Mein Berlin

Die seltsame Wandlung Berliner Männer zum Hobbykoch

Unsere Väter hatten Hobbykeller und Werkbank – heute basteln Männer mit Küchenschnickschnack am Herd, hat Nina Paulsen beobachtet.

Ein Fleischwolf ist ein Muss, meinen viele Hobbyköche

Ein Fleischwolf ist ein Muss, meinen viele Hobbyköche

Foto: Patrick Pleul / dpa

Eine Freundin von mir hatte sturmfreies Wochenende. Wir verbrachten den größten Teil dieser Zeit gemeinsam auf ihrer Couch und aßen Käsekuchen. Herrlich war's. Ihre bessere Hälfte besuchte zu dieser Zeit ein Soßen-Seminar in einem Pankower Feinkostladen. Dort lernte er, wie man Krustentierfond und eine richtig gute Béchamel zubereitet. Das ist nämlich das neue große Ding bei vielen Berliner Männern ab 30: versuchen, möglichst profimäßig zu kochen. Zuhause. In einer Küche, die kaum noch wie eine aussieht, sondern wegen vieler abgefahrener Utensilien einer Werkstatt für Weltraumroboter gleicht.

Zehn Geschäfte, die Hobbyköche in Berlin kennen sollten

In der Küche meiner Freundin zum Beispiel steht neuerdings ein Bräter im Wert eines halben Monatsgehalts. Ein ziemlicher Oschi ist das, den man nicht heben kann, ohne einen Bandscheibenvorfall zu riskieren. Bei uns zu Hause ist es ähnlich. Einen Bräter haben wir zwar (noch) nicht, dafür aber hat der Mann diversen anderen Schnickschnack angehäuft. So haben wir mittlerweile eine Pastamaschine. Und eine kleine Wäschespinne, auf der die Pasta zum Trocknen aufgehängt wird. Außerdem drei verschiedene Parmesanreiben. Einen Flambierer, flache und hohe Soufflé-Förmchen, Crème-brûlée-Förmchen, die selbstverständlich etwas völlig anderes als die Soufflé-Förmchen sind. Küchenthermometer. Blanchiersieb. Ravioliformer. Der Freund meiner Freundin wünscht sich ein Kochmesser mit einem Griff aus Mooreiche zu Weihnachten. Meiner will einen Fleischwolf. Seit bei uns Zucchini dank eines Spiralschneiders nur noch in Lockenform serviert werden, hatte ich nicht mehr gedacht, dass es noch eine Steigerung gibt.

Mittdreißiger werkeln in der Küche statt im Hobbykeller

Während die Generation unserer Väter die gute alte Werkbank im Hobbykeller hatte, um sich an verregneten Sonntagen dorthin zurückzuziehen, werkeln die Mittdreißiger jetzt in der Küche. Statt Fahrradschläuche zu flicken, werden Bratschläuche mit Schweineschulter gefüllt, um nach einer Garzeit von läppischen zehn Stunden Pulled Pork zu servieren. Damit kann man in Berlin mittlerweile die Straße pflastern, so sehr wird das einem auf den Food Markets hinterher geworfen. Sind andere kochbegeisterte Freunde zu Besuch, wird über die richtige Zubereitung eines Thunfisch-Steaks gefachsimpelt – und darüber, ob Sous-Vide-Garer wirklich sinnvoll sind, oder auch nur so ein Trend wie damals, als alle Welt plötzlich Erdbeeren mit Pfeffer aß.

Die Zeiten sind ja zum Glück dahin, in denen die Küche das Reich der Frau war und Männer allenfalls Pizza auftauen oder Nudeln mit Ketchup machen konnten. Jetzt dürfen wir, wenn wir uns unauffällig verhalten, aber auch nur noch beim Kochen mithelfen und vielleicht ein bisschen Gemüse schneiden. Aber nur in Würfelform. Ein mal ein Zentimeter. Und keinen Millimeter mehr. Äußere ich den Wunsch, mal ein bodenständiges, schnelles Essen zuzubereiten, ernte ich einen Blick, als hätte ich vorgeschlagen, mit bloßen Händen aus der Mülltonne zu essen. Fischstäbchen mit Kartoffelbrei? Sind wir Höhlenmenschen? Dann rühr' wenigstens etwas Trüffelsalz dazu.

Berlin bietet Hobbyköchen viel Entfaltungsmöglichkeit

Berlin als Foodie-Mekka bietet Hobbyköchen besonders viel Entfaltungsmöglichkeit. Das Soßen-Seminar zum Beispiel. Oder Whiskey-Workshops. Oder der Fermentieren-Zuhause-Kurs. Und wussten Sie eigentlich, wie riesig Feinkost- und Küchenabteilung im KaDeWe sind? Nächstes Mal nehme ich ein Zelt mit dorthin, dann können wir unterwegs Rast machen.

Selbst auf Facebook wird nur noch gekocht, Kartoffelgratin in der Muffinform, Wan-Tan-Lasagne in der Muffinform, Gänsekeule mit Rotkohl in der Muffinform. Das sieht in den Videos immer alles super easy aus, hinterlässt in der Küche allerdings eine riesige Sauerei. Und eine dreckige Muffinform, die nicht in den Geschirrspüler passt. Wobei man über gut gekochtes, hochwertiges Essen ja nicht meckern, sondern Komplimente verteilen sollte. Gern mehr davon! Nur über den Fleischwolf müssen wir echt nochmal diskutieren.

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