Spree-Schiff

In diesem Boot im Treptower Hafen ist Musik drin

Im Treptower Hafen liegt ein Boot mit einem Aufnahmestudio unter Deck. Für Bands herrschen hier ideale Bedingungen.

Musikdampfer der anderen Art: die „MS Heiterkeit“

Musikdampfer der anderen Art: die „MS Heiterkeit“

Foto: Amin Akhtar

Das soll Rock 'n' Roll sein? Zur Begrüßung fragt Bandleader Philipp Taubert: "Tee?" Die allerdings ebenso unexzessive Entgegnung, schöner wäre jetzt ein Glas Wasser, sorgt wiederum bei ihm für Komplikationen. Denn die Leitung an Bord ist über Nacht geplatzt.

Auf dem ehemaligen Dampfertresen entdeckt man in einer leeren Paranuss-Tüte Reste von Äpfeln, die Taubert und Schlagzeuger Lukas Lindner vor dem Gespräch verzehrt haben. Schuwe, der Bassist des Trios, nimmt an diesem Treffen via Laptop-Bildschirm teil, weil er gerade in seiner Heimatstadt Hamburg sitzt. Es ist alles ein bisschen anders bei dieser Combo auf der "MS Heiterkeit", einem Spree-Schiff, in dem Musik gemacht wird, die schon im Vorprogramm von Nena bejubelt wurde.

An Deck gelangt man nur durch ein Stahltor, das mit Nummerncode gesichert ist. Denn im Boot stecken seit 1998 ein Studio und das Büro des international gefragten Konzertmischers und Event-Organisators Toshi Rösner. Seine Backstagekarten nehmen eine Wand von der Länge eines Fußballtors ein. Katy Perry, Tom Jones, Rock am Ring hat er gemixt. Co-Chefin Anja Naumann-Jenssen hat goldene Scheiben für Rammstein und Die Ärzte aus ihrer Zeit als Promotionmanagerin daneben gehängt. Ganz klar: Dieses Boot rockt. An der Promenade des Treptower Parks sind an einem solchen Frühlingsmorgen Jogger unterwegs, am Ufer sitzen junge Spanier in Gruftiekluft beim Sekt. "Morgens um sechs Uhr, wenn ich aus dem Studio unten in der Kombüse an Deck komme, um Luft zu schnappen", sagt Sänger und Gitarrist Taubert (29) "sind am Ufer die Vögel versammelt. Schwäne, Reiher, Jungtiere. Im Winter schaut man aus dem Bullauge und vor einem laufen die Enten übers Eis. Herrlich." Einmal hat er in den wärmeren Monaten einen der passierenden Stand-up-Paddler herangebeten. "Wir brauchten ein Bandfoto mit Schiff", sagt der Friedrichshainer. "Der Mann drückte ein paar Male ab. Als Dank haben wir ihm drei kühle Bier gereicht."

Die Musik würde gut in einen irischen Pub passen

Der Name von Tauberts Band ist diesem musikalischen Zuhause des Trios entlehnt: "Treptow". Ein Jahr lang nahmen sie im Bauch des 1904 gebauten Vergnügungsdampfers ihr Debütalbum und die gerade erschienene Single "Oh Evelyn" auf. Es sind raubeinige heitere Lieder, so ungekünstelt-sympathisch wie sie selbst. Ihre Musik würde – obwohl Taubert mit heiserer Stimme auf Deutsch singt – gut in einen irischen Pub passen. Durch den Laptop-Lautsprecher kommentiert Bassist Schuwe in 300 Kilometer Entfernung, dass er den Bandnamen anfangs "nicht so cool" fand. "Ich verbinde damit nicht sehr gute Eindrücke." Kommt der 28-Jährige für ein paar Tage zum Studioschiff, steigt er im geruhsamen Hamburg in den Zug und steht vier Stunden später: auf dem S-Bahnhof Treptower Park. "Das ist immer ein ziemlich krasser Schnitt", sagt Schuwe, mit ganzem Namen Simon Schulte-Werning. "Zwischen Müttern und Geschäftsleuten begegnet man Leuten, die wahrscheinlich den ganzen Tag da verbringen – typisch für Berlin." Gehe er aber von dort wenige Meter in Richtung Schiff, nun plötzlich im Park, wechsele die Stimmung wieder: "Dann hast du nicht mehr das Gefühl, in einer Stadt zu sein." Inzwischen ist ihm der Name "Treptow" sehr recht: "Das steht eben nicht für die reine Schönheit, sondern für Licht und Schatten, für Kantigkeit."

Kennengelernt haben sich die drei Musiker an der renommierten Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Dort studierten sie etwas, das Taubert ganz unverblümt als "BWL mit Musikschwerpunkt" bezeichnet. "Es gibt genug Leute, die drei Jahre im Proberaum sitzen und darauf warten, ein Star zu werden", sagt Kreuzberger Lukas Lindner (27). "Wir dagegen fühlen uns auch vor einer Excel-Datei wohl." Touren seien für sie "keine Klassenfahrten, auf denen man sich zusäuft." Vielmehr helfe man morgens beim Aufbau von Merchandise-Stand und Bühne, und verteile nach dem Konzert Give-aways an das Publikum.

Entsprechend strategisch gehen "Treptow" ihre Karriere an. Ihr Album, das im September erscheint, sehen sie mehr als "Polaroid unserer Arbeit". Der Weg, wirklich Publikum zu gewinnen, sei heutzutage live zu spielen, 2016 etwa bei Nenas Cottbusser Show. Im Herbst spielen sie vor Nora Tschirners Band Prag und der Münchner Freiheit, schon am 27. April sind sie im Berliner Badehaus.

Alle drei haben reguläre Jobs. Schuwe ist bei einem Hamburger Label, wo er gerade eine Madonna-Hommage betreut, Lindner macht Marketing für eine Berliner Firma, die Lautsprecher für Großkunden herstellt. Taubert hat von den Eigentümern Toshi Rösner und Anja Naumann-Jenssen feste Studiozeiten gemietet und arbeitet frei für Musikprojekte. In den beiden Aufnahmeräumen, wo Verstärker, die obligatorischen Apple-Computer, ein Schlagzeug und andere Instrumente aufgereiht sind, wurde einst das Essen für die Dampferpassagiere zubereitet. Ein Foto an der Treppe zeigt das Boot in den 30er-Jahren auf voller Ausflugsfahrt: Vergnügte Männer mit Hut und Schnurrbart neben Damen mit wehendem Haar.

Manchmal kommen Babelsberger Filmstudenten auf die "Heiterkeit" und vertonen ihre Arbeiten, mal kommen die Synchronsprecher von Penélope Cruz, Marlon Brando und Sarah-Jessica Parker, um Workshops zu geben. Aber besonders für eine Band, sagt Taubert, gebe es ideale Bedingungen. "Wo kann ich um drei Uhr morgens schon ein Schlagzeug aufnehmen und keiner beschwert sich?" Nur er selbst habe gelegentlich Beschwerden: "Als neulich Nacht wieder ein großes Schiff vorbeifuhr, gab es einen solchen Wellengang, dass mir hundeelend wurde."

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