Kultur

Für immer alt

Nach sieben Jahren Albumpause erscheint eine neue Platte von Alphaville. Ein Treffen mit Sänger Marian Gold, der als einziger stets dabei war

Die Pop-Band um Sänger Marian Gold (62) ist nach siebenjähriger Albumpause zurück mit der guten neuen Platte "Strange Attractor". Wir trafen in Berlin einen Frontmann, der froh ist, nicht "Forever Young" zu sein. Ständig diese Fake-News. "Er hat sechs Kinder von vier Frauen" behauptet Wikipedia über Marian Gold (bürgerlich: Hartwig Schierbaum), den in Ehren ergrauten, etwas füllig gewordenen und – "das weiß ja eh jeder" – den Bart schwarz färbenden Frontmann von Alphaville. "Falsch", sagt der gebürtige Münsteraner beim Gespräch im "Café Einstein" in seiner langjährigen Wahlheimatstadt Berlin. "Es sind sieben". Das jüngste Kind sei drei, das älteste 18 Jahre alt. Wäre das geklärt.

"Wir haben drei Anläufe genommen und eine Vielzahl von Songs geschrieben und wieder verworfen", berichtet Gold zum langen Werden des neuen Albums. Auch der überraschende Tod von Keyboarder Martin Lister vor drei Jahren hielt die Arbeit an der Platte auf.

Überhaupt ist "Strange Attractor" erst das siebte Album in 35 Jahren Bandgeschichte. Aber, und das ist ja der entscheidende Punkt, es ist ein kleines Meisterwerk geworden. "Vielleicht ist es Popmusik, ich weiß doch aber gar nicht, was Pop ist", sinniert Gold nun vor sich hin. "Für mich ist alles Pop, was Melodien hat. Die Red Hot Chili Peppers sind Pop, und selbst Pink Floyd hatten Pop-Hits."

Alphaville, von dessen Gründungsmitgliedern nur Marian Gold immer an Bord geblieben ist, wurde 1983 in Berlin gegründet, wohin der Sänger nach einer gescheiterten Militärzeit ("Die Bundeswehr schmiss mich raus, weil ich mich mit einem Offizier geprügelt hatte") gezogen war. "Big In Japan" hieß der erste Riesenhit, "Sounds Like A Melody" der zweite, mit "Forever Young" baute sich die Gruppe schon sehr früh ihr eigenes Denkmal. Der Song ist ein Klassiker, neulich erst interpretierte Beyoncé das Lied bei einem Stadionkonzert vor 100.000 Leuten.

" ,Forever Young' ist wahrscheinlich der größte Popsong, der je in Deutschland geschrieben wurde", mutmaßt Gold, "das geht schon in Richtung 'Yesterday'. Das Lied hat ein irres Eigenleben entwickelt, für das ich auch keine Erklärung habe. Möglicherweise lösen die beiden Worte in den Menschen etwas Beglückendes und Euphorisches aus." Wie auch immer, dem Welthit, der Marian Gold früh finanzielle Unabhängigkeit bescherte, fühlt er sich bis heute unverändert verbunden. "So ein Hit ist in jedem Konzert eine sichere Hausnummer. Ich bin sehr privilegiert, dieses Stück im Repertoire zu haben und die Leute damit zu verzaubern." Zumal die Botschaft des Liedes, das Marian Gold mit knapp 30 schrieb, niemals unaktuell wird. "Der Text war damals total klug und weise. Hinter der Botschaft stehe ich ohne Abstriche. Du wirst hin-eingeworfen ins Leben, musst dich irgendwie durchwursteln, und am Ende wirst du damit bestraft, dass du stirbst. Das Bewusstsein, dass du stirbst, musst du das ganze Leben mit dir herumschleppen."

Die eigene Jugend vermisse der Sänger, der "Friedhöfe sehr schön" findet, keineswegs. "Ich bin weder vom Kopf noch vom Körper her nah dran, jung zu sein. Zum Jungsein gehören Naivität, Ignoranz und Blödheit. Das habe ich alles verloren. Und deshalb bin ich, was mir sehr recht ist, eben alt."

Konzert: Wuhlheide, 8. Juli, 18 Uhr.

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