Mein Berlin

Warum der Craft-Beer-Hype in Berlin so nervig ist

Holz, Rauch und im Abgang ein Hauch Kirsche. Warum muss Bier so schmecken? Ein Plädoyer für Bier mit Biergeschmack von Nina Paulsen.

Handgemachtes Bier erobert auch die Berliner Kneipen

Handgemachtes Bier erobert auch die Berliner Kneipen

Foto: pa

Bei der TV-Serie "Die Simpsons" gibt es eine Folge, in der Bart Simpson sich einen Ohrring stechen lassen will. Er geht dazu in die Springfield Mall, das Shopping-Center seiner Zeichentrick-Stadt. In der Mall gibt es allerdings nur ein einziges Geschäft, das dafür aber in zigfacher Ausführung: Starbucks. Filiale an Filiale reiht sich aneinander – eine Persiflage auf die überbordende Anzahl an Coffeeshops, die es heute überall so gibt.

Würden die Simpsons in Berlin des Jahres 2016 spielen, müssten die Starbucks-Läden in der Mall allerdings durch viele kleine Craft-Beer-Klitschen ersetzt werden. Jeder, der in Kreuzberg, Mitte oder Neukölln ein paar Quadratmeter Keller besitzt, hat mittlerweile dort einen Zapfhahn installiert und angefangen, sein eigenes Bier zu brauen. Um es dann start-up-mäßig mit mittelkreativem Namen teuer unter die Leute zu bringen.

Zumal Berlin als Hauptstadt und Mekka der Mikrobrauereien gilt. Besonders aufgefallen ist mir das am zurückliegenden Wochenende auf dem Food Market auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Pankow, wo wir uns beim Spaziergang schnell was Kleines zu Essen auf die Hand kaufen wollten. Rund 30 Stände mit leckeren Dingen gibt es dort normalerweise jeden Sonntag, allein 18 davon verkauften dieses Mal allerdings kein Essen, sondern: handwerklich gebrautes Bier. Hunger? Vergiss es. Jetzt ist offenbar Trinken das neue Essen – selbst bei einem Familienevent am Sonntagvormittag.

Ein stinknormales Bier ist doch auch prima

Ich verstehe den ganzen Hype ums Craft Beer nicht. Das ist wie beim Kaffee, bei dem das Standardprodukt eigentlich immer perfekt war und genau seinen Zweck erfüllte – bis es durch diverseste Sirupsorten verhunzt und um ein paar Euro teurer gemacht wurde. Ein stinknormales Bier an sich ist doch auch schon total prima. Und hat Generationen vor uns bereits glücklich gemacht und so wie es war ganz wunderbar geschmeckt.

Braucht man da heute wirklich Espresso Ale, Kiwi Ale oder Orange Pale Ale, um das Produkt zu optimieren? Die Zahlen sprechen dagegen: 1976 konsumierte jeder Deutsche noch 151 Liter Bier – 106 Liter waren es im Jahr 2015. Schmeckt wohl nicht mehr so. Früher war eben doch alles besser.

Bier war immer ein ehrliches Getränk. Bodenständig, simpel. Hopfen, Malz, Hefe, Wasser, Punkt. Ein Genuss für Manager und Arbeiter, für Studenten und Senioren. Selbst für Berliner Hipster. Zum Essen, zum Fußball, als das legendäre Wegbier der Tram. Jetzt wird es als Craft Beer plötzlich von Sommeliers verkostet wie teurer Wein und dementsprechend umschwafelt. Florale Nuancen. Ein Nachhall von Holz, Kirsche und Spekulatius. Craft Beer ist nicht Genuss- oder Nahrungsmittel. Es ist ein Style – und ein elitärer noch dazu. Das passt mit dem Ausgangsprodukt einfach nicht zusammen.

Die Frage ist ja, ob man sich in Berlin irgendwann noch mit einem einfachen Bier von der Stange blicken lassen kann. Mit einem Bier, das halt schmeckt. Mit Bier-Nuancen und Bier im Nachhall. Aus der schnöden Flasche und nicht aus dem schicken Craft-Beer-Kelch. Mit einem Bier, das nicht zum Angeben taugt. Ich glaube: zum Glück schon.

Der Witz an dem ganzen Hype ist, dass ich eigentlich niemanden kenne, der Craft Beer trinkt. Ja, man hat es mal probiert, das 0,1-Liter-Gläschen für 4,50 Euro. Aber in der Regel bestellt man eben doch ein stinknormales Pils, denn da weiß man, was man hat. Das ist wie beim Kürbis-Latte-Macchiato oder dem Pfefferminz-Frappuccino. Klingt aufregend, schmeckt aber seltsam. Als Gag funktioniert das Ganze. Mehr aber auch nicht.

Zumal der deutsche Biermarkt mit mehr als 5000 Sorten und mehr als 1300 Brauereien ohnehin schon riesig ist. Aber gut, jeder darf ja seine Nische besetzen und wem es schmeckt, der soll mit seinem Spekulatius-Orangen-Buchenrauch-Bier gern glücklich werden. Solange die Malls und Einkaufsstraßen in Berlin nicht damit zugepflastert werden, ist ja auch alles gut.

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