Berlin-Spandau

Ausverkauf im Kostümverleih - 6000 Outfits müssen raus

Haute Couture statt Pappnase: Der Spandauer Kostümverleih Graichen geht in Rente. 6000 Verkleidungen sollen bis Mai verkauft werden.

Alles muss raus: Jutta Graichen aus Spandau inmitten der historischen Kostüme

Alles muss raus: Jutta Graichen aus Spandau inmitten der historischen Kostüme

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

In den Laden kommt der Besucher nur, wenn er zuvor geklingelt hat. Das Geschäft liegt in einem Spandauer Eckhaus, in einer Altbauwohnung im ersten Stock. "Eine kurze Führung vielleicht?" Inhaberin Jutta Graichen (74) öffnete schon zahlreichen Prominenten die Tür. In ihre Kostüme schlüpften Oli P., Evelyn Hamann, Johannes Heesters.

In einem Wandschrank im Flur glitzern Prinzessinnenkrönchen und Schmuckketten durch die Scheibe. Zahlreiche Originalstücke hängen an den Kleiderstangen: Rokokokleider, Tüll und festliche Brokate, die einmal professionelle Schauspieler und Sänger auf der Bühne trugen. Darunter Schleier aus Chiffon, Kleider mit Rüschen und Puffärmeln, gefertigt aus schwarzem Samt. "Maria Stuart ist das", sagt sie. "Selbst genäht." Dazwischen Cocktailkleider, ein Marabu-Cape mit Satineinsatz. Fast 65 Jahre hatte der Kostümverleih Bestand. Jetzt will Graichen ihn aus Altersgründen schließen. Die Kleider müssen raus. Räumungsverkauf. Es gibt die Stücke zu Preisen bis zu 500 Euro. Schnäppchenpreise. "Das bekommen Sie in keinem Supermarkt", sagt Graichen.

"Meine Mutter konnte ein bisschen nähen"

Angefangen hat es 1954, hier, in der Spandauer Altbauwohnung: fünf Zimmer, hohe Fenster. Mit Blick auf die Innenstadt, die gerade den Schwung der goldenen 50er-Jahre mitnahm. "Meine Mutter konnte ein bisschen nähen", sagt Jutta Graichen. "Also machte sie Kostüme." Mit Nadel und Faden fertigte sie bald Kleidung für Ballett und Operetten an, darunter Klassiker wie "Die Fledermaus". Ab den 60er-Jahren kamen Aufträge fürs Fernsehen dazu. Zarah Leander fand hier Verkleidung. Johannes Heesters lieh sich in dem Kostümhaus seinen schwarzen Frack für Bühnenauftritte. Moderator Wolfgang "Lippi" Lippert fragte einmal nach Matrosenkleidung für einen Klabautermann.

Heute lagern in der Wohnung 6000 Kostüme. Schwarze Smokings, mit Schirm und Melone. Tanzkleider für mittelalterliche Burgfräulein, geschnitten aus goldfarbenem Brokat, mit blumigen Stickereien versetzt. Barockkleider, mit eng geschnürtem Mieder und bauschigen Ärmeln. Dazu Schuhe mit Schnallen und passenden Absätzen. "Die mussten wir erst einmal anfertigen lassen", erinnert sich Jutta Graichen. Es sind Relikte von Glanz und Rampenlicht, die Graichen in ihrem Nähzimmer maßschneiderte – und die sie nach der letzten Bühnenvorstellung eines Künstlers hier in ihren Zimmern zum weiteren Verleih sammelte. Bis zur Decke zwängen sich Anzüge an Cocktailkleider, Zylinder an Florentiner Hüte aus Stroh.

Die Produktpalette hat Graichen in den letzten Jahren erweitert, mit Falschblut bekleckerten Hemden für Halloween und Echtlederhosen fürs Oktoberfest. "Viele wollen heute aber auch einfach Superman oder Bernd das Brot sein", sagt sie. "So etwas habe ich dann zugekauft." Andere Kunden dagegen werfen sich für Mottopartys oder mittelalterliche Rollenspiele in Schale.

Die Kundin schlüpft in die Rolle einer Hofdame

Esmeralda Gerstenberger (58) aus Lichtenberg sucht an diesem Tag ein Ballkleid. In ihrer Freizeit tanzt sie für die Barockgruppe "Höfische Gesellschaft". "Im November schlüpfe ich in die Rolle einer russischen Hofdame", sagt sie. "Dafür brauche ich noch etwas Festliches." Uwe Maslek (72) und Katja von Borries (72) aus Wilmersdorf planen einen Besuch beim Karneval von Venedig. Zwischen Rokokokleidern stöbern sie nach den passenden Accessoires zu einer Husarenuniform. "Haben Sie vielleicht einen Zweispitz? Eine Perücke?" Neun historische Kostüme hat Katja von Borries zu Hause. "In den 80er-Jahren war ich schon mal Karnevalsprinzessin", sagt sie. "Heute bin ich die Queen Mum von Cottbus." Zu ihren Kleidern trägt sie Barockschuhe, mit Absatz. "Damit laufen wir nicht nur", sagt sie. "Wir schreiten."

In den besten Jahren füllten die Kostüme 25 Zimmer, über mehrere Stockwerke an der Klosterstraße 32 verteilt. Zehn Schneiderinnen halfen beim Nähen und Kürzen. Inzwischen hat sich die Auslage wieder verkleinert auf fünf Zimmer. "Mit dem Internet ist die Nachfrage schwächer geworden", sagt Graichen. "Die Kunden wollen jetzt alles schnell und billig haben." Bei den handgefertigten Kostümen, mit Spitze und Chiffon, kostete der Verleih bei Graichen für drei Tage oft 50 Euro. "Für den Preis kann man Verkleidung natürlich auch kaufen", sagt sie. "Aber das ist industriell produziert, oft nicht einmal genäht, sondern geklebt." Die billigsten Kleider seien im Ausverkauf daher für zehn Euro zu haben. "Bei historischen Kleidern muss man schon mit 200 bis 400 Euro rechnen", sagt sie.

Jutta Graichen suchte einen Nachfolger. "Ich konnte keinen finden", sagt sie. "Man muss schneidern können, sich mit den Stoffen und Moden unterschiedlicher Epochen auskennen." Einige Formen von Stickereien seien nur traditionell ausgebildeten Schneidern bekannt. Bis zum Mai läuft der Mietvertrag aus. Bis dahin will Jutta Graichen ihr Sortiment verkaufen. Dass sie alle Kostüme loswerden kann, das bezweifelt sie. "Früher, da haben wir noch Karneval in Berlin gefeiert, da standen unsere Waschmaschinen vier bis fünf Wochen nicht still", sagt sie. Unter Berliner gebe es inzwischen viele Faschingsmuffel. "Die wollen höchstens eine Pappnase und nicht mehr."

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