Mein Berlin

Was man alles in Berlin verwechseln kann

Der Teufelsberg kann schon mal ziemlich schwer zu finden sein. Auch sonst kann man viel in Berlin verwechseln, meint Nina Paulsen.

Fahrradfahrer auf dem Teufelsberg

Fahrradfahrer auf dem Teufelsberg

Foto: Reto Klar

Einmal im Herbst, ich war gerade neu in Berlin, suchte ich gemeinsam mit einer Freundin den Teufelsberg. Also, natürlich war uns im Prinzip bekannt, wo der Teufelsberg steht, aber wir spazierten gemütlich durch den Grunewald und beschlossen: Da waren wir noch nie, da wollen wir jetzt rauf. Wir wanderten und wanderten – doch immer, wenn wir glaubten, nun mitten bei der Besteigung oder auf dem richtigen Weg zu sein, war der Berg plötzlich wieder woanders. Ein Zauberberg sozusagen. Es ging einfach nicht mit rechten Dingen zu.

"Suchen Sie etwas Bestimmtes?", fragte uns plötzlich ein Mann. Breitbeinig saß er da, auf einem riesigen Findling, den Obelix persönlich dort abgeladen zu haben schien. Kurzärmelig, Trekkinghose, Tarnfarben. Der Wind wehte durch das Laub der Bäume über uns, der Himmel war grau. "Öhm", machte ich perplex und überlegte, ob der komische Mann wohl der Förster war. Meine Freundin schaltete schneller: "Wir suchen den Teufelsberg", verkündete sie.

In Berlin kann man manche Dinge schon mal verwechseln

Mir war das alles ein bisschen peinlich in diesem Moment. Weil wir sozusagen den Wald vor lauter Bäumen nicht sahen. Und seit einer Ewigkeit ziellos umherirrten. "Sie sind hier völlig falsch", sagte der Mann dann auch. "Anderthalb Kilometer den Weg runter, dann links." Alles klar! Wir liefen also los: Bergauf, Treppen, Serpentinen – und wir waren tatsächlich oben. Wie eine Spielzeugstadt breitete sich Berlin zu unseren Füßen aus. "Schön hier", sagte meine Freundin. "Aber warum steht diese alte Abhörstation auf dem Berg neben uns und nicht auf diesem?" Tja. Weil wir auf dem Drachenberg gelandet waren. Wir setzten uns ins Gras und guckten – am Teufelsberg vorbei – erschöpft ins Weite. Dann fing es zu regnen an.

Diese Episode ist ja nun schon etwas her, aber sie erinnert mich immer daran, dass man in einer großen Stadt wie Berlin manche Dinge eben schon mal verwechseln kann. So wie Touristen den Fernsehturm auch immer wieder Alex nennen zum Beispiel. Oder wenn sich Fahrgäste bei der BVG über die unpünktliche S-Bahn beschweren, die ja bekanntlich zur Deutschen Bahn gehört. Kurfürstendamm oder Kurfürstenstraße? Ostkreuz oder Ostbahnhof? Oranienstraße oder Oranienburger Straße? Westend oder Westkreuz? Tiergarten, Tierpark oder Zoo? Alles nicht so leicht, vor allem für Besucher.

"Süßes oder Fresse halten"

Als ich am vergangenen Mittwoch in einem Niederschönhausener Café auf dem Weg zur Kuchenvitrine war, kam eine Frau von draußen herein und fragte mich, ob sie mal das Klo benutzen dürfe. Eine Freundin von mir trug eines Nachmittags im Kaffeehaus "Grosz" am Kudamm zufällig ein schwarzes Kleid mit weißem Kragen. Ein Herr bestellte einen frischen Pfefferminztee und seine Begleiterin ein Glas Rotwein bei ihr. In unserer Nachbarschaft wiederum verwechselte just vorgestern ein Kind Halloween mit seinem Schulhof und rief vor einem ahnungslosen Passanten: "Süßes oder Fresse halten."

Schön war ja, als der HSV vor einem Jahr seine Anhänger mit denen von Hertha verwechselte – und die Ostkurve des Olympiastadions auf seine neuen Fan-Shirts druckte. Heidi Klum nahm den Gedanken zu Halloween ebenfalls auf und ging mit sechs weiteren Frauen als ihr eigener Klon. Gruselig. Apropos Promis: Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sieht ja US-Schauspieler Alec Baldwin ziemlich ähnlich. Ich habe aber zum Glück noch nicht gehört, dass man Baldwin schon einmal für marode Berliner Schulgebäude und einen überteuerten Großflughafen in der brandenburgischen Pampa verantwortlich gemacht hätte.

Ein schöner Ausflug war unser Aufstieg zum Drachenberg damals übrigens trotzdem. Weil ja der Weg das Ziel ist. Weil wir uns jetzt supergut im Grunewald auskennen. Und weil ich trotz Regens seinerzeit keine Erkältung bekommen habe. Nur der Teufelsberg bleibt weiter ein Mysterium. Und der komische Förster aus dem Grunewald auch.

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