Kultur

Argerich und Barenboim erkunden gemeinsam den Notentext

Ein bisschen Festtagsglanz mit Klavier-Duo-Programm im neuen Pierre Boulez Saal

Ohne Anwesenheit von Daniel Barenboim läuft im Pierre Boulez Saal derzeit nichts. So schien es jedenfalls in den letzten Tagen zu sein: Während Barenboim ganz und gar mit den vorösterlichen Staatsopern-Festtagen in der Philharmonie und im Schiller Theater beschäftigt war, schloss der jüngste Konzertsaal Berlins derweil ganz und gar seine Pforten.

Nun aber, kurz nach Ende der Festtage, ist der argentinische Maestro wieder zurück im Pierre Boulez Saal, dem Herzstück der Barenboim-Said Akademie – mit Martha Argerich an der Hand und einem Klavier-Duo-Programm, das äußerst kurzfristig bekannt gegeben worden war. So kurzfristig, dass einige Zuhörer bereits befürchtet hatten, Barenboim und Argerich würden ihr Festtagsprogramm von vergangenem Sonnabendnachmittag in der Philharmonie einfach noch mal spielen. Und tatsächlich: Zumindest zwei Werke hatten die beiden auch schon vor drei Tagen dabei gehabt – Mozarts F-Dur-Sonate KV 497 und Liszts "Don Juan"-Paraphrase.

Transparente Akustik des Saales offenbart jedes Detail

Und auch die zwei anderen Kompositionen sind keineswegs neue Errungenschaften. Denn sowohl Mozarts D-Dur-Sonate KV 448 als auch Schumanns Sechs Studien op. 56 gehören zum Stammrepertoire, das Argerich und Barenboim mittlerweile seit Jahren pflegen. Doch wer sollte ihnen das zum Vorwurf machen, zumal man dadurch eine weitere Gelegenheit bekommt, die noch immer beste Pianistin der Gegenwart zu erleben? Der Pierre Boulez Saal jedenfalls platzt an diesem Abend vor Publikumsandrang aus allen Nähten, die Interpreten sind von zusätzlich angebauten Stuhlreihen dicht eingekreist. Doch was noch viel bemerkenswerter ist: die andächtige Dankbarkeit der Zuhörerschaft, die gespannte Stille. Viel ist ja bereits geschrieben worden über das Innenleben dieses neuen Konzertsaales, über die Weinberg-Optik der Ränge, aber auch über die transparente Akustik, die schonungslos jedes kleinste Detail offenbart. Es ist eine Akustik, an der Namensgeber Pierre Boulez, der bedeutende französische Dirigent und Komponist, wahrscheinlich große Freude gehabt hätte.

Doch dem Pianisten Barenboim scheint diese Transparenz nicht immer zum Vorteil zu gereichen. Vor allem dort nicht, wo Argerich und er den Notentext eher gemeinsam zu erkunden scheinen, als ausgereift zu präsentieren. In Schumanns Sechs Studien op. 56 beispielsweise, bearbeitet von Claude Debussy: Unsicherheiten in Balance und Zusammenspiel versucht Barenboim hier durch verlangsamte Tempi, impressionistisches Pedal und äußerst zartes Pianissimo zu kaschieren. Ganz anders die folgende Liszt-Opernparaphrase nach Mozarts "Don Giovanni", die bislang vor allem in der fingerbrecherischen Soloversion einige Bekanntheit erlangt hatte. Dicke Pedalschwaden ziehen nun auf, lärmende Läufe und gehämmerte Akkorde – und eine Martha Argerich, die plötzlich Raubtierzähne zeigt.

In den Mozart-Sonaten der ersten Konzerthälfte hält sich die 75-Jährige noch vornehm zurück, während Barenboim mit kernigen Kantilenen das Geschehen dominiert. Weich und verführerisch klingen die Bässe ihrer linken Hand. Es entsteht ein eigentümlich schwebender Mozart, angesiedelt zwischen Schubert und Debussy.

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