Mein Berlin

Wie Berliner den Alltag mit absurden Ticks erträglich machen

Berliner haben im Alltag merkwürdige Ticks, beobachtet Nina Paulsen. Das ist okay. Aber wehe, die Klorolle hängt falsch herum.

Absurde Ticks: Selbst das Klopapier muss richtig hängen

Absurde Ticks: Selbst das Klopapier muss richtig hängen

Foto: Bildagentur-online

Wenn ich mit dem Auto durch Berlin fahre, was selten genug vorkommt, spiele ich auf der Danziger Straße zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg ein Spiel. Also, ich spiele es nur, wenn gerade keine Rushhour ist, was auch selten genug vorkommt, aber manchmal, ganz manchmal, ereignet es sich im großen, undurchdringlichen Gefüge unserer Stadt, dass die Danziger Straße quasi zur Spielfläche wird. Man kann dann nämlich versuchen, von Friedrichshain bis nach Prenzlauer Berg zu kommen, ohne ein einziges Mal zu bremsen. Das ist manchmal ganz schön tricky, vor allem wenn man vor sich schon die rote Ampel sieht. Ich lasse das Auto dann immer ganz langsam ausrollen, in der Hoffnung, dass die Ampel möglichst bald Grün zeigt und ich eben ohne zu bremsen zur nächsten Ampel weiterfahren kann. Wo es dann genauso weitergeht. Tja. Ziemlich crazy, was?

Das klingt, wenn man es so liest, natürlich alles wahnsinnig langweilig. Auf der anderen Seite weiß ich, dass ziemlich viele Menschen solche seltsamen Anwandlungen im Alltag haben und ziemlich oft ziemlich absurde Dinge tun. Vor allem Autofahrer: Tanken immer gern so, dass sie auf jeden Fall auf einen runden Betrag kommen, auch wenn sie am Ende sowieso mit Karte bezahlen. Und drücken dann mit Freude immer wieder ganz kurz auf diesem Griff am Zapfhahn herum, um das Zählwerk in langsamer Centgeschwindigkeit auf die gewünschte Summe zu bringen.

Auch schön: Sich am U-Bahnsteig so hinstellen, dass man nach der Einfahrt des Zuges direkt eine Waggontür vor der Nase hat. Das klappt aber nur, wenn man seinen Bahnhof und die U-Bahn wirklich gut kennt.

Viele Menschen geben auch ihre PIN-Nummer am BVG-Ticketautomaten oder am Geldautomaten in einem bestimmten Rhythmus ein. Tacktacktack – Tack. Wie die berühmte Anfangsmelodie von Beethovens Fünfter. Oder: Tacktack – Tacktack. Wie ein Specht. Was natürlich alles absurd ist, weil es dem Automaten total egal ist, wie man die Nummer eingibt, solange man sie denn korrekt eingibt.

Das unausgesprochene Grundrecht auf kleine Macken

Ich finde dennoch, man kann die kleinen Sinnlosigkeiten und Absurditäten des Alltags gar nicht hoch genug einschätzen. Der Berliner braucht so etwas in seiner durchorganisierten und durchgeplanten Welt, da bin ich mir ganz sicher. Es gibt ein unausgesprochenes Grundrecht auf kleine Macken. Supermarkt-Kassiererinnen freuen sich ja auch immer wahnsinnig, wenn man als Kunde aus Versehen einen runden Betrag zusammenkauft. "Das sind genau zehn Euro!", frohlocken sie dann beispielsweise.

Ich kann das voll verstehen. Nichts ist schöner als die diebische Freude, wenn ordentliche 20,00 Euro auf dem Display der Zapfsäule stehen oder wenn man es, ohne einen unnötigen Schritt zu tun, direkt vom Bahnsteig in die U-Bahn schafft. Das befriedigt den Sinn für Ordnung und Symmetrie.

Eine Freundin hat diesbezüglich einen anderen Tick: Sie erträgt es nicht, wenn das Klopapier falsch herum hängt, also mit dem Papier zur Wand hin. Sie findet das so furchtbar, dass sie die Rolle auch in anderen Haushalten in die richtige Richtung hängt, wenn sie zu Besuch ist. Mein Vater gestand mir mal, die Löffel immer so in die Besteckschublade einzuräumen, dass die ganz frisch gewaschenen Löffel hinten liegen und damit die Löffel zuerst drankommen, die schon länger in der Schublade sind. Das finde ich nett, so ist jeder Löffel mal an der Reihe.

Komisch finde ich wiederum Menschen, die ihre Marmeladengläser und Getränkeflaschen ausschließlich mit dem Etikett nach vorn in den Kühlschrank stellen. Oder in Hotelzimmern unter dem Bett, im Kleiderschrank und hinter dem Duschvorhang nachsehen, ob sich dort jemand versteckt. Gut verstehen kann ich wiederum alle, die den Fahrstuhlknopf gleich mehrmals drücken, in der Hoffnung, dass der Lift so schneller kommt. Oder die Tasten der Fernbedienung fester, wenn die Batterien alle sind. Sinnlos, aber schön. Wirklich, ja.

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