Mein Berlin

Von wegen schlechte Welt - gutes Karma schwingt durch Berlin

Nur noch schlechte Nachrichten auf der Welt? Von wegen. Im Moment zeigen die Berliner ganz viel Herz, findet Nina Paulsen.

Beim Karaoke im Mauerpark ist die Stimmung ausgelassen.

Beim Karaoke im Mauerpark ist die Stimmung ausgelassen.

Foto: picture-alliance/dpa

Im Moment schwingt irgendwie ein gutes Karma durch Berlin. Ich finde, man merkt das richtig, wenn man in diesen Tagen durch die Straßen läuft: Trotz der zuletzt gruseligen Weltlage sind die Menschen optimistisch, viele lächeln, man ist nett zueinander, hilfsbereit. Vielleicht ist das nur zufällige Wahrnehmung – vielleicht rücken alle aber auch etwas mehr zusammen.

Erst gestern wurde ich Zeugin eines Telefongesprächs eines Mannes am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg: "Hallo, ich habe eben dieses Handy auf der Straße gefunden – und Ihre ist die letzte Nummer, die gewählt wurde. Wissen Sie, wem es gehört?" Ziemlich nett, oder? Ich dachte immer, der normale Berliner Reflex auf einen Handyfund wäre, das Gerät meistbietend bei Ebay oder am Kotti zu verhökern. Aber wie viel schöner ist es, wenn Menschen einfach mal das Richtige tun! Auch erst am vergangenen Wochenende fanden Freunde von mir ebenfalls in Prenzlauer Berg ein Portemonnaie auf einer Parkbank. Kein Geld mehr drin – aber ein Personalausweis, eine Krankenkassen- und eine Bankkarte. Das ist ja eigentlich die größte Strafe, wenn man seine Geldbörse verliert oder sie gestohlen wird: Dass man sämtliche Karten sperren lassen und neu beantragen muss. Am schlimmsten ist, für einen neuen Perso aufs Bürgeramt zu müssen. Ich frage mich, ob Taschendieben bewusst ist, was sie ihren Opfern da antun. Der Bürgeramts-Stress ist viel schlimmer als der Verlust der paar Euro, die man heute überhaupt noch bar in der Tasche hat.

Besitzer bekommt Portemonnaie zurück

Das Portemonnaie, das meine Freunde fanden, gehörte jedenfalls einem Herrn Müller. Und sie brachten es ihm sogar nach Hause, weil Herr Müller nur wenige Hundert Meter vom Fundort entfernt wohnt. Finde ich auch total nett. Ein anderer Freund von mir hatte vor einigen Wochen ein ähnlich erbauliches Erlebnis: Er hatte noch nicht einmal gemerkt, dass er sein Portemonnaie verloren hatte, als er einen Anruf des ehrlichen Finders bekam. Dieses Mal war sogar das Geld noch drin.

Ich glaube ja, es ist wichtig, auch mal über diese freundlichen Seiten Berlins zu sprechen. Erst kürzlich wurde ja wieder ein neuer Kriminalitätsatlas veröffentlicht, der zeigt, wie gefährlich es auf den Straßen ist. Eigentlich kann man sich gar nicht mehr nach draußen trauen, denkt man da. Wie gut ist es deshalb, dass immer wieder Menschen zeigen, dass es doch etwas anders ist.

Ramsch zu verschenken

Ich persönlich habe allerdings noch nie etwas Wertvolles gefunden, was ich hätte zurückgeben können. Doch, neulich im Supermarkt einen Pfandbon im Wert von 75 Cent. Ich ließ ihn am Pfandautomaten liegen. Ansonsten finde ich immer nur Schrott und stoße über die ganzen unnützen Dinge, die die Menschen vor ihre Tür stellen und gönnerhaft "zu verschenken" darauf schreiben. Kaputte Tintenstrahldrucker zum Beispiel, olle Klamotten, Telefonkabel, VHS-Kasseten, Bücher. Juhu! Bei mir um die Ecke steht gerade der Weltbestseller "Früchte einkochen und kandieren" auf einem Fensterbrett, ein Schwarzwald-Reiseführer sowie der Duden von 1980. 1980! Damals macht man noch Photos statt Fotos und gab seinen Liebsten einen Kuß. Toll, dass jemand diesen Duden so selbstlos an die Allgemeinheit abgibt. Übrigens: Die neue Rechtschreibung feiert gerade zehnjähriges Jubiläum – seit 1. August 2006 gilt das wirklich neueste Regelwerk in der gesamten Bundesrepublik. Ja, dann Glückwunsch, liebe neue Rechtschreibung, du Reform der Reform der Reform. Ohne dich wäre meine Schulzeit sicherlich nur halb so lustig gewesen.

Aber ach, dies sollte ja eine freundliche und keine sarkastische Kolumne werden. Ich hoffe ja, dass der Herr Müller aus Prenzlauer Berg seine ganzen Karten noch rechtzeitig zurückbekommen hat – bevor er alles hat sperren lassen. Immerhin bleibt ihm aber der Besuch beim Bürgeramt erspart. Das ist doch eigentlich mal die netteste Berliner Nachricht, die man sich vorstellen kann!

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