Mein Berlin

Wie das Wetter am Sonntag die Wahl mitentscheidet

In Berlin spielt das Wetter verrückt. Für die Wahl am Sonntag kann das nichts Gutes bedeuten. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Qual der Wahl: Plakate an der Leipziger Straße

Qual der Wahl: Plakate an der Leipziger Straße

Foto: Steffen Pletl

Bei uns im Innenhof steht ein Kastanienbaum. Der Baum hat schon richtig schöne große Kastanien produziert, jeden Tag fallen neue auf den Boden, manche in ihrer stacheligen Hülle, andere nackt, die Kinder in unserem Haus sammeln sie und machen Kastanienmännchen daraus. In acht Tagen ist astronomischer Herbstanfang, der Baum und die Kinder machen es richtig. Das Berliner Wetter nicht. Draußen sind 31 Grad.

Beim Drogeriemarkt bei mir um die Ecke an der Schönhauser Allee haben sie jetzt Regenzeug im Angebot. Regenhosen und Regencapes, keiner will den Kram kaufen, die Menschen tragen kurze Hosen und Shirts. Sie tragen Sonnenbrillen und Hüte, sie wollen kein Regenzeug, sondern im Park auf einer Decke liegen. Im Drogeriemarkt kaufen sie Sonnenmilch und kühle Getränke. Am 1. September war meteorologischer Herbstanfang. In Berlin sieht man das nicht. Es gab am Montag und Dienstag eine Hitzewarnung vom Deutschen Wetterdienst. Die Sonne schien den ganzen langen Tag.

In den Supermärkten liegt jetzt schon der Süßkram für Weihnachten bereit. Lebkuchen, Zimtsterne, Dominosteine. "Herbstgebäck" nennt der Handel das, damit nicht sofort wieder jemand losmotzt, Weihnachten fange doch jedes Jahr früher an. In vier Wochen sollen dann die Schokonikoläuse folgen. In vier Wochen! Kein Mensch will jetzt einen Schokonikolaus. Richtig machen es die Spätis. Hier gibt es weiterhin geschnittene Wassermelone und Ananas im Plastiknapf. In Berlin ist Hochsommer. Berlin hat keine Lust auf Herbst. Es sind 31 Grad.

Bei schlechtem Wetter ist der Wähler mies drauf

In den Klamottengeschäften hängen die Herbst- und Winterkollektionen. Entsprechende Kleidung für Kinder gibt es seit Montag beim Discounter. "Kuschelpullover, flauschig und warm", heißt es im Werbeprospekt. Die armen Kleinen. Im Baumarkt am Ostbahnhof sind Heizkörper im Angebot. Da kann man es sich dann Zuhause so richtig mollig machen. Auch die Berliner Freibäder hätten eigentlich alle schon in der Winterpause sein sollen. In zehn Bädern haben sie die Saison jetzt aber verlängert. Kommen die Hersteller von Eis am Stiel eigentlich mit der Produktion hinterher?

Und dann wird am Sonntag auch noch in Berlin gewählt. Es gibt ja einige Theorien dazu, welche Rolle das Wetter dabei spielt. Zum Beispiel heißt es ja, dass bei Sonnenschein die Wahlbeteiligung höher sei, weil die Menschen dann eher vor die Tür gehen oder sowieso schon draußen sind und deshalb auch mal eben den Abstecher zur Urne machen. So ähnlich wie am 1. Mai in Kreuzberg, wo bei Regen ja auch deutlich weniger Krawall herrscht als bei gutem Wetter. Pflastersteine werfen ist bei Sonne eben viel lustiger. Wählen der Theorie zufolge auch – heißa hurra!

Wobei ja die eigentliche Frage ist, welcher Partei das Wetter am meisten nützt. Am meisten zittern müssen wohl die Regierungsparteien SPD und CDU. Bei schlechtem Wetter ist der Wähler mies drauf und hat dann so richtig Lust, den Mächtigen eins auszuwischen. Eine zu große Hitze fällt sicherlich in die gleiche Kategorie. Sonnenbrand, Schweiß und Smog, das hält im September ja kein Mensch mehr aus. BER, S-Bahn, Fußball – und dann bekommt der Senat noch nicht einmal einen ordentlichen Herbst gebacken. Rudi Carrell hatte 1975 mit seinem Schlager "Wann wird's mal wieder richtig Sommer?" schon Recht: Schuld daran ist nur die SPD.

Doch auch die kleineren Parteien sollten sich am Sonntag nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen. Ob der FDP-Anhänger am lauen Septembersonntagabend wirklich seine Yacht zurück in den Wannseehafen steuert, nur um noch vor 18 Uhr ins Wahllokal zu kommen? Und schaffen es die Grünen-Wähler, rechtzeitig von der Wiese im Görli aufzustehen? Ich weiß es nicht – und diese billigen Klischees auch nicht. Entschuldigung, aber das hat die Hitze mit mir gemacht. Mitten im September. Aber Rudi Carrell hätte sich auf jeden Fall riesig über dieses Wetter gefreut.

Von den Quälgeistern in Berlins Theater- und Kinosälen
Sie kommen zu spät oder müffeln nach Tabak und Parfum. Seine Sitznachbarn kann man sich leider nicht aussuchen

Mit George Clooney ins Strandbad Wannsee
Ein letztes Mal in diesem Jahr kehrt in dieser Woche der Sommer nach Berlin zurück. Zeit für einen Abschiedsbrief.

Wenn ein Wasserbecken zur Kampfzone wird
In Schwimmbädern trifft man leider immer wieder auf nervige Typen.

Von wegen schlechte Welt - gutes Karma schwingt durch Berlin
Nur noch schlechte Nachrichten auf der Welt? Von wegen.

Ein Liebesbrief an den Berliner Fernsehturm
Er ist Star auf Instagram und Teil der Popkultur - überhaupt ist der Fernsehturm das tollste Bauwerk der Stadt.

Tomaten to go – wenn Berliner Trends einfach irrsinnig sind
Socken in Sandalen, kalter Kaffee, Gemüse zum Mitnehmen – wer denkt sich solche bescheuerten Trends aus?

Wenn plötzlich ganz Berlin zum Dancefloor wird
Bahn zu spät, Stau, Akku leer – so ein Mist. Warum tanzen wir nicht einfach, statt immer zu meckern?

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Meistgelesene