichtung in der Nähe des Flughafens um Langzeitarbeitslose kümmert. "Die Leute haben Angst, dass die Mieten bei einer Schließung steigen", sagt sie und unterschreibt.

"Es ist natürlich viel Emotionalität dabei"

Oft greifen die Menschen aus profaneren Gründen zum Stift. "Es ist natürlich viel Emotionalität dabei", sagt Czaja. Ein Großteil finde, dass eine Hauptstadt nun mal zwei Flughäfen brauche. Jeder könne eine Tegel-Anekdote erzählen. Und irgendwie gehöre dieser praktische Airport mit seinen kurzen Wegen offenbar einfach dazu. Aber natürlich hat die FDP auch handfeste Argumente, die Czaja jedem Passanten, der sie hören will, erklärt: Der BER ist zu klein konzipiert und wird die künftigen Millionenzuwächse an Passagieren nicht stemmen können. Die Abhängigkeit von einem einzigen Flughafen ist gefährlich – vergangenen November etwa war Schönefeld wegen einer Panne eines Kleinflugzeuges fast zwei Stunden vom Netz. Tegel erwirtschaftet Gewinne, mehr als 100 Millionen Euro in 2015. Und natürlich die Sache mit den Taxiunternehmen.

"Am Anfang wurden wir belächelt", sagt Czaja, der betonen will, dass die Kampagne nicht ausschließlich für den Wahlkampf ersonnen wurde. 2011 flog die FDP mit schlappen 1,8 Prozent aus dem Abgeordnetenhaus. Bei der Wahl im vergangenen September gelang die Rückkehr, 6,8 Prozent. Maßgeblicher Erfolgsfaktor: Tegel. Aber: "Wir haben das nicht um unser selbst willen gemacht, wir wollten eine Debatte anstoßen." Dass sie dazu wieder auf der Oppositionsbank Platz nehmen dürfen, ist natürlich ein gewünschter Nebeneffekt

Viele Unterschriften kommen laut FDP aus dem Umfeld des Flughafens, aus Reinickendorf und Spandau, wo der Fluglärm am größten ist. Für die Liberalen der Beweis, dass sie mit ihrem Vorhaben niemandem schaden. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. "Wohnen Sie mal in der Einflugschneise!", ruft eine junge Frau empört, als sie angesprochen wird. Andere finden, dass es einfach egoistisch sei, aus reiner Bequemlichkeit für den Erhalt zu sein. Das sind die Befürworter des Senats, der an den Schließungsplänen festhält.

Auf dem Gelände sollen ein Forschungs- und Industriepark entstehen und neue Wohnungen, Anwohner von Fluglärm befreit, der BER Berlins internationales Drehkreuz werden. Aber vor allem ist die Schließung sechs Monate nach der BER-Eröffnung rechtskräftig. Ob die schon vor Jahren getroffenen Beschlüsse widerrufen werden können, ist umstritten. "Rot-rot-grüne Irrwege", sagt Czaja dazu. Dem Regierenden Bürgermeister Müller (SPD) fehle einfach die nötige Courage. Also will Czaja sich die Legitimation vom Volk holen. Ein erfolgreicher Volksentscheid wäre für den Senat zwar nicht bindend, sondern nur eine Empfehlung. "Aber wer so etwas beiseiteschiebt, ist abgewählt."

Und so wird die Geschichte gut ausgehen, sind sie bei der FDP sicher. Wie im Werbespot. Obwohl der junge Mann seiner Liebsten keinen Heiratsantrag macht, sondern nur eine Tegel-Unterschrift will, laufen beide am Ende händchenhaltend durch Terminal A.

Mehr zum Thema:

Liberale geraten bei BER-Debatte in die Schusslinie

Initiative für TXL fehlen noch viele Unterschriften

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Meistgelesene