Mein Berlin

Warum eine Zugfahrt besser als jede Dokusoap ist

Nirgendwo lernt man mehr über die Menschheit als in der Bahn. Und über Spandau gibt es auch etwas Neues, hat Nina Paulsen beobachtet.

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"Ich habe gestern Abend 50 Euro auf den Tisch gelegt", sagt die Frau, Mitte 60, toupierte Haare, rote Lippen, die Jacke von Chanel. "Ich sogar 60 Euro", antwortet die etwa gleichaltrige Frau gegenüber, ihre kniehohen Stiefel stecken in Jeans, gebräunte Haut, Zweitwohnsitz Marbella vielleicht. "Ja", sagt die erste. "Aber ich hatte auch nur ein Glas von dem Wein, ihr jeder zwei. Warte mal, wie teuer war das? Hier. 6,40 Euro. Aha."

Da sitzen sie also, vier Damen, gut situiert, wie man so schön sagt, und klabüstern eine Restaurantrechnung auseinander. Mit Kugelschreiber auf Serviette. Der ICE nach Köln hat noch nicht mal vor einer Minute den Berliner Hauptbahnhof verlassen. "Ok, dann bekomme ich von Gisela noch 11,30 Euro und von Renate 3,50 Euro. Wegen dem Trinkgeld", sagt die Chanel-Jacke. Klimpergeld wird ausgetauscht, hier schenkt man sich nichts. Nicht einmal einen Genitiv.

Ich wiederum fühle mich ein bisschen wie Falschgeld. Ein Frühbucher-Sparpreis hat mich zum allerersten Mal in die erste Klasse der Bahn geführt. Adieu Holzklasse, hatte ich beim Ticketkauf frohlockt, adieu volle Waggons und Drängelei. Aber bis auf das Schokolädchen zur Begrüßung und die breiteren Sitze ist eigentlich alles wie immer: Als die Geldangelegenheiten geklärt sind, wickeln die Damen plötzlich Stullen aus Butterbrotpapier aus.

Theater in einer rollenden Konservendose

So eine Zugfahrt ist manchmal wie Theater. Theater in einer rollenden Konservendose, dem man mitunter sehr, sehr lange sehr, sehr nah kommt. Komischerweise ist es dabei egal, wohin man fährt – überall werden die gleichen Stücke aufgeführt. Zum Beispiel eben das geräuschvolle Auspacken und Verspeisen von mitgebrachtem Essen, sobald der Zug sich in Bewegung gesetzt hat. Brote mit müffelndem Corned Beef. Bifi. Buletten. McDonalds-Tüten. Asia-Boxen. Der Fantasie sind bei der Geruchsbelästigung keine Grenzen gesetzt.

Einmal sah ich eine riesige Tupperbox mit Nudelsalat, Pappteller und Plastikgeschirr. Vor allem Damengruppen auf Ausflug haben grundsätzlich immer etwas zu essen dabei. Oft auch noch eine Flasche Prosecco, mit dem dann am reservierten Vierertisch freudestrahlend angestoßen wird: Endlich kommen wir mal raus!

Schöner redet man nirgends aneinander vorbei

Auch in der ersten Klasse bestellen am Vierertisch hinter mir Werbemenschen lautstark kleine Flaschen Rotkäppchen. Immerhin: Es gibt richtige Gläser. "War voll krass gewesen die Weihnachtsfeier", sagt der eine. "Ich hab mir jetzt ja meine Laufschuhe personalisieren lassen", der andere. Schöner redet man nirgends aneinander vorbei. Ich fühle mich in solchen Momenten immer wie in einer dieser Doku­soaps auf RTL II. Weil man Fremden plötzlich so nahe kommt und irgendwie peinlich berührt über den Inhalt der Gespräche ist. Auf der anderen Seite kann man so auch wunderbare Sozialstudien betreiben.

Froh bin ich ja immer, wenn keine Fußballfans auf Auswärtstour mit an Bord sind. Vornehmlich in Regionalzügen können Gesänge und Alkoholpegel anstrengend sein. Noch schlimmer sind Junggesellinnenabschiede nach Berlin. Oder Schulklassen auf dem Weg zur Skifreizeit. Obwohl alle ihre Smartphones dabeihaben, herrscht ein Lärm wie an Silvester am Brandenburger Tor. Am liebsten sind mir eigentlich Einzelgänger, die ununterbrochen irgendwelche Formeln in ihren Laptop hacken. Oder Anzugmenschen, die während einer zwei Stunden dauernden Fahrt acht Tageszeitungen und die aktuelle Ausgabe des Time-Magazines durchlesen.

"Nächster Halt: Spandau", tönt es durch die Lautsprecher. Ein Kind schräg hinter mir lacht: "Entspandau!" Der Vater: "Was?" Das Kind: "Entspandau. Weil man da so schön entspannen kann." Entspannen, genau. Gutes Stichwort. Deshalb bin ich ja hier mit meinem Sparticket im Erster-Klasse-Waggon. Ich lehne mich zurück. Einfach herrlich, dieses Zug-Theater!

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