Mein Berlin

Warum die Berliner immer noch ihr Bargeld so lieben

Restaurants, Taxis, Geschäfte: An vielen Orten in Berlin kann man nur bar bezahlen. Das ist ziemlich provinziell, meint Nina Paulsen.

Ohne echtes Geld verhungert man in Berlin eigentlich

Ohne echtes Geld verhungert man in Berlin eigentlich

Foto: Tobias Kleinschmidt / dpa

In monetärer Hinsicht ist der Deutsche ein ziemlicher Klemmi. Über Geld spricht man nicht, heißt es so schön, wobei ich sagen muss: Ich verstehe das ganze Gewese nicht. Geldmäßig bin ich irgendwie leidenschaftslos. Ich finde es gut, wenn ich welches habe. Und nicht so gut, wenn am Ende des Geldes noch wahnsinnig viel Monat übrig ist.

Drei Situationen gibt es aber, in denen es nicht nur ungut ist, kein Geld zu haben, sondern sogar ziemlich misslich. Nummer eins: Wenn man beim ersten Date erst am Ende merkt, dass man sein Portemonnaie vergessen hat. Der andere zahlt. Und man selbst sagt: "Ich überweise dir meinen Anteil gleich, wenn ich zu Hause bin." Wenn das mal nicht romantisch ist.

Nummer zwei: Wenn in der Kirche die Kollekte eingesammelt wird. Man kann sich dann höchstens noch schnell einen Knopf von der Jacke reißen und in den Klingelbeutel werfen. Dann hat man zwar im ersten Moment sein Gesicht gewahrt, rutscht moralisch allerdings auf eine Stufe mit jenen Menschen ab, die kleine Enten in den Teich schubsen.

Und jetzt Nummer drei: Wenn man in Berlin abends mit dem Taxi nach Hause fahren will und den Fahrer fragen muss: "Entschuldigung, ich sehe gerade, ich habe nicht genug Bargeld dabei. Kann ich bei Ihnen auch mit Karte zahlen?"

Unterwegs wie ein unfreiwilliger Dieb

Denn die Antwort lautet meiner Erfahrung nach – trotz entsprechender Pflicht – in den allermeisten Fällen: Nein. Geht leider nicht. Gerät kaputt. Hund hat die Bon-Rolle gefressen. Wackelkontakt. Fällt aus wegen is' nich'. Man eiert dann mit dem Taxi also zum nächsten Geldautomaten, um Bares abzuheben. Das ist das gleiche Gefühl, wie wenn man die Colaflasche im Supermarkt noch vor dem Bezahlen öffnet, weil man so durstig ist. Faktisch gehört sie einem noch nicht, auch wenn man sie theoretisch gleich erwerben wird. Im Taxi nimmt man bis zum Geldautomaten so dann auch eine Dienstleistung in Anspruch, die man zunächst nicht bezahlen kann. Ich fühle mich dann immer wie ein unfreiwilliger Dieb. Blöd.

Blöd ist aber auch, wie Bargeld-fixiert Berlin überall noch ist. In meinem Kiez zum Beispiel steht in jedem zweiten Restaurant am Anfang der Speisekarte, dass Kartenzahlung leider nicht möglich sei. Kein Bäcker akzeptiert etwas anderes als Cash. Kein Späti und kein Dönermann. Die wenigsten Klamottenläden. Ohne echtes Geld verhungert man hier eigentlich. Und hat nichts anzuziehen.

"Nur Bares ist Wahres", lautet ein berühmtes Zitat aus "Pretty Woman". Der Film ist von 1990. Passt aber auch wunderbar ins Berlin des Jahres 2016. Noch seltsamer ist ein kleiner Supermarkt bei mir um die Ecke. Der akzeptiert zwar Karten. Aber erst ab einem Einkaufswert von zehn Euro. Kosten meine Siebensachen mal wieder zu wenig, kaufe ich dort an der Kasse ein Überraschungsei. Oder mehrere, je nachdem, wie viel Geld noch fehlt. Wenn man so darüber nachdenkt, macht der Supermarkt seine Sache ziemlich geschickt.

Auf einer Ebene mit Kleinkleckersdorf

Menschen aus aller Welt kommen nach Berlin. Wir wollen eine junge, internationale und offene Stadt sein. Und bewegen uns in Sachen Zahlungsverkehr dennoch auf einer Ebene mit Kleinkleckersdorf. Überall auf der Welt ist Kartenzahlung selbstverständlich – und wenn es nur um ein paar Schnürsenkel für 60 Cent geht. Bei uns aber werden weiter fleißig Münzen und Scheine gezählt. Und lieber Umwege zum Bankautomaten in Kauf genommen. Wirtschaftswissenschaftler haben ja schon vorgeschlagen, das Bargeld abzuschaffen. An Berlin, so viel steht fest, werden sie sich die Zähne ausbeißen.

Jetzt aber noch schnell zur Ehrenrettung aller Berliner Taxifahrer: Ihr macht einen tollen Job! Auch wenn ihr keine Lust auf dieses Kartengedöns habt. Bei meiner letzten Tour schaltete der Fahrer sogar sein Taxameter ab, um mit mir zur nächsten Bank zu fahren. Das ist dann ja echt ganz nett. Sehe ich den Mann mal wieder, bekommt er von mir als Dankeschön ein Überraschungsei. Davon habe ich nämlich mehr als genug.

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