Kultur

Leben verpfuscht? Jetzt gibt es eine zweite Chance

„Life is a bitch“: Uraufführung an der Vaganten Bühne

Was wäre, wenn man nach einem verpfuschten Leben die Chance bekäme, seinem jüngeren Ich zu begegnen und es zu warnen? Als Marlene aus dem Fenster springt, weil sie mit Ende 40 keine Per­spektive mehr sieht, wird sie von Lene gefunden, die gerade erst am Anfang steht. Eine typische Berliner Existenz, macht irgendwas mit Kunst, lebt in einer WG, in der alle wahnsinnig gechillt sind – und dreht sich nur um sich selbst. Dass da plötzlich eine mittelalte Frau in ihr Leben tritt und ihr Moralvorträge hält, findet sie gar nicht lustig. Erst recht nicht, dass es sich dabei um die eigene, gealterte Version handeln soll.

Wie die beiden Frauen in Jan Bolenders Stück "Life is a bitch – oder wie ich gestern meine Zukunft fand" verbal und auch körperlich miteinander ringen, besitzt Dringlichkeit, schließlich geht es für Marlene um Leben und Tod. Aber das muss die um sich selbst kreisende Lene erst mal kapieren! Gerade in diesen Zweierszenen fesselt Bolenders Stück, weil es um etwas geht: Wie lebt man ein Leben richtig? Die – durchaus witzigen – Dialoge hat Bolender zusammen mit den Schauspielerinnen Sarah Alles und Nicole Marischka entwickelt, die auch die zwei Seiten der Hauptfigur verkörpern: Alles zickt und trotzt als jugendliche Egoistin gegen Marischkas frustrierte, aber weich gewordene Marlene an. Und gegen Adam, den schwermütigen Träumer, der bei Benno Lehmann so zärtlich trottelt, dass man ein Herz aus Stein haben muss, um ihn vor die Tür zu setzen.

Dass "Life is a bitch" ursprünglich ein Film werden sollte, merkt man der Uraufführung in der Vaganten Bühne an. Denn (Film-)Regisseur Bolender denkt Schnitte, wo er Übergänge bauen müsste, etwa zu den Traumsequenzen, in denen Marlene in Fernsehshows von ihrem Therapeuten auseinandergenommen wird. Hier hätte die Inszenierung ästhetisch den Dreh in den Surrealismus stärker mitvollziehen können, hält sich aber mit wenig Ausstattung zurück: ein Blümchenvorhang hinten, Matratze, Schubkarre und fast leere Leinwand vorne. Wobei das Surreale ja immer mitschwingt, und die Schlafanzüge, in denen alle stecken, deuten ebenso wie manche Requisiten – Wasser trinken sie zum Beispiel aus einem Benzinkanister – und das Ende darauf hin, dass es sich bei der ganzen Geschichte nur um einen Traum Marlenes handeln könnte.

Aber warum ist sie dann am Ende tatsächlich Künstlerin und nicht nur gescheiterte Kunstlehrerin? Und was genau hat es mit den erwähnten Parallelwelten auf sich? Da verliert man schon mal den Faden. So ganz fertig wirken weder die Geschichte noch die Inszenierung, dafür ist der Abend in 100 Minuten flott hinskizziert. Eine Jedermann-Geschichte von heute, ohne Gott und Teufel. Nur dass die Frauen mal wieder hysterisch sind und die Männer – als innere Stimme wie als Therapeut – die Ratschläge erteilen, wirkt dann doch ein bisschen vorgestrig.

Vaganten Bühne, Kantstr. 12a, Charlottenburg, Tel. 312 45 29. Termine: 17.–20. Mai

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