Mein Berlin

Älterwerden: Dinge, die man nicht getan haben muss

In Berlin kann man sich auch mit Mitte 30 manchmal ganz schön alt fühlen. Was dagegen hilft: lockerlassen.

Tanzende Menschen auf dem Dach einer Bushaltestelle am Spreewaldplatz beim Myfest in Kreuzberg

Tanzende Menschen auf dem Dach einer Bushaltestelle am Spreewaldplatz beim Myfest in Kreuzberg

Foto: REUTERS

In Berlin gibt es immer wieder Momente, die mich an die Vergänglichkeit und das Älterwerden erinnern. Ja Freunde, auch mit Mitte 30 denkt man gelegentlich über das Leben nach und wird etwas schwermütig, weil man noch immer keinen Baum gepflanzt, kein Haus gebaut oder barfuß im Regen getanzt hat.

Dinge eben, die man sich irgendwann in jungen Jahren so vornimmt und die man unbedingt erledigt haben will, bevor man irgendwann die Gänseblümchenwurzel von unten betrachten darf.

Ende der vergangenen Woche war mal wieder so ein Moment. Mit einer Freundin spazierte ich an der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg vorbei. Es war ein trüber Vormittag und nebelgrau. Vor der Halle saßen einige Dutzend Mädchen.

Jugendliche mit großen Plänen für ihr Leben vielleicht, die sich in Warmhaltefolie gewickelt hatten und gegen die Absperrgitter gelehnt in die Kälte starrten. Hach! Einfach toll, diese Teenie-Zeit. Haben wir ja auch damals gemacht, uns bei einem Konzert schon frühmorgens angestellt, um einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern.

Bei "Bastille" denke ich an die französische Revolution

Ich trau mich gar nicht, das zu sagen, aber ich war ganz, ganz früher in grauer Urzeit, so mit 13, Fan der Kelly Family und stand mal eines Januarmorgens schon um 5 Uhr im Schnee, um beim Konzert abends ganz vorne zu sein. Hat auch geklappt. Danach war ich allerdings drei Wochen erkältet. Fanden meine Eltern richtig super.

"'Tschuldigung, was ist denn heute Abend hier für ein Konzert?", fragten wir die Mädels vor der Schmeling-Halle. "Von Bastille", bibberten sie. "Aha", sagte ich und nickte wissend. Bastille. Dazu fiel mir nur die Französische Revolution ein. Sonst nichts. Ich googelte schnell mit meinem Handy: Eine britische Indie-Rockband.

Vier Typen, von denen einer ein bisschen so aussieht, wie der kleine Bruder von Kurt Cobain. Meine Güte, was bin ich alt. Zu alt, um vor einer Konzerthalle zu campen. Zu alt, um heiße Bands zu kennen. Allein der Vergleich mit Kurt Cobain zeigte mir, wie sehr ich noch in den 90er-Jahren feststecke. Ich freue mich auch immer, wenn im Radio Lieder von damals gespielt werden. Also von Nirvana zum Beispiel.

Aktuell gibt es ja auch eine neue Version von "What is Love", dem 90er-Eurodance-Ohrwurm schlechthin. Ganz furchtbar ist das Remake, so furchtbar, dass man am liebsten mitsingen will, wenn die Zeile "Baby, don't hurt me" kommt. 24 Jahre ist das Original dieses Songs jetzt alt und wenn man den gängigen Definitionen glaubt, ist es damit schon ein Oldie.

Wenn wir also zu einer 90er-Jahre-Party zum Feiern gehen, ist es im Grunde eine Oldie-Party. Oh je. Dabei waren Oldies für mich eigentlich immer Lieder von Elvis oder den Beatles. Dafür muss jetzt wohl ein neuer Name gefunden werden. So viel zum Thema Altwerden und Vergänglichkeit.

Vielleicht ist es dann jetzt mit Mitte 30 an der Zeit, endlich all die Dinge zu erledigen, die man so erledigen muss, wenn man sein Leben gelebt haben will. Ein Selfie auf dem Empire State Building machen. Ein Eis auf der Golden Gate Bridge essen.

Einfach zufrieden sein im Hier und Jetzt

Die Klippen in Acapulco herunterspringen. Klingt gut, was? Aber ganz ehrlich: Nein. Das macht doch alles viel zu viel Druck. Und am Ende ist man unglücklich, weil man doch kaum einen Punkt von der Liste abgearbeitet hat.

Ich plädiere deshalb dafür, eine Liste mit all den Dingen zu erstellen, die man im Leben garantiert nicht gemacht haben muss. Kein Barfuß-Tanz im Regen. Keinen Baum pflanzen. Nie einen Club Mate auf der Warschauer Brücke trinken. Bloß kein Start-up gründen.

Nicht versuchen, ins Berghain reinzukommen. Ein Haus bauen? Never. Die große Mauer in China einfach nur bei Google Earth angucken. Der Kilimandscharo ist sicher auch von unten schön. Und der Petersdom von außen.

Einfach zufrieden sein im Hier und Jetzt. Das Leben nehmen, wie es kommt. Sich jung fühlen und gut. Dann kann die Sache wirklich klappen. So lange jedenfalls, bis die nächste angesagte Band in der Schmeling-Halle spielt.

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