Mein Berlin

In Berlin ist alles mega-krass oder super-ätzend

In Berlin wird gehasst oder geliebt. Immer. Nina Paulsen auf der Suche nach dem Mittelmaß.

Berlin ist extrem. Extrem schön, extrem hässlich? Niemand hat eine mittelmäßige Meinung über die Hauptstadt

Berlin ist extrem. Extrem schön, extrem hässlich? Niemand hat eine mittelmäßige Meinung über die Hauptstadt

Foto: dpa Picture-Alliance / Robert Schlesinger

Gestern habe ich "Toni Erdmann" gesehen. Als der Film im vergangenen Sommer bei uns in die Kinos kam, lief er zugegebenermaßen irgendwie unter meinem Radar. Obwohl das Feuilleton jubelte, hatte ich den Film nicht auf dem Zettel. Ich oute mich jetzt mal: Ich nahm damals zunächst an, "Toni Erdmann" sei ein Pferdefilm. Weil es auf dem Plakat so aussieht, als würde eine blonde Frau ein Pferd mit langer schwarzer Mähne umarmen. So, jetzt ist es raus. Ich fühle mich deshalb natürlich komplett kulturbanausig. Denn "Toni Erdmann" ist ein wirklich großer Film, der völlig zu Recht für den Auslands-Oscar nominiert ist. Ich will nicht spoilern und sage deshalb nur so viel: Pferde kommen nicht darin vor.

Interessanterweise gehen die Meinungen über "Toni Erdmann" aber total auseinander. Bei Amazon hat er nur drei von fünf Sternen bei der Zuschauerbewertung, viel zu wenig für einen Oscar-Film. "Ich hoffe, dass der Film in Hollywood übersehen wird", schreibt einer, so sehr schäme er sich dafür. "Völliger cineastischer Blackout", ein anderer. Das erinnert mich wiederum an das großartige Berlin-Epos "Victoria", das im Sommer 2015 bei uns in den Kinos lief. Den Film haben die Leute auch gehasst oder geliebt. Die Kritiker monierten, dass die Protagonisten im Grunde nichts anderes täten, als labernd durch Kreuzberg und Mitte zu latschen. Das ist nicht ganz falsch, aber genau das macht ja den Reiz des Geschehens aus.

Hyper-mega-krass oder super-ätzend

So eine Polarisierung ist jedenfalls typisch für Berlin. Es gibt irgendwie immer nur hyper-mega-krass oder super-ätzend, das Mittelmaß ist völlig verloren gegangen. Jeder positioniert sich zu allem und hat zu allem eine Meinung. Ich finde das manchmal ganz schön anstrengend. Prenzlauer Berg zum Beispiel wird auch nur gehasst oder geliebt. Niemand sagt: "Ja, also Prenzlauer Berg ist ein Stadtteil mit Vor- und Nachteilen. Gut sind die urbane Lage und die familiäre Atmosphäre. Die steigenden Mieten und die Verdrängung alteingesessener Berliner aber nicht so sehr. Insgesamt also ein mittelguter Stadtteil."

Bei Touristen ist es das Gleiche. Die meisten hassen sie, weil sie elendig langsam mit ihren Selfie-Stangen durch die Gegend eiern und immer alles "amazing" finden. Aber fragen Sie mal den Einzelhandel und die Betreiber von Hotels und Ferienwohnungen. Die küssen den Touris die Füße.

"Leben könnte ich hier nicht"

Veranstaltungen wie Berlinale und Fashion Week findet auch niemand nur irgendwie so ganz okay. Sie sind entweder super Gelegenheiten, bei denen Berlin zeigen kann, wie weltoffen, progressiv und anziehend für Stars, Style und Glamour es ist. Oder furchtbare Zeiten, in denen die halbe Stadt wegen merkwürdiger Menschen mit merkwürdigen Hobbies blockiert ist.

Überhaupt, die Stadt. Immer wenn ich Besuch von außerhalb habe, fällt irgendwann der Satz: "Also, für ein Wochenende ist Berlin ja ganz nett, aber leben könnte ich hier nicht. Sorry, nichts gegen dich. Aber ..." Und dann kommt es: zu groß, zu anonym, zu laut, zu dreckig, zu teuer, zu hipstermäßig, zu stylisch, zu schmuddelig, zu keine Ahnung was. Einer von fünf Sternen quasi. Während jeder Berliner seiner Stadt, ohne zu zögern, fünf von fünf Sternen gibt. So ist das. Schwarz oder Weiß. Ost oder West. Hype und Anti-Hype.

Auch mal zugeben, wenn man keine Meinung hat

Ich plädiere dafür, Dinge auch einfach mal nur mittelmäßig, normal oder okay zu finden. Oder: Auch mal zugeben, wenn man keine Meinung hat. Simon-Dach-Kiez? Weiß ich nicht, ich gehe nicht hin. Wedding? Genauso mittelsuper wie Lichtenberg, Britz oder Französisch Buchholz. Partyszene? Kann sein, dass sie früher besser war. Aber heute ist es im Nachtleben ja auch ganz nett.

Der Berlin-Film "Victoria" hat leider auch nur wenige Bewertungen im Mittelfeld. "Nicht langweilig" gefällt mir ganz gut, denn das stimmt. "Die Antworten zum Sinn des Lebens kommen zu spät – zum Schluss", heißt es in einer mittleren Bewertungen bei "Toni Erdmann". Tja. Immerhin kommen sie überhaupt. Das ist doch aber wirklich mal hyper-mega-krass.

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