Mein Berlin

Postfilialen: Orte der Frustration und schlechten Laune

Nina Paulsen nimmt gern Pakete ihrer Nachbarn an. Denn nichts ist schlimmer, als in Postfilialen anzustehen.

Ein gelber Vorhof zur Hölle findet Nina Paulsen

Ein gelber Vorhof zur Hölle findet Nina Paulsen

Foto: Britta Pedersen / dpa

Mein Paketbote hat jetzt einen Bart. Nur so einen kleinen, um den Mund herum, und nicht so eine Hipstermatte wie die Männer in Mitte. Ich finde, dieser Bart steht meinem Paketboten gut. Sieht solide aus, unaufgeregt, irgendwie bodenständig. Ein guter Bart für einen guten Paketboten. Nicht, dass man mich jetzt falsch versteht: Mein Paketbote hat eine Freundin. Die beiden sind sehr glücklich und arbeiten auf ein Baby hin. Ich wünsche den beiden alles Gute. Ich finde, mein Paketbote hat das verdient.

Ich habe meinen Paketboten in den vergangenen Monaten sehr gut kennengelernt. Seit ich selbst in Elternzeit weile, bin ich viel daheim und zur Paketannahmestelle für unser Haus geworden. Und den gesamten Straßenzug. Und eigentlich halb Pankow. Mein Paketmann scheint dankbar dafür zu sein, dass er einen Ort gefunden hat, an dem er die ganzen Kartons abstellen kann, wenn die Empfänger nicht zu Hause sind. Seither ist in unserem Flur kein Durchkommen mehr. Ich kann nur noch das Paar Schuhe tragen, das direkt neben der Haustür steht. Und in der Küche war ich auch schon lange nicht mehr. Falls da noch Abwasch steht: Tut mir leid. Da kann ich im Moment auch nichts für.

Man lernt so aber sehr viel über seine Nachbarn. Die Frau im Erdgeschoss im Hinterhaus zum Beispiel ist ein Leckermäulchen, sie bestellt ständig Lebensmittel über einen Gourmetlieferservice. Meine Nachbarn über mir gestalten gerade ihre Wohnung um. Kürzlich nahm ich eine Stehlampe für sie an, ein ziemlicher Oschi mit rotem Schirm. Aber ganz dekorativ.

Postfilialen in Berlin sind einfach nur furchtbar

Im Moment stört mich die ganze Paketannehmerei nicht, man soll ja nett zu seinen Mitmenschen sein. Außerdem gibt es wirklich nichts Schlimmeres, als eine Sendung in der Postfiliale abholen zu müssen. Postfilialen in Berlin sind einfach nur furchtbar. Ein gelber Vorhof zur Hölle. Da fahre ich lieber 48 Stunden mit einem völlig überfüllten M29-Bus durch die Stadt, als dort nur ein paar Minuten zu verbringen. Oder gehe freiwillig zu Primark am Alexanderplatz. Oder mache einen Kneipenbummel im Simon-Dach-Kiez. Postfilialen sind Orte der Frustration und schlechten Laune. Auf 100.000 Kunden kommen statistisch gesehen nur 0,3 Postfilialenmitarbeiter. Das hat das Institut für angewandte Nervwissenschaften in Lampukistan herausgefunden. Lieber stelle ich meinen Flur tetrismäßig mit Paketen voll, als jemanden zu einer Postfiliale zu jagen.

Bei uns in Prenzlauer Berg kann man sich jetzt ja auch Pakete in den Kofferraum seines Autos liefern lassen. Ich hatte da vergangene Woche so einen Flyer unter dem Scheibenwischer. Dafür muss man allerdings sein Fahrzeug umrüsten lassen. So was macht natürlich keiner, denn das ist ja mit Aufwand verbunden. Die an sich gute Idee wird an der Faulheit der Menschheit scheitern. Aber vielleicht schließe ich da auch zu sehr von mir auf andere.

Pakete unter die Rutsche am Spielplatz liefern

Wobei man diesen Ansatz auch als gute Grundlage für weitere Paketannahmeorte nehmen könnte. In Berlin gibt es doch vielerorts diese City-Toiletten, dort ließen sich auch wunderbar Pakete abstellen. Oder unter der Rutsche auf dem Spielplatz bei uns um die Ecke. Im Gebüsch gegenüber von Kaiser's ist auch immer noch ein Plätzchen frei. So unrealistisch ist das ja alles auch gar nicht:

Erst kürzlich gelangte ja ein Paketschein zu fragwürdiger Prominenz, den jemand abfotografiert und in sozialen Netzwerken geteilt hatte: "Paket auf den Balkon hochgeworfen", hatte der Bote darauf geschrieben. Angeblich liegt der Balkon des Empfängers sechs Meter hoch. Sein Postbote muss Superman sein. Oder Spiderman. Oder ein ganz realistischer Mensch, der einfach nur weiß, wie schrecklich Postfilialen sind.

Ja, Paketboten sind schon tolle Typen. Ich werde meinen ganz schön vermissen, wenn er irgendwann auch in Elternzeit geht. Solange stelle ich aber noch gern unsere Wohnung mit den Paketen anderer Menschen voll. Abwaschen kann man ja schließlich auch später noch.

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