Mein Berlin

Mit Smartphone-Vätern, Hipstern und Drohnenpiloten im Park

Ein Stadtpark ist ein bizarres Biotop voller verschiedener Spezies. Eine brisante Mischung, meint Nina Paulsen.

Im Volkspark Friedrichshain tummeln sich verschiedene Spezies

Im Volkspark Friedrichshain tummeln sich verschiedene Spezies

Foto: euroluftbild.de/Grahn

Am Sonntag ging ich mit dem Baby in den Volkspark Friedrichshain. Ich rief eine Freundin an, ob sie und ihr Kind nicht mitkommen wollten. "Du, nee", sagte meine Freundin, "das passt gerade gar nicht. Martin ist mit der Kleinen raus, und ich liege in der Badewanne. Endlich Ruhe." Dann legte sie auf.

Also fuhren ich und das Baby allein in den Park. Ein schöner Tag war der vergangene Sonntag. Die Wege waren hart gefroren, Raureif lag auf dem Gras, bunte Blätter auf dem Boden – schlimmstes Herbstklischee.

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Doch neben der Natur fiel mir noch etwas auf: Der ganze Park war voller Väter und Kinder. Manche hatten ihren Nachwuchs auf den Bauch geschnallt und spielten mit ihrem Smartphone. Andere schoben die Kleinen auf dem Laufrad und spielten mit dem Smartphone. Oder sahen ihnen beim Rutschen zu, riefen Sachen wie "super, Morten", um dann ein Foto mit ihrem Smartphone zu machen.

Nun denn. Offenbar verbrachte jede zweite Berliner Mutter diesen Sonntag in der Badewanne, hatte Mann und Kind vor die Tür verbannt. Ich rieb mir meine gefrorenen Hände aneinander. Irgendwas machte ich falsch.

Auf der anderen Seite stellte ich fest, was für ein bizarres Biotop so ein Park ist. Neben den Vätern gab es nämlich eine weitere interessante Gruppe: Styler beim Sonntagsspaziergang. Also quasi Hipster-Typen mit Jogginghose, schweren Boots, Parka und Riesenschal.

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Mit ihrem Latte-to-go-Becher und großen Kopfhörern latschten sie über den Rasen, als ginge sie das alles nichts an. Oder als seien sie Models für ein angesagtes Streetwear-Label in Mitte, was ungefähr dasselbe ist.

Das könnte übrigens auch für die ganzen Hunde gelten, die von ihren Herrchen und Frauchen Kapuzenpullover im College-Look angezogen bekommen hatten. Styler beim Sonntagsspaziergang halt. Was soll man da sagen.

Apropos Style: Toll sind auch immer Senioren beim Nordic Walking. Nichts gegen sportliche Betätigung, das ist super und gesund. Aber warum jeder dabei eine pastellfarbene Steppjacke anziehen muss, ist mir ein Rätsel.

Genauso wie jene Herren, die bei minus zwei Grad in kurzer Hose und T-Shirt Tischtennis spielten. Ich meine, klar, wer Sport macht, dem wird warm. Aber es handelte sich ja nur um lockeres Park-Tischtennis und kein episches Olympiamatch zwischen China und Japan.

Einen wintertauglicheren Dresscode hatten aber die vielen Jogger. Also die Drahtigen, die jeden zweiten Tag hier sind und im Sommer Finisher-Shirts vom Paris-Marathon tragen.

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Jetzt im Frühwinter haben sie Schlabbershorts über ihre langen Laufleggins gezogen. Das kann ich verstehen, in so engen Hosen denkt man sonst immer, der Hintermann oder die Hinterfrau auf der Bahn guckt einem auf den Po.

Und dann noch: Paare. Viele Paare. Händchen haltend. Schlendernd. Schweigend. Man hat sich ja nun nicht mehr so viel zu sagen – und die Geschichten aus dem Büro wurden schon am Sonnabend erzählt.

Die Älteren scrollten nebenbei mit dem Handy durch ihren Facebook-Feed, um sich Fotos von Hunden in Kapuzenpullovern anzusehen. Jüngere suchten sich lieber schnell ein neues Tinderdate, weil, sorry, die Idee mit dem Parkspaziergang wirklich dämlich war.

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Auf einer Bank am Rand der Volleyballfelder schepperten blecherne Electrobeats aus einem Handylautsprecher. Vier Jungs, die noch zu jung für Tinder sind, saßen kopfnickend daneben und verschwendeten ihre Jugend. Vielleicht würden sie auch eines Tages so ein Smartphone-Vater werden, überlegte ich. Oder Jogger. Oder Tischtennisspieler.

Alles okay, solange sie sich nicht einer neuen Spezies anschließen, die seit einiger Zeit die Parks bevölkert: Drohnenpiloten, die mit Riesen-Fernbedienung und in den Nacken gelegten Köpfen durch die Botanik stolpern. Da ist die Gefahr ziemlich groß, mit einem schlendernden Hipster zusammenzustoßen.

Das muss ich irgendwann unbedingt auch dem Baby sagen. Ha! In der Badewanne wäre mir diese Erkenntnis nie gekommen.

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