Kultur

"Erwischt, Kollege!"

In der Kolumne „Mamas & Papas“ berichtet unser Autor Hajo Schumacher regelmäßig über sein Familienleben. Nun erscheint der Vater-Irrsinn als Buch. Ein Auszug

Diese Familie wird vielen Lesern unserer Zeitung längst vertraut sein: Mutter Mona, 52 Jahre, genannt die "Chefin". Sohn Hans, inzwischen 11 Jahre, dessen Leben zwischen Youtube und Latein changiert. Dann Karl (22) der "Große", seit einer Weile Student. Und natürlich der Autor der Kolumne, Hajo Schumacher, 52 Jahre alt, der jeden zweiten Sonnabend in unserer Rubrik "Mamas & Papas" aus dem Familienalltag berichtet. Nun erscheint sein gesammelter Vater-Irrsinn als Buch – neu zusammengestellt und aufgefrischt. Wir drucken hier einige der schönsten Passagen.

Kontrolle vs. Vertrauen

In ihrem unerbittlichen Optimismus verkündete die Chefin eines Morgens: "Heute fährt Hans allein von der Schule nach Hause." Nur mein niedriger Morgenblutdruck verhinderte einen Infarkt. Hans guckte wie Django. Ich prägte mir sein aufgewecktes Gesicht ein, das engelsgleiche Haar, die Flecken auf dem Küchentisch infolge raschen Müsli-Verzehrs. Es würde das letzte Mal sein.

Für den Nachmittag sagte ich alle Termine ab. Ab sofort war ich Security, also einer der wahren Checker in dieser Stadt. Unauffällig postierte ich mich an einer Kaffeebude im U-Bahnhof nahe der Schule. Mit der Nagelschere behutsam ausgeschnitten, bieten die beiden "O" der Berliner Morgenpost perfekt getarnte Gucklöcher. Ich fühlte mich wie die NSA.

Horden von Schülern rannten vorbei, viele zugegebenermaßen kleiner als Hans. Aber wo war unser Sohn? Hätte ich schon die paar Hundert Meter von der Schule zur U-Bahn kontrollieren sollen? War dem nachlässigen Security-Dad bereits ein Gewaltverbrechen entgangen? Die Kaffeebudenfrau schaute skeptisch. Ein Becher auf 45 Minuten, damit hatte ich mich nicht gerade als Kunde des Monats qualifiziert.

Bevor eine Einheit des SEK meine Nase in die Kuchenkrümel auf dem Boden drückte, weil ich als potenzieller Kinder-Entführer verdächtig war, observierte ich die U-Bahnstrecke. Unterm Schlapphut tropfte der Schweiß, der falsche Bart juckte. Wo war mein Kind?

Nachdem ich die Strecke zum dritten Mal abgefahren war, rief ich verzweifelt die Chefin an. "Hans ist verschwunden", jammerte ich. "Unsinn", entgegnete sie, "er ist schon ewig zu Hause." Erleichterung. "Hatte er denn gar keine Angst?", fragte ich. "Nur einmal", sagte die Chefin, "weil so ein komischer Vogel mit falschem Bart die Kinder durch Löcher in seiner Zeitung beobachtet hat. An dem hat sich die ganze Klasse vorbeigeschlichen. Solche Kerle sollte man direkt einbuchten."

Regeln vs. Intuition

Es ist zum Heulen. Erziehung scheitert fast immer daran, dass Eltern und Kinder ganz andere Vorstellungen von einem guten Leben haben. Neulich wollten wir einen Familienausflug machen, der aber an grundverschiedenen Definitionen von "Ausflug" scheiterte. Hans genügt es völlig, mit seinem Rad fünf Minuten zum nächsten Spielplatz zu fahren und dort Batterien, Schreckschusspatronen von Silvester und Schlimmeres aus dem Gebüsch zu klauben. Karl wiederum schläft gern bis mittags, schnorrt sich dann ein paar Euro bei seinen Eltern zusammen, erwirbt ein Sixpack Bier an der Tanke und genießt die erschrockenen Blicke der Spaziergänger, wenn er mit seinen Kumpels am Ufer des Badesees Tierlaute von sich gibt. Die Chefin wiederum möchte durch eine Frühlingswiese tollen, den Teint auffrischen, eine Picknickdecke ausbreiten, also Werbefernsehen nachspielen, gern mit Bildungselementen angereichert, wie Vogelbuch oder Blaubeersammeldose. Am absurdesten ist Vatis Wunsch: einfach nur Zeitung und Ruhe. Dafür werde ich mir eines Tages einen Infarkt nehmen müssen.

Spießer vs. Hippies

Ich bin bro-mäßig lässig, wenn Karl die Küche betritt, aber in Wirklichkeit hochgespannt. Wird der Große die Augenbrauen lüpfen und ein kurzes "Mrmh" knurren? Und was mag dieses "Mrmh" heute bedeuten? Zustimmung? Kritik? Verletztsein?

Den Begriff "reden" definieren wir bei unseren Jungs relativ großzügig. Ganze Sätze sind es nicht, streng genommen versteht man nicht mal einzelne Wörter. Mit dem Erreichen der siebten Klasse geschehen ja seltsame Dinge im Sprachzentrum von Knaben. Schlagartig verkümmert die Artikulations­fähigkeit; noch ein Beweis, dass die Evolution rückwärts funktioniert. Unser großes Kind spricht vorwiegend Neandertalerisch. Der Junge macht Geräusche, vor allem eines, das klingt wie ein abgehacktes Röcheln mit einem variabel modulierten brummigen Unterton, ungefähr wie "Mrmh". Seit wir die Party zum 18. Geburtstag bezahlt haben, sind wir fest überzeugt, dass das Brummige etwas weniger geworden ist. Er meint es sicher nur gut mit uns; er will mit uns nicht überkommunizieren. (…)

Eigentlich hat der Junge recht. Man muss nicht alles kommentieren oder jeden bewusstlos quatschen. Dafür gibt es Facebook. Im persönlichen Umgang dagegen zwingt uns ein "Mrmh", endlich wieder auf Zwischentöne zu achten. Auf die Frage "Brauchst du Geld?" kommt etwa ein sehr viel entschlosseneres "Mrmh" als auf die Bitte, den sorgenvollen Eltern gnädigerweise mitzuteilen, wann der junge Herr am Sonntagmorgen nach Hause zu torkeln gedenkt. Das ungehaltene "Mrmh" kann alles heißen, von Mitternacht bis Morgengrauen. Die Mutter bangt inzwischen, ob der Junge je wieder richtig spricht. Unsinn. In der männlichen Entwicklung gibt es nun mal zwei Schweigephasen, vor der Beziehung und währenddessen.

Schule vs. Leben

Zu den Klassikern des Tischgesprächs gehört die elterliche Frage nach dem aktuellen Stand in der Bildungseinrichtung. Natürlich wollen wir keinen Druck ausüben. Andererseits ist es immer wieder peinlich, wenn man erst von anderen Eltern erfährt, dass Klassenkameraden in der Notaufnahme landeten, die Lateinarbeit grottig ausgefallen ist oder ein paar Kinder beim Direktor antanzen mussten. Unsere sind natürlich nie dabei, oder? Leider doch. Nur erfahren wir es sehr selten. Und wenn, dann erst Wochen danach.

Der klassische Dialog beim Abendessen lautet:

"Habt ihr Hausaufgaben auf?"

"Nö!"

"Schreibt ihr die kommende Woche eine Arbeit?"

"Nö!"

"Sonst alles okay in der Klasse?"

"Hmmhm!"

Am bequemsten wäre es nun, den Kindern einfach Glauben zu schenken. Vertrauenskultur ist ein feiner Ansatz, nur leider mit der Realität kaum zu vereinbaren. Kaut Hans zum Beispiel erst den Mund leer, bevor er antwortet, dann lauert Ungemach. Plötzliches Benehmen ist grundsätzlich verdächtig. Die Wahrheit antwortet auch mit vollem Mund, das schlechte Gewissen versucht, Zeit zu gewinnen.

Wenn ich frage, ob denn der Ranzen gepackt sei, blickt der Kleine nur eine Millisekunde schuldbewusst über den Tellerrand und beeilt sich dann, ein fröhliches "Klar!" zu rufen. Erwischt, Kollege. Körpersprache, Gesichtsausdruck, Stimmmodulation – alle Indizien sprechen für Chaos in der Schultasche. Deswegen haben wir die Regel eingeführt, dass wir vor dem Zubettgehen gemeinsam den Ranzen schön machen.

Ich wuchte einen Doppelzentner Papier aus den Tiefen der ergonomisch wertvollen Kiepe, während Hans zum dritten Mal beteuert, dass rein gar nichts zu erledigen sei. Aber Nach­gucken hat noch nie geschadet, schon wegen der Gewichtsoptimierung. Befreit von antiken Resten der Käsestullen, Bergen angefangener Zeichnungen und Einwickelpapieren aller Art wiegt der Ranzen mindestens drei Pfund weniger. Zwischen dem Altpapier finde ich die Fragmente eines Englischtests, von dem wir wieder mal nichts wussten.

Offenbar hatte unser Sohn versucht, das Ergebnis mit Apfelstücken unleserlich zu machen. "Warum hast du uns nicht erzählt, dass ihr einen Test schreibt?", frage ich einfühlsam. "Vergessen", sagt Hans. Das Kind leidet an einer dramatischen Partialamnesie. Fernsehen vergisst es nie, Nachtisch erst recht nicht. Dafür Gitarre üben, Eltern ehren und eben Tests.

Loslassen vs. Festhalten

An manchen Sonntagabenden ist es angenehm leise. Dann ist Karl auf einer Exkursion und Hans auf Klassenfahrt. Die Chefin bestellt zuverlässig Fisch, also einen kompletten, nicht die Formpressvariante. Ich kaufe im Fischfachhandel eine Lachsforelle. Dazu Meersalz für den Mantel und kostspieligen Wein.

So ein Abend zu zweit will genossen sein. Ist aber nicht so leicht. Denn entweder denken wir an jene märchenhafte Zeit namens "früher". Keine Ahnung, was wir damals mit all unserer freien, kinderlosen Zeit gemacht haben. Oder wir reden von "später", eine ebenfalls unvorstellbare Lebensphase, wenn die Jungs aus dem Haus sind, eigenes Geld verdienen und hoffentlich nicht sofort Enkel produzieren. Weil: Wer passt drauf auf? Eben.

Kinder sind wie Malaria. Wenn man sie sich einmal eingehandelt hat, heißt das Urteil "lebenslänglich". Aber man kann damit leben. Gleichwohl müssen wir die Jungs eines Tages loslassen. Davon haben wir jahrelang geträumt. Wenn es aber so weit ist, fangen wir an zu heulen. Es lebe der Widerspruch.

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