Mein Berlin

Wenn SB-Brötchentheken einfach eklig sind

In der Bazillen-Hölle: Warum tatschen so viele Menschen Lebensmittel mit ihren Händen an? Nina Paulsen reicht’s.

Mit bloßer Hand in das Brötchenregal? Eklig.

Mit bloßer Hand in das Brötchenregal? Eklig.

Foto: dpa/Caroline Seidel

Die große amerikanische Philosophin und Gesellschaftskritikerin Britney ­Spears sang einst einen denkwürdigen Satz: "There's only two types of people in the world: The ones that entertain, and the ones that observe." Also: Es gibt nur zwei Arten von Menschen auf dieser Welt – die Entertainer und die Zuschauer. Obwohl Britney Spears bekannt für ihre unendliche Weisheit und Weitsicht ist, muss ich ihr widersprechen. Ja, es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt. Aber sie unterscheiden sich einzig und allein darin, ob sie an der Brötchentheke eine Zange nehmen – oder alle Brötchen mit ihrer Hand antatschen, bevor sie sich eines aussuchen.

Es geschah vergangene Woche in einem dieser Selbstbedienungs-Backshops nahe dem S-Bahnhof Schönhauser Allee. Unschlüssig stand ich vor den Plexiglasklappen mit den Backwaren und überlegte, worauf ich wohl Hunger haben könnte. Da öffnete ein Mann neben mir das Fach mit den Chicken-Curry-Baguettes. Und drückte mit seinen Händen auf jedem einzelnen herum, offenbar, um die Baguettes auf ihre Weichheit und Frische zu prüfen.

Ich bin in solchen Momenten immer hin- und hergerissen. Natürlich mag ich meine Brötchen auch gern frisch. Aber am liebsten hätte ich dem Mann mit angewidertem Blick gesagt, er möge doch bitte eine der vielen Zangen verwenden, statt seine Bazillen auf dem Essen anderer Leute zu verteilen. Auf der anderen Seite ist es nicht meine Aufgabe, fremde Menschen zu erziehen. Oder sie bei den Verkäufern anzuschwärzen. Weil mir sowieso der Appetit vergangen war, kaufte ich gar nichts und ging.

Zange? "Hamwa nich' mehr"

So Freunde, und jetzt mal Hand aufs Herz: Wer macht so etwas noch? Ihr Brötchenantatscher müsst ziemlich viele sein, denn ein Einzelfall ist der Mann im Backshop beileibe nicht. Neben dem Volkspark Friedrichshain gab es eine Zeit lang einen provisorischen Supermarkt, der dort wegen Bauarbeiten in einer Wellblechbaracke untergebracht war. Auch dort gab es so eine Brötchen-SB-Station. Als ich dort nach einer Zange suchte, sagte eine Verkäuferin: "Hamwa nich' mehr." Hätte eh nie einer benutzt, wurde abgeschafft. Für Hygienefanatiker wurde aber unter dem Regal noch eine Box mit Plastikhandschuhen angebracht beziehungsweise versteckt. Da könne ich mich ja bedienen. Ich hätte die Verkäuferin ebenso fragen können, welchen Parmesankäse sie zu gebackenen Schuhen empfiehlt. Sie hätte wahrscheinlich weniger komisch geguckt.

Ich finde das irgendwie ganz schlimm. Wer meine Wohnung kennt, weiß, dass ich wirklich keinen übertriebenen Sauberkeitsfimmel habe. Es bringt mich weder um, wenn schmutziges Geschirr abends herumsteht, noch wenn meine Klamotten von vorgestern das Badezimmer dekorieren. Aber was Lebensmittel angeht, möchte ich es doch gern unbetatscht haben. Ich will weder die Hautschuppen anderer Menschen essen noch deren Sabberpartikel, die sie an den Fingern kleben haben.

Berlin wäre sicher als erstes ausgestorben

Und vor allem will ich nicht krank werden. Ganz Berlin hustet und niest. Wohin man schaut, haben alle Grippe oder das Norovirus. Sollte irgendwann wie in einem dieser Endzeit-Science-Fiction-Filme ein tödlicher Erreger über die Menschheit hereinbrechen, wäre Berlin sicher als erstes ausgestorben.

Ich weiß auch gar nicht, ob das rechtlich in Ordnung ist. Späti-Besitzer beschweren sich ja auch, wenn man dort ewig in einem Magazin herumblättert, statt es einfach zu kaufen. Es würde auch nie ein Mensch auf die Idee kommen, im Baumarkt die Toiletten auszuprobieren, bevor man sich für ein Modell entscheidet. Oder an der Obst- und Gemüsetheke erst einmal per Probebiss den leckersten Apfel suchen.

Das Leben ist halt nicht immer ein Wunschkonzert. Sondern wie eine Schachtel Pralinen, bei der man nie weiß, was man bekommt, da hatte Forrest Gump schon recht. Oder anders gesagt: Jeder bekommt das Chicken-Curry-Baguette, das er verdient. Über diese bahnbrechende Weisheit könnte Britney Spears eigentlich auch mal einen Song machen.

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