Mein Berlin

Wie man in Berlin unfreiwillig entschleunigt wird

Fahrstühle, Ticketautomaten, Rolltreppen – plötzlich geht in Berlin nichts mehr voran. Nina Paulsen und die Entdeckung der Langsamkeit.

Die Schuldenuhr am Standort des Bundes der Steuerzahler Deutschland in Berlin

Die Schuldenuhr am Standort des Bundes der Steuerzahler Deutschland in Berlin

Foto: dpa

In einem Artikel habe ich gelesen, dass die berühmte Schuldenuhr in Berlin jetzt etwas langsamer tickt. Also genau genommen so langsam wie noch nie. Der Schuldenberg Deutschlands wächst nämlich nur noch um läppische 68 Euro pro Sekunde. Das ist quasi nix. Peanuts sozusagen. Davon kann man heutzutage nicht mal mehr zu zweit ins Kino gehen, wenn der Film in 3-D ist, Überlänge hat und man vielleicht noch eine kleine Cola dazu trinken will.

Das mit der nicht mehr ganz so schnell wachsenden Staatsverschuldung ist aber natürlich eine gute Sache. Die einzige, wenn ich so darüber nachdenke, bei der Langsamkeit mal zu etwas nütze ist. Am zurückliegenden Wochenende bin ich mit Kind und Kegel mit der Bahn von Berlin nach Bayern gefahren und war am Hauptbahnhof ob meines schweren und zahlreichen Gepäcks auf die Fahrstühle angewiesen. Meine Güte. Wenn ich nicht zufällig eine Stunde vor der Zeit dort gewesen wäre, hätte ich garantiert meinen Zug verpasst. Nachdem man den Rufknopf gedrückt hat, erklärt einem eine Frauenstimme vom Band erst einmal in aller Ruhe, wo der Fahrstuhl überall hält (oben und unten – Überraschung!). Bis dieser dann wirklich kommt, vergeht dann noch mal eine Ewigkeit. Genug Zeit, um die Staatsverschuldung Deutschlands um mehrere Fantastilliarden anwachsen zu lassen. Mindestens.

In Berlin rast das Leben an einem vorbei

In solchen Situationen entdeckt man in Berlin ausnahmsweise mal die Langsamkeit. Sonst rast das Leben hier ja an einem vorbei. Guckt man mal eben nicht hin, gibt es um die Ecke schon wieder eine neue Shoppingmall, einen neuen veganen Burger-Laden oder ein neues Hochhaus in der City West. Aber kaum muss man an einem Bahnhof Berlins mal einen Fahrstuhl benutzen, bleibt plötzlich unfreiwillig die Zeit stehen. Für gestresste Großstadtmenschen ist das, glaube ich, das Schlimmste, was passieren kann. Das Leben ist hier ja anders gestrickt als im Rest der Republik. Allein schon deshalb, weil man so viel Zeit im öffentlichen Nahverkehr verbringt. Viele brauchen wie ich zum Beispiel locker 45 Minuten zu ihrem Arbeitsplatz beziehungsweise abends wieder nach Hause – jede unnötige Verzögerung treibt einen da in den Wahnsinn.

Das kennt auch jeder, der schon mal eine Vier-Fahrten-Karte am BVG-Automaten gekauft hat. Während die Tickets aufreizend langsam gedruckt und vom Gerät ausgespuckt werden, sieht man auf dem Bahnsteig gut und gerne drei Bahnen halten und weiterfahren. Wer dann noch auf seine EC-Quittung oder Wechselgeld warten muss, kann eigentlich nebenbei ein Buch lesen oder über eine lukrative Geschäftsidee nachdenken. Verpflegungsstationen neben den Ticketautomaten zum Beispiel. Ebenfalls geduldsstrapazierend: der Verkehr auf der Invalidenstraße oder Unter den Linden. Und wirklich alle Rolltreppen am Alexanderplatz – wenn sie denn funktionieren. Berliner Postfilialen, darüber schrieb ich ja neulich schon. Oder die Schlange vor angesagten Kunstausstellungen. Schöner wird man nirgendwo zu innerer Einkehr gezwungen. Da braucht man keine Yogastunden mehr.

Der BER ist einfach out

Ich habe mir eigentlich vorgenommen, in meinen Kolumnen nicht mehr auf den BER einzugehen, das Thema ist ja nun doch ziemlich ausgelutscht. Aber in diesem Fall komme ich ein letztes Mal nicht daran vorbei. Immerhin beheimaten wir in Berlin die wohl langsamste Großbaustelle der ganzen Welt. Vielleicht könnte man noch Kapital daraus schlagen und in den leeren Terminals Erholungsseminare für gestresste Manager anbieten, statt sie ins Kloster oder auf eine Ayurveda-Farm zu schicken. Die Ruhe dort muss herrlich sein. Damit sich der Aufenthalt richtig lohnt, installieren wir natürlich noch Hauptbahnhof-Fahrstühle, Alexanderplatz-Rolltreppen und BVG-Ticketautomaten auf dem Gelände. Die Manager bekommen das Programm auch zum Freundschaftspreis. Nicht dass die Schuldenuhr irgendwann noch langsamer tickt.

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