Mein Berlin

Was man in Berlin einfach nicht sagt

Spontan eine Wohnung gefunden? Frühstücken am Potsdamer Platz? Manche Sätze klingen in Berlin absurd, meint Nina Paulsen.

„Komm, wir machen eine Droschkenfahrt durch die Stadt!“ - ein Satz, den man in Berlin einfach nicht sagt

„Komm, wir machen eine Droschkenfahrt durch die Stadt!“ - ein Satz, den man in Berlin einfach nicht sagt

Foto: Paul Zinken / dpa

Neulich Abend klingelte mein Nachbar bei mir. Es war gegen halb acht, ich hatte gerade das Baby ins Bett gebracht, einen großen Spuckfleck auf dem T-Shirt, und meine Wohnung sah aus wie der Tiergarten nach der Loveparade. Jedenfalls: Es klingelte. Ich öffnete trotz Chaos die Tür. "Hi", sagte mein Nachbar. "Ich bin dein Nachbar." Ich nickte: "Ich weiß." Er: "Du, wir haben eben spontan beschlossen, dass wir heute Nacht ausziehen wollen. Wir brauchen Werkzeug. Hast du einen Schraubenschlüssel?"

Diese Frage setzte eine Kettenreaktion von Gedanken bei mir in Gang: Ist mein Nachbar ein Mietnomade? Ist das überhaupt erlaubt mitten in der Nacht? Weiß die Hausverwaltung das? Wie sieht noch mal ein Schraubenschlüssel aus? Haben wir so etwas? Und dann dachte ich: Oh, ist die Wohnung meines Nachbarn vielleicht größer als unsere, hat eine Einbauküche, einen Balkon und eine Nettokaltmiete, die man sich auch als Normalsterblicher leisten kann? Dann nichts wie her damit.

Vor allem aber dachte ich: Was ist das denn überhaupt für eine Aussage? "Wir haben eben spontan beschlossen, dass wir heute Nacht ausziehen wollen." So etwas sagt man nicht. Also nicht in Berlin. Niemand kann spontan irgendwo aus- und wieder einziehen. Es gibt doch gar keine Wohnungen, nirgends. Man muss ewig suchen. Man muss Massenbesichtigungstermine über sich ergehen lassen und sich bei Maklern einschleimen, als wären sie Schwiegermutter, Chef und der liebe Gott in Personalunion. Und dann bekommt man Absagen über Absagen. Irgendwann, wenn man beschlossen hat, für die Miete künftig jeden Abend auf Dosenravioli umzusteigen und zum Sommerurlaub nur noch zum Campen an den Ruppiner See zu fahren, auf den Balkon zu verzichten und das dunkle Loch neben der Küche als drittes Zimmer zu akzeptieren, irgendwann also bekommt man eine Wohnung. Aber ganz sicher nicht spontan.

Niemand frühstückt am Potsdamer Platz

Neulich hatte ich schon mal ein ähnliches Erlebnis. Ein Kumpel sagte: "Lass uns mal am Potsdamer Platz frühstücken gehen!" Das ist auch so ein Satz, den ich in dieser Stadt noch nie vorher gehört hatte. Aber nun gut, mein Kumpel war aus Hamburg zu Besuch, er konnte es nicht besser wissen, es sei ihm also verziehen. Niemand frühstückt am Potsdamer Platz, und wenn, dann allenfalls im Vorbeigehen. Man geht ja auch nicht zum Brunchen zum Checkpoint Charlie oder an das Brandenburger Tor.

Es gibt ja überhaupt viele Sätze, die anderswo ganz normal sind, in Berlin aber absolut absurd klingen. "Ich weiß gar nicht, welche Kita ich für mein Kind nehmen soll, so viele haben uns einen Platz angeboten", zum Beispiel. An Kitaplätze kommt man zumindest in Prenzlauer Berg derzeit noch schwieriger als an Wohnungen – trotz Massenbesichtigungsterminen, Einschleimen und viel zu vielen Kompromissen. Oder: "Komm, wir machen eine Droschkenfahrt durch die Stadt!" Oder: "Oh, toll, Musikanten in der U-Bahn." Ein absoluter Touristensatz. Während Berliner auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause ein bisschen Ruhe genießen wollen, fangen Berlin-Besucher dann auch noch an, im Takt von "Nossa Nossa" oder "Aux Champs-Elysées" mitzuklatschen.

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An einem Sonnabend um 15 Uhr in Bayern

Neulich war ich in Bayern. "Lass uns mal noch schnell einkaufen gehen bevor der Supermarkt gleich zumacht", sagte meine Freundin. Es war an einem Sonnabend um 15 Uhr.

Meinem nun Ex-Nachbarn konnte ich mit dem Schraubenschlüssel übrigens nicht helfen. Mir fiel auf die Schnelle nicht ein, wie ein Schraubenschlüssel aussieht, und er konnte mir mit seiner Aussage "das ist so ein achteckiges Ding" auch nicht wirklich helfen. Er klingelte dann noch an anderen Türen. Wohl das ist der Grund, warum sich die frei werdende Wohnung bei uns im Haus so schnell herumgesprochen hat. Bin mal gespannt, wer da jetzt spontan einziehen kann. Vielleicht haben wir bei uns auch bald eine Massenbesichtigung im Haus. Wir könnten Dosenravioli an die Wartenden verteilen – dann wissen sie gleich, worauf sie sich einlassen.

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