Kultur

Ermittlungen im Dunklen

Im neuen Kieler „Tatort“ tauchen die Kommissare in die Welt des Darknets ein

Ein Vermummter stürmt in ein Kieler Sportstudio, schießt um sich und tötet zwei Menschen. Einer von ihnen ist Jürgen Sternow, Leiter der Spezialabteilung Cybercrime des Landeskriminalamtes. Für die Kommissare Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) liegt die Vermutung nahe, dass der Täter im Umfeld der rasant wachsenden Internetkriminalität zu suchen ist. Aber warum war der LKA-Mann im Sportstudio, und warum hatte er gar keine Sportkleidung bei sich? Die beiden Ermittler tauchen in die Welt der Hacker und die Tiefen des Darknets ein.

Während Technik-Muffel Borowski mit digitalen Medien auf Kriegsfuß steht und mit seinem Navi kämpft, ist Sarah Brandt als ehemalige Hackerin in ihrem Element. Sehr schön die Szene, in der ein stolzer Kriminalrat den beiden Ermittlern ein Promovideo über die brandneue Polizei-Software "Schakal" zeigt: Die bietet theoretisch ein großes Instrumentarium, um Kinderpornografie oder Nazi-Netzwerken auf die Spur zu kommen. Aber die neue Cybercrime-Spezialabteilung entpuppt sich als riesige Halle, in der zwei (!) junge Nerds Softwares identifizieren, zig Festplatten und Handydaten auswerten. Schon die pure Masse an Daten würde viel mehr Manpower erfordern. Brandt gelingt es dennoch, die Spur des Mörders im Darknet zu finden – auf einer "Service"-Seite für Auftragskiller. Eine Verfolgungsjagd führt mitten in ein Punktspiel des Handballvereins THW Kiel.

Regisseur David Wnendt ("Die Kriegerin"), mit dem Axel Milberg schon für die Charlotte-Roche-Verfilmung "Feuchtgebiete" zusammengearbeitet hatte, gibt mit diesem Tatort sein TV-Debüt. Das Darknet als rechtsfreier virtueller Raum habe ihn fasziniert, sagt Wnendt. Er habe einiges darüber gelesen und sich auch selbst den Tor-Browser heruntergeladen, der den Zugang zum Darknet eröffnet. Wnendt wollte aber "keinen bierernsten Sozialproblem-Tatort" machen, sondern den Fall "mit einer gewissen Leichtigkeit und mit Humor erzählen. Das Darknet soll nicht verteufelt oder als magische Horror-Blackbox beschrieben werden. Da die meisten Zuschauer wahrscheinlich mit dem Darknet nicht so vertraut sein dürften, muss der Kieler "Tatort" diesmal als Erklärbär herhalten, also einige Aufklärungsarbeit leisten. Das geschieht zum Glück in unterhaltsamer Form, mal sind Chats zu beobachten, mal taucht Borows­ki auch als Computerspielfigur in ein Browsernetzwerk.

Auch Axel Milberg ist im wirklichen Leben kein Computerfreak ("Mein übermütiger Sohn sagt nicht Papa, sondern Paypal zu mir") und musste sich über das Thema Darknet erst mal informieren: Es erinnere ihn an "eine schlecht beleuchtete Bühne mit großem Backstagebereich", sagt er. Sibel Kekilli rennt, kämpft und hackt, dass es eine Wonne ist. Als Sarah Brandt muss sie sich im Film allerdings auch gegen die männlichen Cybernerds behaupten. Statt Kaffee zu kochen sagt sie der polizeilichen Chauvi-Welt natürlich den Kampf an.

Eine Entdeckung ist Maximilian Brauer, der dem Attentäter eine Aura zwischen Dark Knight und Paranoia verleiht. Im Film umgarnt ihn eine füllige Hotelangestellte (Svenja Hermuth) derart gekonnt, dass man für Minuten an ein süßes Happy End glauben könnte. Wird aber nichts draus. Die Fußangeln des Darknet sind mächtiger.

ARD, heute, 20.15 Uhr

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