Mein Berlin

Mit Mitte 30 ist man für den Simon-Dach-Kiez einfach zu alt

Und für Lästereien über andere Bezirke und die BVG. Nur eine Sache ist immer und für alle zeitlos. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Für die Simon-Dach-Straße fühlt sich Kolumnistin Nina Paulsen mittlerweile zu alt

Für die Simon-Dach-Straße fühlt sich Kolumnistin Nina Paulsen mittlerweile zu alt

Foto: Michael Brunner

Am Montag war ich im Volkspark Friedrichshain und sah zwei Hunde bei der Paarung. Oder bei dem Versuch der Paarung, so genau weiß ich das nicht. Was ich aber weiß, ist, dass die Herrchen und Frauchen mit dem Verhalten der Tiere so gar nicht einverstanden waren. "Aus" und "Lass' das" riefen sie. Dem Frauchen fiel schließlich ein gewichtiges Argument ein: "Emma!", rief sie ihrer Hündin zu. "Hör' auf damit. Dafür bist du doch viel zu alt!"

Oha. Dass es eine Altersbegrenzung für die Liebe gibt, war mir bisher nicht bewusst. Schon gar nicht im Tierreich. Im Park schien eine spätsommerwarme Sonne durch die langsam gelb werdenden Bäume und ich wurde ein bisschen traurig. Arme Emma. Auf der anderen Seite: Klar, irgendwann wächst man aus bestimmten Dingen heraus.

In Berlin gibt es eine ganze Menge Sachen, für die man schon mit Mitte 30 zu alt ist. Im Simon-Dach-Kiez wohnen, zum Beispiel. Ich war 29, als ich von dort wegzog. Schlüsselerlebnis war, dass ich eines frühen Morgens auf dem Weg zu einer Dienstreise meinen kleinen Rollkoffer auf dem Weg zur S-Bahn durch Döner-Reste, Erbrochenes und Glitzerflitter zog und an eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte denken musste: "Ich bin zu alt für diesen Scheiß." Wobei man mit Mitte 30 auch zu alt dafür ist, nur in Klischees über bestimmte Kieze zu denken oder irgendwelche Bezirke (nur nicht den eigenen) abgrundtief zu hassen. Immerhin lebt in Prenzlauer Berg weder ausschließlich der sogenannte Bionade-Biedermeier, noch gibt es nur aufgetakelte Frauen in Pelzmänteln und mit kleinen Wuschelhunden in Charlottenburg. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Albern ist in diesem Zusammenhang allerdings auch, mit Mitte 30 den Ost-Teil Berlins niemals zu verlassen, weil man den Westen ja langweilig, alt und spießig findet.

Mit Mitte 30 wird alles beschwerlicher

Mit Mitte 30 beschwert man sich in Berlin nicht mehr über die BVG. Anfangs hat es ja noch Spaß gemacht, jetzt weiß man es einfach besser. Bringt ja doch nichts – und mit genügend Zeit und Kreativität kommt man ja doch immer an sein Ziel. Mit Mitte 30 fängt man deshalb auch nicht mehr an, wegen einer einfahrenden Bahn hektisch loszulaufen. Viel zu anstrengend. Der nächste Zug kommt eh in drei Minuten. Außerdem hat man mit Mitte 30 ab und zu Rücken oder Probleme mit dem Meniskus. Da sollte man sich besser nicht überanstrengen. Überhaupt, es ist alles beschwerlicher geworden. Mit den allerhöchsten High Heels zur Party? No way. Da tun ja nach zwei Stunden die Füße weh. Auf Festivals im Zelt schlafen und aufs Dixi-Klo gehen? Aber nur, wenn man danach drei Wochen Erholungsurlaub hat. Apropos Urlaub: Eine Woche Barcelona im 12-Bett-Zimmer im billigsten Hostel der Stadt – hat uns das früher wirklich nichts ausgemacht? Nee, so langsam darf es schon etwas komfortabler sein.

Während das Wegbier in Berlin absolut immer geht, ist man mit Mitte 30 zu alt für billigen Weißwein aus dem Späti mit Schraubverschluss. Der macht höllische Kopfschmerzen und der Kater am nächsten Morgen ist auch nicht mehr der, der er mit Mitte 20 war. Mit Mitte 20 ging man aber auch noch auf WG-Parties, bei denen die Gastgeber immer ein Malm-Bett von Ikea und einen Tisch aus zusammengezimmerten Wein-Kisten hatten. Heute kaufen ja alle ihre Möbel auf überteuerten Vintage-Flohmärkten und bei Rahaus ein. Statt auf WG-Parties wird man ausschließlich zu Baby-Parties geladen. Oder zum veganen Kochabend mit Zutaten vom Kollwitzmarkt.

Mit Mitte 30 kennt man keinen Song mehr aus den Top Ten. Man checkt nicht, wie Snapchat funktioniert. Dass Justin Bieber angesagt ist, ist bekannt – dass das auch für die Frisuren von Dagi Bee gilt, dagegen nicht. Wenn Sie nicht wissen, wer das ist: macht nichts. Dafür ist man eben auch irgendwann zu alt. Aber das ist okay, alles zu seiner Zeit. Zeitlos bleibt nur das Wegbier. Und natürlich die Liebe. Gut, dass selbst Hündin Emma das weiß.

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