Mein Berlin

Wenn Berliner Straßen zu Zungenbrechern werden

Wie spricht man bitte die Chodowieckistraße aus? Und das Rogacki? Hauptsache, es gibt keinen Prosetscho. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Sredzkistraße: Auch wenn in diesem Straßennamen drei Konsonanten aufeinander folgen, so fällt das Aussprechen doch nicht schwer. Anders verhält es sich zum Beispiel mit der Chodowiezkistraße

Sredzkistraße: Auch wenn in diesem Straßennamen drei Konsonanten aufeinander folgen, so fällt das Aussprechen doch nicht schwer. Anders verhält es sich zum Beispiel mit der Chodowiezkistraße

Foto: pg / dpa-Zentralbild

Neulich hat mich eine Freundin in Prenzlauer Berg besucht. Sie ist echte Berlinerin, also so richtig echt aus Reinickendorf, nix mit Zugezogen wie bei mir. Gemeinsam spazierten wir durch den Helmholtz-Kiez. Vorbei an vollen Straßencafés und Spielplätzen, vorbei an kleinen Läden, die so nützliche Dinge wie handgefertigtes Papier aus Japan, Zehensocken oder Designer-Kinderwagen im Wert eines gebrauchten Fiat Panda verkaufen. "Ich fühl' mich gerade wie im Urlaub", sagte meine Freundin. Die Sonne schien, der Himmel war blau, eine Atmosphäre wie im Süden, Barcelona vielleicht, nur ohne Mittelmeer. "Ja, ein toller Spätsommer!", stimmte ich ihr zu. "Nee, das meine ich nicht", sagte sie. "Es ist einfach alles so ganz anders hier. Ein ganz anderes Berlin."

Als Tourist in der eigenen Stadt. Beziehungsweise als Ur-Berliner in der Gentrifizierungshölle. Bestimmt ein seltsames Gefühl. So ähnlich muss es E.T. ergangen sein, als er von seinen Kumpels 1982 auf der Erde zurückgelassen wurde und orientierungslos durch seine Kinowelt taperte. Alles so fremd, alles so komisch. Wobei es auch manchen echten Touristen so zu gehen scheint, wenn sie mit ihren Stadtplänen durch die Gegend stolpern. Schade nur, dass sie nicht so süß wie das kleine Alien E.T. aussehen.

"Sprechen Sie's doch aus, wie Sie wollen"

Wobei ich als Zugezogene das Gefühl, als Besucher in der eigenen Stadt zu sein, ebenfalls ein bisschen kenne – nämlich immer, wenn Gäste von außerhalb da sind. Dann spult man ja altbekannte und stets gewünschte Programm ab: Kudamm, Fernsehturm, Brandenburger Tor, wenn es ältere Menschen sind. RAW-Gelände, Mauerpark und Kotti, wenn sie jünger sind. In meinen nun fast acht Jahren hier hat sich an den Touri-Wünschen nullkommanichts geändert.

Allerdings stehe ich selbst, was Berlin betrifft, auch nach dieser nun gar nicht mehr so kurzen Zeit bei einigen Dingen noch immer vor einem Rätsel. Zum Beispiel konnte mir noch niemand mit hundertprozentiger Sicherheit die Frage beantworten, wie man eigentlich den West-Berliner Fress-Tempel "Rogacki" ausspricht – Rogazki oder Rogakki? Einem Feinkost-Blog im Internet soll Chef Dietmar Rogacki dazu gesagt haben: "Sprechen Sie's doch aus, wie Sie wollen." Aha.

Ähnlich verhält es sich mit der Chodowieckistraße in Prenzlauer Berg, die laut einem Taxifahrer definitiv "Chodowiezkistraße" gesprochen wird – also mit "zk" – was laut einem befreundeten Anwohner aber nicht stimmt. Es heiße viel mehr Schodowikkistraße – also mit sch und doppeltem k. Bei der Betonung schwierig finde ich ja auch die Malplaquetstraße in Wedding und die Cuvrystraße in Kreuzberg. Und nur aus einem einzigen Grund, nämlich weil dort ständig Stau herrscht und dies bei den Verkehrsnachrichten im Radio angesagt wird, weiß ich, wie die Rudolf-Wissell-Brücke auf der A100 richtig betont wird.

Gnotschi, Latte Matschiato und Prosetscho

Und dann sind da ja noch famose Dinge wie Gnocchi a.k.a. Gnotschi und Latte Macchiato, der gern mal als Latte Matschiato firmiert. Angeblich gibt es auch Leute, die Prosetscho statt Prosecco trinken, davon habe ich aber noch nie einen getroffen. Ich persönlich vermeide es, im Eisladen die Sorte Dulce de Leche zu auszusuchen, jemals Worcestersauce zu verlangen oder Lahmacun statt Döner zu bestellen. Insgesamt können wir in Berlin aber froh sein, dass sich das Ausspracheproblem auf so wenige Dinge beschränkt. Dass 'ne Stulle 'ne Stulle und 'ne Bulette 'ne Bulette ist.

Und dass keiner von uns zum Beispiel in der Straße Eteläpuistokatu wohnt, die es im finnischen Ostsee-Städtchen Kotka gibt – oder gar in der Scharikopodschipnikowskaja Uliza in Moskau. Auch die existiert wirklich. Dafür gibt es bei uns aber den Pfaffenapfelweg in Französisch Buchholz. Holen Sie mal tief Luft und sagen das zehn Mal hintereinander: Pfaffenapfelweg. Pfaffenapfelweg. Pfaffenapfelweg. Ziemlicher Zungenbrecher. Gut, dass E.T. damals nicht dort gelandet ist.

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