Mein Berlin

Wenn der Kinderwagen zum Verkehrshindernis wird

Alle ärgern sich über Leute, die den Verkehr aufhalten. Dumm nur, wenn man plötzlich selbst der Verursacher ist, erzählt Nina Paulsen.

In der Tram machte es  „Näät-Näät-Näät“ - und dann gingen für Nina Paulsen die Probleme los

In der Tram machte es „Näät-Näät-Näät“ - und dann gingen für Nina Paulsen die Probleme los

Foto: dpa Picture-Alliance / Bildagentur-online/Schoening / picture alliance / Bildagentur-o

Neulich habe ich eine Tram kaputt gemacht. Also, zumindest glaube ich, dass der Defekt irgendetwas mit mir zu tun hatte, denn ich hatte unmittelbar vorher in einem Café versehentlich einen Kuchenteller zerdeppert, einen halben Liter Apfelschorle über Tisch und Stühle gekippt und krachend beim Kniffel verloren. Ja, es gibt Tage, da haftet einem das Pech so richtig an und wird immer größer, sodass man abends froh ist, es ins Bett geschafft zu haben, ohne die halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt zu haben.

Also, die Sache mit der Tram kam so: Ich stieg als Letzte mit dem Kinderwagen ein, und dann ging die Tür nicht mehr zu. Ständig machte sie diesen dreifachen "Näät-Näät-Näät"-Ton, wollte und wollte aber nicht schließen. Die anderen Fahrgäste drehten sich genervt zu mir um. Vermutlich dachten sie, irgendein Tourist checkt mal wieder nicht, dass er in der Lichtschranke steht.

Der Tramfahrer kam. Er hantierte an der Tür herum und wuchtete sie schließlich mit einem lauten Wumms per Hand zu. "So, hier kommt heute keiner mehr rein und raus." Das Problem: Mein Kinderwagen war zu breit für den schmalen Gang zwischen den Sitzen. Ich kam nicht durch zur anderen Tür. "Ähem", räusperte ich mich. "Ich fürchte, ich muss hier doch noch mal durch." "Das geht nicht", schnauzte der Tramfahrer schöner als jedes Klischee. Und ich sah mich für den Rest meiner Tage zwischen Kupfergraben und Schillerstraße hin- und herfahren.

Wenn einen Berlin an manchen Tagen zu Tode nervt

Zum Glück erbarmte sich der BVG-Mitarbeiter dann doch und versuchte, die Tür wieder aufzuwuchten. Was nicht funktionierte. Es dauerte. Und dauerte. Und ich fühlte mich angesichts der dahingehenden Minuten und starrenden Fahrgäste furchtbar. "Entschuldigung", rief ich in den Wagen hinein.

Es tat mir wirklich richtig leid. Ich kenne das Gefühl, wenn einen Berlin an manchen Tagen zu Tode nervt. Wenn die Menschen in der U-Bahn unmittelbar hinter der Tür stehen bleiben, statt in den Gang durchzugehen. Wenn man nach drei Minuten Parkdauer ein Knöllchen bekommt, aber die stinkenden Mülleimer im Park tagelang nicht geleert werden. Wenn Leute statt des Mülleimers das Gebüsch für ihren Unrat benutzen. Wenn ein Bus oder eine Tram nicht weiterfährt, weil irgendein Honk den ganzen Betrieb aufhält. Nun. In diesem Fall war dieser Honk ich.

Ich hätte am liebsten applaudiert

Doch dann geschah etwas Unglaubliches. Also wirklich unglaublich, im Sinne von Alien-Landung auf dem Alexanderplatz oder so. Ein Mann rief plötzlich "Ach, lassen Sie mal" zum fluchenden Tramfahrer und schnappte sich mit einem anderen Fahrgast meinen Kinderwagen. Dann trugen beide das nicht ganz leichte Gefährt hoch oben über alle Sitze und sitzenden Menschen hinweg zur nächsten Tür. Einfach so. Boah ey. Ich hätte am liebsten applaudiert. Und alle anderen auch, weil die Fahrt nun endlich weiterging. Das war wirklich verdammt nett. Dass so etwas im Berliner Alltag passieren könnte, hätte ich weniger geglaubt als besagte Ufo-Landung am Alex.

Das brachte mich, als die Tram weiterfuhr, zum Nachdenken. Ist man als Berliner so hartgesotten von dem vielen Nervkram, dass man schon gar nicht mehr mit guten Dingen rechnet? Haben wir vergessen, dass es zwar viele Idioten, aber mindestens genauso viele extrem nette Menschen gibt?

Ab jetzt positiver durch die Welt gehen

Tatsächlich kann ich in diesem Jahr schon auf mehrere positive Ereignisse zurückblicken: Ein Bürgeramtstermin verlief freundlich und reibungslos (ich hatte dort eigentlich auf ein kolumnenreifes Erlebnis gehofft – aber Pustekuchen). Der TXL-Bus zum Flughafen kam pünktlich und erreichte auf die Minute sein Ziel. Unser Weihnachtsbaum wurde abgeholt. Und selbst der Schimmel im Bad hält sich in diesem Winter bemerkenswert zurück. Das ist doch mal was.

Ich nehme mir für 2017 also vor, ab jetzt positiver durch die Welt zu gehen, jawohl. Und hoffe, dass die BVG nicht böse wegen der kaputten Tram ist. Wenn ich das nächste Mal beim Kniffel verliere, geh ich auf jeden Fall zu Fuß.

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