Mein Berlin

Wenn ein Wasserbecken zur Kampfzone wird

In Schwimmbädern trifft man leider immer wieder auf nervige Typen, kommentiert Nina Paulsen. Eine Übersicht.

Neulich im Schwimmbad an der Landsberger Allee. Rechts und links paddeln zwei Frauen an mir vorbei. "Ich gehe morgen übrigens Federball spielen", sagt die eine. "Oha", antwortet die andere. "Mit wem denn?" Frau Nummer eins: "Mit Käse."

Die beiden Freundinnen waren leider etwas schneller im Wasser unterwegs als ich. So ein Mist - denn den Rest des Gesprächs konnte ich nicht mehr hören. Zu gerne hätte ich erfahren, wer "Käse" ist – und wie um alles in der Welt man sich einen so supercoolen Spitznamen verdient. Wenn Sie das hier lesen, lieber Federball spielender "Käse": Ich bin neidisch auf Sie! Irgendwas haben Sie ziemlich richtig gemacht.

Das sind halt so die Sachen, die man denkt, wenn man völlig pflichtbefreit und entspannt seinen Bahnen zieht. Ich finde, Schwimmen ist ähnlich meditativ wie Joggen – nur nicht ganz so anstrengend. Jedenfalls dann, wenn man so gemächlich schwimmt wie die Freundinnen von Herrn oder Frau "Käse" und ich.

Hach, es könnte alles so schön sein. Wäre nicht ein Berliner Schwimmbecken ein ähnlich umkämpftes Feld wie der letzte freie Sitzplatz in der völlig überfüllten S-Bahn. Menschen wie ich zum Beispiel wollen einfach ihre Ruhe haben. Vielen anderen reicht das aber nicht.

Der Kampfschwimmer

Zu meinen absoluten Lieblingen zählt da ja der alles vernichtende Kampfschwimmer. Mit Mini-Badehose, Schwimmbrille und Badekappe mäht er durch das Becken und über alle hinweg, die sich ihm in den Weg stellen. So lange er durch eine der extra eingerichteten Schnellschwimmerbahnen pflügt, ist das alles kein Problem. Wenn er aber in das größere Normalo-Becken wechselt, müssen alle andere hektisch ausweichen. Denn der Kampfschwimmer hebt nur alle paar Sekunden den Kopf, um seinen Lungen mit wertvollem Sauerstoff zu füllen. Und wehe, jemand atmet ihm diesen weg.

Der Möchtegern-Kampfschwimmer

Nicht ganz so schlimm, aber umso nerviger ist der Möchtegern-Kampfschwimmer. Er kann nicht kraulen und weiß das auch – weshalb er sich nicht auf die Profi-Bahn traut. Im großen Becken allerdings macht er auf dicke Hose – und lässt seine ungeübten Arme aber bei jedem Zug wie Bootspaddel ins Wasser klatschen, so dass die Spritzer in einem meterweiten Radius auf alle Mitbadenden herabregnen.

Schön ist auch immer, wenn erfolglos versucht wird, diesen besonderen Schmetterlingsstil zu imitieren, den man sonst bei Meisterschaften im Fernsehen oder jetzt bei den Olympischen Spielen in Rio ieht. Die Krönung ist allerdings die Neigung dieser Schwimmer zu ekligem Verhalten. Nach zwei anstrengenden Bahnen und dreieinhalb Klimmzügen am Startblock spuckte eines dieser Exemplare kürzlich laut hörbar über dem Abflussgitter aus.

Der Rückenschwimmer

Platz drei geht an Rückenschwimmer. Auch sie haben zumindest in "meinem" Bad an der Landsberger Allee eine eigene Bahn, die aber gerne ignoriert wird. Vornehmlich Herren ab 60 bewegen sich dann mit kreisenden Armbewegungen, als seien sie Schaufelraddampfer auf dem Mississippi, voran. Allerdings in einem unberechenbaren Schlingerkurs.

Ich wüsste gerne, was passiert, wenn ein Rückenschwimmer und ein Kampfschwimmer frontal aufeinander zukommen. Bestimmt taucht der Kampfschwimmer einfach unter dem Rückenschwimmer durch. Sowas tun ja ansonsten nur Kinder. Ich erschrecke mich jedes Mal zu Tode, wenn ein Zwerg mit riesiger Taucherbrille plötzlich direkt vor mir durch die Wasseroberfläche schießt.

Mädels und Muttis

Ich glaube aber auch, dass Schwimmer wie ich wiederum anderen Badegästen auf die Nerven gehen. Ich fühle mich etwas spießig bei dem Gedanken, würde mich aber durchaus zur Mädels-und-Mutti-Fraktion zählen, die eben klönend und relativ langsam vor sich hin paddelt.

Bei uns steht nicht primär die Leistung im Vordergrund – sondern einfach der entspannte Spaß. Ich kann schon verstehen, wenn sich Menschen mit sportlichen Ambitionen dadurch gestört fühlen. Aber viel mehr auch nicht. Immerhin hätte ich sonst nie erfahren, dass es einen "Käse" gibt.

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