Sicherheit

Berlin will neue Videoüberwachung im Bahnhof Südkreuz testen

Pilotprojekt startet noch in diesem Jahr. Kameras sollen Taschendiebe und herrenlose Koffer erkennen können.

Der Bahnhof Südkreuz

Der Bahnhof Südkreuz

Foto: dpa Picture-Alliance / Schoening Berlin / picture alliance / Arco Images

Berlin.  Der Bahnhof Südkreuz soll noch in diesem Jahr mit intelligenter Videotechnik ausgerüstet werden. Das Vorhaben ist ein Pilotprojekt von Bundesinnenministerium, Deutscher Bahn und Bundespolizei. Die Ausschreibung für die neue Technik soll demnächst erfolgen. Das bestätigte eine Ministeriumssprecherin auf Nachfrage der Berliner Morgenpost. Datenschützer sehen das Projekt skeptisch.

Die neue Kameratechnik soll softwaregesteuert Gefahrensituationen erkennen. Das kann beispielsweise dann der Fall sein, wenn ein Gepäckstück länger nicht bewegt wird oder eine Person auffällig häufig eine Treppe auf und ab geht, wie es etwa Taschendiebe tun. Aber auch in der Graffiti-Bekämpfung erhoffen sich die Sicherheits­experten Fortschritte. Die intelligente Videotechnik soll beispielsweise erkennen, wenn sich die Struktur einer Wand verändert. Ein weiteres Beispiel – und hier sind Datenschützer skeptisch – ist die automatische Gesichtserkennung.Die Technik, mit der das Vorhaben umgesetzt werden soll, kommt aus der Autobranche. Derzeit gibt es am Bahnhof Südkreuz etwa 80 Videokameras.

Im Bahnhof werden zu Beginn des Pilotprojekts Hinweisschilder angebracht werden. In der Testphase werden dann Versuchspersonen Situationen nachstellen. So soll getestet werden, ob die Kameratechnik die Gefahrensituation auch erkennt. Ist das der Fall, sind mehrere Szenarien möglich. Denkbar wäre beispielsweise ein Signalton, der über die Lautsprecher im Bahnhof ertönt. Gleichzeitig wird der Sicherheitsdienst alarmiert, und in der Videozentrale der Bahn wird die Kamera auf die Bildschirme des Sicherheitspersonals geschaltet.

Südkreuz erfüllt ideale Bedingungen für das Projekt

Der Bahnhof Südkreuz gilt bei Sicherheitsexperten als idealer Bahnhof, um ein solches Pilotprojekt zu testen. Der Bahnhof ist modern und technisch auf einem hervorragenden Stand. Außerdem kommen hier viele verschiedene Menschenströme – von Fernverkehr bis Nahverkehr – zusammen. Gleichzeitig ist der Bahnhof Südkreuz aber nicht so stark überlaufen wie etwa der Hauptbahnhof, wo die Menschenmassen die neue Technik womöglich überfordern würden.

Strafverfolger und Sicherheits­manager hoffen schon länger auf den Einsatz intelligenter Videotechnik. Denn in der Realität helfen Überwachungskameras vor allem in der nachträglichen Auswertung. Allein die Bahn hat in Berlin an ihren Bahnhöfen 1000 Kameras, die wenige Mitarbeiter im Blick haben müssen. Sie schauen anlassbezogen – beispielsweise bei größeren Menschenansammlungen oder wenn sich eine Person im Gleisbett aufhalten würde.

Abgespeckte Form am Hauptbahnhof

Bei der schieren Masse der Kameras könnten Gefahrensituationen zu spät oder gar nicht bemerkt werden, so die Befürchtung insbesondere seitens der Bundespolizei. Eine abgespeckte Form der intelligenten Videotechnik gibt es bereits am Hauptbahnhof. Dort filmen Kameras die ICE-Tunnel. Hielte sich dort eine Person auf den Gleisen auf, würde die Zugverbindung sofort unterbrochen.

Datenschützer sind dennoch skeptisch, was diese Technik betrifft. "Sobald mit intelligenter Videotechnik personenbezogene Daten verarbeitet werden, müssen wir uns das im konkreten Fall sehr genau anschauen", sagte die Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Maja Smoltczyk auf Nachfrage der Berliner Morgenpost.

14.765 Kameras in Berlin

In Berlin gibt es laut Innenverwaltung 14.765 Überwachungskameras, viele davon vor allem im öffentlichen Nahverkehr. Private Kameras sind in dieser Auflistung nicht mitgezählt. Experten gehen dort von einer Zahl im unteren sechsstelligen Bereich aus.

Deutlich gestiegen war zuletzt die Zahl der Fälle, in denen die Polizei Videomaterial von den Berliner Verkehrsbetrieben angefordert hatten: 2016 geschah das 6087 Mal, im Vorjahr 5443 Mal. Darunter sind auch Vorfälle in Straßenbahnen und Bussen. Im gesamten Bereich der BVG wurden im vergangenen Jahr 1924 Tatverdächtige zu Gewalttaten ermittelt, nach 1652 im Vorjahr.

Ermittler mussten Videomaterial in Handarbeit auswerten

Ein prominenter Fall, in dem eine automatisierte Auswertung geholfen hätte, waren die Ermittlungen zum mutmaßlichen Terroristen Dschaber al-Bakr, der sich im Oktober vergangenen Jahres in seiner Gefängniszelle in Leipzig das Leben nahm. Die Ermittler hatten Hinweise, dass der syrische Flüchtling vom 22. auf den 23. September 2016 eine Übernachtung in einem Hotel unweit des Flughafens Tegel gebucht hatte. Die Ermittler mussten das Videomaterial in mühevoller Handarbeit auswerten. Hunderte Stunden Material aus Dutzenden Kameras mit einer zum Teil misera­blen Qualität.

Schließlich fanden die Ermittler Dschaber al-Bakr aufgrund seines auffälligen Pullovers auf den Aufnahmen. Demnach war er am 22. September am Flughafen. Auf den Videobändern ist zu sehen, wie der Syrer eine Runde dreht und den Flughafen auskundschaftet und dann das Gebäude wieder verlässt. Dschaber al-Bakr war Anfang 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ließ ihn, nach einem Tipp eines ausländischen Dienstes, ab dem 5. Oktober observieren. Al-Bakr hatte sich bereits Materialien für die Herstellung von Sprengstoff organisiert. Sein Ziel: wahrscheinlich Tegel. "Jetzt stellen Sie sich vor, wir bekämen automatisch eine Warnung von Kameras, wenn sich solche Gefährder an neuralgischen Punkten wie Flughäfen oder Bahnhöfen aufhalten", sagt ein Ermittler. Es sind solche Sätze, die den Datenschützern nicht gefallen dürften, da das einen Eingriff in die Grundrechte bedeuten würde. Befürworter von Gesichtserkennung argumentieren hingegen, dass es auch für eine als Gefährder eingestufte Person besser sei, seine Grundrechte einzuschränken, als Gefährder gleich in Haft zu nehmen.

Branchenumsätze legen zu

Die Forderungen nach mehr Video-Überwachung lassen indes die Anbieter solcher Technik zumindest mit noch kräftigeren Wachstumsraten rechnen. "Die Aufträge werden deutlich zunehmen, sicher zweistellig, um 10, 15 oder 20 Prozent", hieß es Anfang dieses Monats vom Bundesverband Sicherheitstechnik. Im vergangenen Jahr machte die Branche nach einer Verbandsschätzung mit Video-Überwachungstechnik einen Umsatz von rund 504 Millionen Euro, knapp sieben Prozent mehr als 2015. Damit beschleunigte sich das Wachstum.

Schon vor dem Terroranschlag in Berlin hatte die Deutsche Bahn angekündigt, stärker in Sicherheit zu investieren, darunter intelligente Videotechnik, die etwa herrenlose Koffer, Menschen auf Gleisen oder mögliche Taschendiebe erkennen kann. Derzeit gibt es nach Angaben des Unternehmens bundesweit 5000 Kameras in rund 700 Bahnhöfen. Zudem sind etwa 26.000 Videokameras in Regionalzügen und S-Bahnen eingebaut. 80 Prozent der Fahrgäste in den Bahnhöfen sollen so überwacht werden.

Zuletzt hatte sich die große Mehrheit der Berliner für einen Ausbau der Videoüberwachung auf Bahnhöfen und auch auf öffentlichen Plätzen ausgesprochen. Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa unterstützen 80 Prozent der Befragten diese Forderungen. Diese Mehrheit zieht sich durch alle Altersklassen und betrifft Anhänger aller Parteien. Das Sicherheitsgefühl der Befragten hänge aber mehr von der Präsenz der Polizei ab als von den Videokameras, so das Ergebnis der Umfrage. 64 Prozent fühlen sich sicherer, wenn Polizisten in der Nähe seien. Durch Videokameras fühlen sich 42 Prozent der Befragten sicherer. Für 57 Prozent haben die Kameras keinen Einfluss auf ihr Sicherheitsgefühl.

Auch Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte sich zuletzt für mehr Videotechnik ausgesprochen. In der Debatte um mehr Videoüberwachung wolle er die rechtlichen Möglichkeiten bis an die Grenzen ausreizen. Das heißt: Alles, was das Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) erlaube, solle umgesetzt werden.

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