Wasserball

Berliner Spitzensportler – und trotzdem völlig unbekannt

Laszlo Baksa spielt im erfolgreichsten Team Berlins, den Wasserfreunden Spandau 04. Nach dem Training muss er zur Arbeit gehen.

Wasserballer Lazslo Baksa

Wasserballer Lazslo Baksa

Foto: Amin Akhtar

Die deutschen Rekordmeister schlappen hintereinander in Badelatschen und schwarzen Bademänteln an den Beckenrand. Was aussieht wie eine müde Saunaprozession nach dem Aufguss, ist der Auftritt von sieben Leistungssportlern zum Lokalderby. Knapper Applaus, Pfiff, die bis zum Hals mit Muskeln bepackten Männer hüpfen mit den Füßen voran ins Wasser. Der Ansager nuschelt kurz ins Mikro, dass es jetzt losgeht, das Bundesligaspiel Wasserfreunde Spandau 04 gegen SG Neukölln.

Die Spandauer ergattern gleich den ersten Ball, kraulen durch die Halle, wehren die Gegner ab, werfen sich den Ball zu, schrauben sich bis zum Bauchnabel aus dem Wasser und werfen ein Tor nach dem anderen. Gegnerische Angriffe wehrt Torwart Laszlo Baksa meist ab. Nach dem ersten Viertel steht es 6:1 für Spandau – und die Luft ist raus.

Keine Rufe, keine Pfiffe, keine Trommeln, keine Gesänge, keine Stimmung

Die etwa 100 Zuschauer auf der Tribüne der Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg trinken Bier und reden über Donald Trump. Keine Rufe, keine Pfiffe, keine Trommeln, keine Gesänge, keine Stimmung. Die meisten von ihnen sind wegen Neukölln hier. Als es 16:4 für Spandau steht, sagt ein Neuköllner Vater in der dritten Reihe zu seinem Sohn "na immerhin". Die Erwartungen scheinen etwa so hoch zu liegen wie der Wasserstand im Nichtschwimmerbereich. "Fans" wäre irgendwie das falsche Wort für sie. Sie wirken eher wie eine Gruppe "Tatort"-Zuschauer vor dem Fernseher. Jeden Sonntag schalten sie wieder ein, obwohl sie genau wissen, wie es ausgeht. So sicher wie die Kommissare den Mörder schnappen, schnappen sich die Spandauer ihre Punkte.

"Wasserfreunde Spandau 04" – was klingt wie eine Kindersportgruppe, in der die kleine Lena und der kleine Leon aus Spandau ihre ersten Schwimmversuche machen, ist eine der erfolgreichsten Vereinsmannschaften Europas. 34 Mal Deutscher Meister, seit 1979 31 Mal Pokalsieger, mehr als 80 nationale und internationale Titel. Warum kennt kaum jemand diese Mannschaft? Und warum hat sie trotz der Erfolge so wenige Fans?

Vor dem Spiel gegen Neukölln sitzt Co-Trainer und Team-Manager Peter Röhle vor einem Laptop und druckt die Mannschaftsaufstellung aus. Er hat selbst 23 Jahre lang für Spandau gespielt, 16 Jahre davon auch in der Nationalmannschaft. "Wenn wir ehrlich sind, ist es egal, wer heute spielt", sagt der 59-Jährige. Er könnte wahrscheinlich auch den Bademeister aufstellen und Spandau würde trotzdem gewinnen. Die vielen Erfolge sind schon lange auch ein Fluch für die Mannschaft. "Wir haben die Bundesliga über so viele Jahre dominiert, dass es für die Zuschauer unattraktiv geworden ist. Es baut sich einfach keine Spannung auf", sagt er. "Spandau hat keine Fans."

Spandau 04, die unbesiegbare Mannschaft, scheint zu perfekt zu sein, um gemocht zu werden. Ein ordentlicher Fan will auch mal leiden, er braucht den Absturz, um den Aufstieg feiern zu können. Auch für internationale Wettkämpfe ist der große Leistungsunterschied zu den Mannschaften der Bundesliga kontraproduktiv. Es fehlen Herausforderer auf Augenhöhe, mit denen die Spieler an ihre Grenzen gehen können. Spandau steht vor einem Dilemma: Die Mannschaft spielt in Deutschland zu gut und international zu schlecht. Seit den 80er-Jahren haben sie keinen Champions-League-Pokal mehr geholt, die Nationalmannschaft, in der sechs Spandauer mitspielen, hat sich seit 2008 nicht mehr für Olympia qualifiziert und kommt nicht unter die ersten sechs Mannschaften.

Seit Kurzem aber gibt es einen aufstrebenden Gegner in Deutschland, der es mit den Spandauern aufnehmen will: Die Wassersportfreunde von 1898 Hannover. "Eine zusammengekaufte Mannschaft, in der zwei ehemalige Spandauer und die halbe Montenegrinische Nationalmannschaft spielen", sagt Röhle. "Die haben ein hohes Niveau, neulich haben wir sogar ein Heimspiel gegen sie verloren." Die Zeiten, als auch Spandau 04 viel Geld zur Verfügung hatte, sind längst vorbei. Der Senat hat die Mannschaft bis zum Mauerfall unterstützt, danach ging es bergab. Vor zehn Jahren sprang auch noch der zahlungswillige Hauptsponsor ab.

Auch auf nationaler Ebene wird gespart. Der Deutsche Schwimm-Verband konzentriert sich genau wie die Sponsoren lieber auf Schwimmer und Wasserspringer, die holen bei den Olympischen Spielen mehr Medaillen. Selbst für den Bundestrainer steht kein Geld zur Verfügung. Es ist utopisch, einen versierten Trainer aus einem der Wasserball-Erfolgsländer vom Balkan zu holen. Also macht den Job eben der Präsident der Wasserfreunde Spandau. Ehrenamtlich.

"Das Geld fehlt überall", sagt Peter Röhle, "für das Marketing, bei der Nachwuchsförderung und zum Aufbau einer Fankultur." Natürlich hätte Röhle auch gerne einen guten Moderator in der Halle, Einpeitscher, Trommler, fetzige Musik. Eine Party eben wie bei den Spielen von Hertha, Alba oder den Füchsen.

Zwei Tage nach dem Spiel gegen Neukölln trifft sich die Mannschaft zum Frühtraining, auch in Schöneberg. Trainer Petar Kovacević, der aus der Wasserball-Nation Montenegro stammt, läuft am Beckenrand auf und ab und gibt Anweisungen. Trotz des hohen Lärmpegels in der Halle, schreit er nicht, zeigt lieber. Pünktlich auf die Minute bricht er das Training ab, die Spieler stemmen sich aus dem Wasser. Ein paar dehnen sich, ein paar tippen tropfend auf ihren Handys rum, die meisten gehen einzeln in die Kabine. Besonders gesprächig scheint keiner um diese Uhrzeit zu sein. Es ist noch früh.

Es ist 9.30 Uhr, als Torwart Laszlo Baksa die Cafeteria vor der Schwimmhalle betritt. Es riecht nach Chlor und Pommes frites, Schulklassen drängen jetzt in die Halle. Der gebürtige Ungar setzt sich an einen der Tische, die mit Plastiktischdecken bezogen sind. Seine Augen haben die gleiche Farbe wie ein Swimmingpool, sein Gesicht ist schmal, die Schultern sind breit. Seit dreieinhalb Jahren verteidigt der 30-Jährige für Spandau das Tor. Es sei ihm schwergefallen, von der Wasserball-Nation Ungarn nach Deutschland zu wechseln, wo sich alles nur um Fußball dreht. Ändern müsse sich eigentlich alles. "In Deutschland trainiert und spielt man einen alten Stil, auch schon in den Nachwuchsmannschaften", sagt er. Mehr Geld würde schon helfen, aber andererseits, beim amtierenden Europameister Serbien werde auch nicht immer viel investiert und trotzdem gute Arbeit geleistet. Anders als in Deutschland, üben die Jugendmannschaften dort in den Sommerferien zweimal am Tag in Trainingslagern. In Deutschland sei das anders. Hier fahren die Kinder mit ihren Eltern lieber in den Urlaub.

Baksa wurde als Achtjähriger von seinem Vater zum Wasserball geschickt. "Ich war ein sehr fetter Junge und sollte vor allem abnehmen", sagt er und lacht. Weil das Hin- und Herschwimmen nicht so gut klappte, ließ ihn der Trainer im Tor auf der Stelle rudern. Baksa entwickelte Talent als Verteidiger, ein paar Jahre später war er schlank und fit. Später studierte er Sportwissenschaft und absolvierte eine Trainerausbildung. Für die Top-Liga in Ungarn hätte es nicht gereicht, aber als sein Trainer nach Spandau wechselte, nahm er Baksa mit.

Sie studieren, sind Berufssoldaten oder haben einen Job

Bei Spandau 04 trainieren nur zwei Spieler, die sich ausschließlich auf den Sport konzentrieren, sie werden zusätzlich von ihrer Nationalmannschaft in Frankreich finanziert. Alle anderen studieren nebenbei, sind Berufssoldaten oder haben einen Job. Baksa hat 2015 zusammen mit einem Freund einen ungarischen Lebensmittelladen in Charlottenburg aufgemacht. Nicht nur, um etwas dazu­zuverdienen, sondern auch, um sich eine Zukunft aufzubauen. Mit 30 Jahren gehört er zu den älteren Spielern. Zwischen Früh- und Abendtraining verkauft er in seinem Laden Wein, Salami, Quarkkuchen und Paprika. Vergleicht man für einen Augenblick Wasserball mit Fußball, wäre das so, als ob Thomas Müller vom FC Bayern München jeden Tag zwischen den Trainingseinheiten auf dem Viktualienmarkt Weißwürste und Brezeln verkaufen würde.

"Wir sind halt keine Stars wie die Fußballer", sagt Torwart Baksa. Klickt man sich auf der Homepage der Mannschaft durch die Bilder der Spieler, werden sie allerdings inszeniert wie Stars. Nur halt weniger wie Wasserballer, sondern eher wie Stars eines Pin-up-Kalenders für Frauen. In ihren engen Badehosen, die nur knapp über dem Schamhaar enden, präsentieren die Männer ihre Muskeln. Der zweite Torhüter mit den Maßen 192-92-13 (Größe, Gewicht, Kappennummer) liegt bäuchlings in der Brandung am Meer, den Ball zwischen den Händen. Sein Blick in die Kamera scheint zu sagen: Ich halte dich ganz fest. Ein anderer steht gerade unter der Dusche, ein dritter lehnt mit dem Ball vor der Hose an einem Baumstamm am Strand. Unter den Armen sind sie alle rasiert, was nett von ihnen ist, schließlich halten sie nicht selten ihre Gegner im Schwitzkasten.

Auf die Frage, ob die Bilder ironisch gemeint sind, sagt der Marketingmanager der Mannschaft, Carsten Schulz recht ernst: "Auf die Bilder bekommen wir sehr gute Resonanz." Schulz will die Spieler noch mehr über ihre Körper vermarkten. "Sex sells, das ist doch so", sagt er. "In Italien und Ungarn sind ein Drittel der Zuschauer junge Frauen." Dass gestählte Körper ein Zuschauermagnet sind, hat sich erst vergangenes Jahr wieder bei der Olympiade in Rio im ehemaligen Nischensport Frauen-Beachvolleyball bestätigt. Die Spielerinnen in ihren Bikinis haben gut ausgesehen – und gewonnen.

Schulz wünscht sich mehr körperbetonte Aktionen wie die 2015 in der S-Bahn, als die Spandauer in Badehosen und Bademänteln in den Zügen Freikarten für die Champions-League verteilt haben. Das habe Aufmerksamkeit erregt. Gekommen sind am Ende dann aber doch nur halb so viele Zuschauer, wie die Halle am Sachsendamm fassen kann.

Um optisch wirklich attraktiv zu sein, hat Wasserball zwei Mängel. Erstens: Ein Großteil der Kraftumsetzung und Dynamik findet unter Wasser – und damit für den Zuschauer – so gut wie unsichtbar statt. Auch die Schiedsrichter bekommen davon wenig mit, weshalb unter Wasser getreten, gekratzt, gezogen und gedrückt wird. Und das sind noch die harmloseren Fouls. Zweitens: Da ist das Problem mit der Kappe. Die ist nämlich maximal unsexy. Eng anliegend, mit Verstärkung an den Ohren und unter dem Hals zum Schleifchen geknotet. Gedanken an Prinzessin Leia – die aus Star Wars mit den Schneckenzöpfen an den Ohren – kommen zwangsläufig hoch.

Darüber habe er noch nie nachgedacht, sagt Carsten Schulz. Die Kappe sei natürlich zur Unterscheidung da und um die Spieler vor Schlägen auf die Ohren und vor Trommelfellrissen zu schützen. Aber auch eine Kappenreform würde in Deutschland wahrscheinlich nicht zur Popularität des Sports beitragen. Beim Olympiasieger Serbien tragen sogar die Basketball-Fans die Kappen im Stadion, um ihre Unterstützung für die Wasserballer zu demonstrieren. Es sind dann eben doch eher die internationalen Siege, die viele Fans hervorbringen, und nicht die Optik.

Über das Drehkreuz gesprungen – da gab es ärger mit dem Bademeister

Team-Manager Peter Röhle sagt, das Problem fange schon in der Schule an. Jedes Kind spielt mal Fußball, Basketball oder Volleyball, Wasserball probieren die wenigsten. Wie soll da ein Bezug zu der Sportart hergestellt und Nachwuchs gewonnen werden? Peter Röhle beklagt auch, dass es wenig Aufmerksamkeit in der Presse für die Wasserballer gibt. Und wenn, dann "mit so einem Mist", über den er eigentlich nicht mehr reden will. Da ist nämlich noch die Geschichte mit dem Berliner Bademeister, die in den Medien rundging. Weil einer der Spieler neulich seine Zutrittskarte für das Bad vergessen hat, ist er kurzerhand über das Drehkreuz gesprungen, um rechtzeitig im Training zu sein. Der Schwimmmeister ließ ihn daraufhin von der Polizei abführen. Seitdem ist die Stimmung im Bad mies. Man bemühe sich, miteinander klarzukommen.

Die Mannschaft will sich lieber aufs Training konzentrieren. Es stehen wichtige Spiele an. Als nächstes gegen eine ungarische Mannschaft mit unaussprechlichem Namen in der Champions League. Wenn sie sich da von einem Bademeister ablenken ließen, wären sie ja keine Profis. Was sie schließlich irgendwie sind, sportlich auf jeden Fall, nur finanziell eben nicht. Neun bis zehn Mal die Woche trainieren, an manchen Tagen morgens und abends, dazu noch die Spiele am Wochenende. Und das alles neben ihrem Job. Ohne Leidenschaft geht es da nicht. Jetzt muss sich das nur noch auf die Zuschauer übertragen.

Hintergrund

Die Wasserball-Mannschaft der Wasserfreunde Spandau 04 ist die erfolgreichste Berliner Mannschaft überhaupt – in den vergangenen 38 Jahren ist man 34 Mal Deutscher Meister geworden, dazu noch 84 nationale und internationale Titel. Auf eine solche Quote kommt noch nicht mal der FC Bayern im Fußball.

Trainiert wird die Wasserball-Mannschaft von Petar Kovacević, ein erfahrener Trainer, der ursprünglich aus Montenegro stammt, aber einen französischen Pass besitzt. Im Moment spielt man in drei großen Wettbewerben: Bundesliga, Pokal und Champions League. Die Spieler der Mannschaft sind bunt gemischt und international: man kommt aus Deutschland, Ungarn, Kroatien, Serbien, Frankreich, den USA – und natürlich Berlin.

Wenn die Wasserballer in Berlin spielen – ob Bundesliga oder International – dann in der Sportschwimmhalle in Schöneberg, Sachsendamm 11. Zuschauer sind herzlich willkommen, der Eintritt ist frei. Das nächste große Champions-League-Spiel in Berlin ist am 18. Februar um 19.00 gegen den ungarischen Szolnok Viszilabda Sportclub. Der gesamte Spielplan findet sich unter: wasserball-helden.de

Präsident des Klubs Wasserfreunde Spandau ist Hagen Stamm, der selbst lange Wasserball gespielt hat. Danach wurde er Trainer; im Moment arbeitet er wieder als Bundestrainer der deutschen Wasserball-Nationalmannschaft, wie schon zwischen 2000 bis 2012.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Meistgelesene