Mein Berlin

Von den Quälgeistern in Berlins Theater- und Kinosälen

Sie kommen zu spät oder müffeln nach Tabak und Parfum. Seine Sitznachbarn kann man sich leider nicht aussuchen, bedauert Nina Paulsen.

Wem gehört die Armlehne? Der Knigge empfiehlt, mit dem Sitznachbarn ein Arrangement zu treffen

Wem gehört die Armlehne? Der Knigge empfiehlt, mit dem Sitznachbarn ein Arrangement zu treffen

Foto: JakobHoff / Jakob Hoff

Neulich war ich an zwei Tagen hintereinander nachmittags im Kino. Ich könnte jetzt sagen, ich sei leidenschaftliche Cineastin, die aus dem Effeff ein 45-minütiges Referat über die Bedeutung eines Wasserglases in Fellini-Filmen halten könnte. Die Wahrheit ist aber, dass mir der intellektuelle Anspruch beim Nachmittagskino ziemlich egal ist und ich einfach nur mag, wie sehr man sich dort in Ruhe auf seinem Sessel ausbreiten kann. Beim ersten Kinobesuch, der Film lief im großen Saal, wohnte eine unglaubliche Anzahl von sechs Menschen der Vorstellung bei. Beim zweiten Mal waren es 15 Leute – und das mitten in Berlin. Naja. Das Kino wird schon wissen, was es davon hat.

Nachmittags-Kinogänger sind eine ziemlich eingeschworene Gemeinde. Sie sind viel entspannter als jene, die um 20 Uhr zur Blockbuster-Popcorn-Rieseneimer-Vorstellung rennen – und auch nicht so bemüht wie jene, die am liebsten französische Filme mit Untertiteln in Programmkinos gucken. Zum unausgesprochenen Kodex der Nachmittags-Kinogänger gehört es, dass man sich im Saal einfach irgendwo hinsetzt. Und dabei viel Abstand zum Nachbarn lässt. Bei meinem jüngsten Kinobesuch allerdings wurde dieser Kodex gebrochen. "Du sorry, aber das sind UNSERE Plätze", flüsterte mir eine Frau zu, als es im Saal bereits dunkel war. Sie wedelte mit ihren Tickets als wollte sie Mücken vertreiben. Oder uns. Außer mir und meiner Begleitung saßen in der Reihe noch zwei weitere Menschen. Alles andere war frei.

So ein Verhalten ja wohl unglaublich pedantisch

Ich rollte mit den Augen und wir setzen uns ein paar Plätze weiter. In einem quasi leeren Saal ist so ein Verhalten ja wohl unglaublich pedantisch. So wie die Menschen, die in einem halbleeren Zug auf ihren Sitz bestehen, obwohl rechts und links Millionen anderer Plätze frei sind. Wobei ich im Zug ein bisschen Verständnis habe, immerhin knöpft die Bahn einem ja wahnsinnige 4,50 Euro für eine Reservierung ab.

Schwieriger ist es im Theater. In dieser Woche endet in mehreren großen Berliner Häusern die Sommerpause, insofern sollte mal geklärt werden, wie viel Freiheiten man sich bei der Sitzplatzgestaltung herausnehmen darf. Da ja zumeist unterschiedlich teure Tickets verkauft werden, versteht es sich von selbst, dass man nicht einfach in eine teurere Kategorie wechselt, wenn dort Plätze frei sind. Oder doch? Wahrscheinlich muss das jeder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen – und eventuell mit dem Hausherrn, der möglicherweise etwas gegen das Erschleichen besserer Sitzplätze hat.

Zum Glück hat noch niemand seine Schuhe ausgezogen

Schlimm finde ich in jedem Fall, wenn Menschen zu spät zur Vorstellung kommen und dann die große Aufstehpolonaise beginnt. Oder wenn Menschen mit Plätzen in der Mitte einer Reihe bis zum letzten Klingeln warten und sich dann langsam mal auf den Weg machen – an allen anderen bereits Sitzenden vorbei. Das ist noch nerviger als jene Leute, die schmatzend Kaugummi kauen oder alle anderen mit ihrem Smartphone-Display blenden. Eigentlich muss das doch Grund genug sein, sich umsetzen zu dürfen. Genauso, wenn der Nebenmann nach Parfum, Schweiß oder Tabak müffelt. Zum Glück habe ich im Theater anders als im Kino oder in der S-Bahn noch nie erlebt, dass jemand seine Schuhe auszieht.

Bleibt noch die wichtigste Frage: Wem gehört die Armlehne? Der Knigge empfiehlt, mit dem Sitznachbarn ein Arrangement zu treffen. Das ist interessant. Wenn man sich dann alle zehn Minuten abwechselt, muss ja jemand statt der Vorstellung die Uhr im Auge behalten. Wie unpraktisch. Aber im Grunde weiß doch sowieso jeder, dass man in der Armlehnenfrage mit Verhandlung nicht weit kommt. Hier gilt das Gesetz vom Überleben des Stärkeren. Fressen oder gefressen werden. Der weiße Hai wäre auch nicht der, der er ist, wenn er mit seinen Opfern verhandeln würde, bevor er ihnen ein Bein abbeißt. Als Kinogänger weiß man sowas. Und geht am besten in die Nachmittagsvorstellung. Hier hat man garantiert immer beide Armlehnen für sich.

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