Mein Berlin

Warum der Herbst Berlin so viel schöner macht

Weniger Gestank, weniger lästige Menschen, weniger Grau: Der Herbst macht Berlin schöner. Eine Kitschkolumne

Der Herbst ist perfekt für Spaziergänge.

Der Herbst ist perfekt für Spaziergänge.

Foto: dpa

Mein Gemüsemann um die Ecke verkauft jetzt Kürbisse. Wie aus dem Bilderbuch sehen die aus, groß wie Medizinbälle, orange, perfekt geformt und schön. Vielleicht sind es gen- oder sonst irgendwie manipulierte Kürbisse aus dem Labor, so etwas weiß man ja heutzutage nicht. Wenn so ein Ding nicht so verdammt schwer wäre, würde ich jeden Tag einen davon nach Hause tragen. Um seine vollkommene Ästhetik zu bewundern. Und natürlich, um Suppe daraus zu machen. Kürbisse sind einfach super. Gäbe es ein Ranking, sozusagen die Gemüsecharts, stünde der Kürbis bestimmt in den Top Ten.

Es ist ja auch Herbst jetzt, da muss das so sein. Ich habe das Gefühl, nach diesem heißen Berliner Sommer endlich wieder Luft zu bekommen. Gehe ich morgens aus dem Haus, pusten mir sechs Grad und der Nieselregen den Kopf so schön frei. Ebenso wie die Tatsache, dass nur noch ganz wenige Menschen in der vollen Tram müffelnde Schweißflecken am Körper tragen. Selbst überfüllte Mülleimer und neuralgische Punkte wie Zoo, Alex und Friedrichstraße kommen geruchstechnisch dezenter daher. Der Herbst, er ist in Berlin wie einer dieser sprühbaren Lufterfrischer. Aber viel besser als alles, was es da im Supermarkt zu kaufen gibt.

S-Bahn-Fahren macht jetzt ja auch wieder Spaß. Also, viel mehr als ohnehin schon, weil man sich in den Waggons nicht mehr wie in einer 40 Grad heißen Konservendose fühlt. Keine überhitzten Autos mehr, kein glühender Stadtasphalt. Der Herbst ist ein Wellnessprogramm for free, nicht nur für den Körper, sondern auch für unsere armen, geschundenen Seelen. Endlich können wir uns wieder in mehrere Lagen Klamotten einpacken. Und damit der abendlichen Low-Carb-Kost und der nicht erreichten Bikinifigur Lebewohl sagen. Bis man die wieder vorzeigen muss, werden einige Monate vergehen. Deshalb braucht man jetzt auch nicht mehr ins Fitnessstudio zu rennen, für das man im Januar blauäugig den Vertrag unterschrieben hat. Die guten Vorsätze sind entweder längst vergessen – oder werden mit der ersten Marzipankartoffel des Jahres ganz tief heruntergeschluckt.

Jahreszeit der Couch-Potatoes

Der Herbst ist halt die Jahreszeit der Genießer und Faulenzer. Der Müßiggänger, Füßehochleger und der Couch-Potatos. Wenn es draußen regnet und stürmt, kann man ohne schlechtes Gewissen den ganzen Tag auf dem Sofa verbringen. Um ein Buch zu lesen, wenn man nicht völlig vergammeln will. Oder um sich staffelweise eine neue Serie reinzuziehen, wenn man's nicht ganz so genau nimmt. Dazu gibt's Kekse und Schokolade. Zwischendurch schaut man dann durch die schlierigen Fenster nach draußen, die man den ganzen Sommer wieder nicht zu putzen geschafft hat – und kann sich freuen: Bei dem Wetter lohnt das Ganze ja auch nicht mehr.

Endlich ist aber auch wieder Zeit für Kunst, wir sind ja keine Kulturbanausen. Es ist Zeit für Berlins Museen und die Theater. Vor allem aber für schweren Rotwein in lauschigen Bars. Schluss mit angesagten Cocktails auf angesagten Dachterrassen. Schluss mit überfüllten Liegeflächen auf sonnenversengtem Gras. In den Parks löst der Sound der Laubbläser den Lärm der Festivals und Karaokeshows ab.

Und diese Herbstspaziergänge, ach, sie sind so schön. Durch die bunten Blätter, die wie Konfetti auf Berlins herbstliches Einheitsgrau regnen. Durch den feucht-duftenden Grunewald, der sich färbt von Grün zu leuchtendem Gelb-Orange. Das werden prima Fotos für Twitter und Instagram! Zu keiner Zeit geht auch das Drachensteigenlassen auf dem Tempelhofer Feld besser als jetzt. Der Wind weht hier mindestens so stark wie ganz weit oben am Ostseestrand. Wer braucht schon das Meer, wenn er die Weite des großen Flugfeldes haben kann.

Okay, das ist übertrieben. Entschuldigen Sie diesen Kitschausbruch wegen ein paar Grad weniger auf dem Thermometer. Ich weiß nicht genau, woher es kam, es musste einfach raus. Vielleicht hat es auch an den Kürbissen gelegen. Seltsam, ja.

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