Kultur

Die Jugend fühlt sich abgehängt – und wütet sehr

Sebastian Nübling inszeniert „Zucken“ am Gorki-Theater

Da müssen wir uns, die Generationen 30 plus, jetzt wohl warm anziehen: Am Ende sitzen die sieben Jugendlichen auf ihren Couches, die mit dem Rücken zum Publikum stehen, wenden sich lässig über ihre Schultern zu uns und lächeln süffisant, wenn sie ihre Überlegenheit demonstrieren: "Wir brauchen euch nicht." Eigentlich ist "Zucken" von Sa­sha Marianna Salzmann ein Stück, dass mögliche Wege in den Extremismus zeigt: Wohlstandsmenschen, körperlich satt, aber seelisch verwahrlost, mit vielen Fragen und einer kaum zu fassenden Wut im Bauch. Der Text ist undramatisch, eine wortreiche, psychologisierende, eher erzählende Szenenfolge. Es treten auf: Das Mädchen, das sich im Chat verliebt und bald bereit ist nach Syrien auszureisen. Der junge Mann, der sich entscheiden soll, ob er Russe oder Ukrainer ist. Die junge Frau, die von Kurdistan aus von ihrem Vater Abschied nimmt und sich im Kampf zum ersten Mal aufgehoben fühlt.

In Sebastian Nüblings Inszenierung spricht die Schauspielerin diesen Monolog in eine Handykamera, die ihr Bild groß auf den Eisernen Vorhang überträgt. Alles spielt hier auf der Vorderbühne, auf der nur vier schwarze Ledersofas zu immer neuen Formationen gefügt werden, halb Flätzlandschaft, halb Trutzburg. Hier sitzen, hocken, liegen sie, die sieben jungen Menschen, und kriegen ihre Hände und Augen nur selten von ihren Handys los. Dass diese Generation die erste ist, die selbstverständlich mit Smartphones und ihren Möglichkeiten aufwächst, mit der Dauer-präsenz im Netz und endlosen Kommunikationsmöglichkeiten, übersetzt Nübling in ein Technikgewitter: Die Handys sind Kameras, Verstärker, Musikinstrumente.

"Zucken" ist eine Koproduktion mit dem Jungen Theater Basel, das viele ihrer professionellen Produktionen mit Laienschauspielern umsetzt. In "Zucken" sind die vier jungen Frauen und drei jungen Männer Laien. Solange nicht gesprochen wird, merkt man das der Produktion nicht an: Mit bewundernswerter Körperbeherrschung hechten sie über die Bühne, springen auf ihre Plätze, wo sie so lässig und sicher sitzen, als wären ihre Leiber nicht eben noch durch die Luft geschossen. Sobald sie aber zu sprechen beginnen, im Chor, über die Lautsprecher-App ihrer Handys, in ihren Rollen, sitzt man plötzlich in einer Jugendtheaterclubveranstaltung, in der man den ungeheuren Druck spürt, aber zu wenig davon versteht. Was auch an Salzmanns Text liegt, in der die Figuren zu eindimensional bleiben. Zugleich aber sind die jugendliche Besetzung und Nüblings szenische Schlussfolgerungen daraus seine Stärke. Denn hier spricht nicht irgendwer, sondern die wütende Jugend. Und wenn die sich abgehängt fühlt und zu wenig gewürdigt, wird's für uns ungemütlich.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Termine: 3. und 4. Juni; 3. und 4. Juli

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