Hamburg

Neustart mit Hindernissen

Christian Prokop bleibt an seinem ersten Wochenende als Handball-Bundestrainer gegen Schweden sieglos

Hamburg. Christian Prokops Blick war zielgerichtet. Der 38-Jährige wippte an der Seitenlinie auf und ab, seine Mannschaft ließ er keine Sekunde aus den Augen. Bei seinem Heimdebüt als neuer Handball-Bundestrainer in der Hamburger Arena war ihm die Anspannung anzumerken. Am Ende hieß es 25:25 (16:14) gegen Schweden – ein Achtungserfolg nach der 25:27-Niederlage (9:16) am Sonnabend. "Am Ende ist es bitter, dass wir das Spiel nicht für uns entschieden haben. Wir hätten den Sieg verdient gehabt", haderte Prokop dennoch mit dem Ergebnis.

Berliner Heinevetter von Magen-Darm-Virus gestoppt

Prokop wurde im Vorfeld seines Amtsantritts immer wieder für seine mangelnde internationale Erfahrung kritisiert. Doch den Neuling an seinen ersten beiden Länderspielen zu messen, wäre zu voreilig. Die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) hatte an diesem Wochenende personell wenig mit der Mannschaft der letzten großen Turniere zu tun. Der Nachfolger von Dagur Sigurdsson verzichtete bei der Nominierung bewusst auf die Nationalspieler der überlasteten Spitzenteams THW Kiel und Rhein-Neckar Löwen. Topkräfte wie Torhüter Andreas Wolff und Patrick Wiencek (beide THW) fehlten, auch Kapitän Uwe Gensheimer (Paris St. Germain) blieb zu Hause. Zudem mussten Keeper Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin (Magen-Darm-Infekt) und Kreisläufer Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar/Grippe) kurzfristig absagen. Insgesamt gleich zwölf WM-Fahrer hatte Prokop beim doppelten Länderspiel-Klassiker gegen die Skandinavier zu ersetzen.

Trotzdem war der "attraktive" und "emotionale" Handball, den der Coach künftig spielen lassen will, phasenweise schon zu erkennen. "Meine Vorfreude hat sich bestätigt", sagte Prokop. Dies galt auch für die Hamburger. Nach der Insolvenz des HSV 2016 ist die Sehnsucht nach professionellem Handball in Hamburg groß. 10.859 Zuschauer unterstützten die deutschen Nationalteams. Schon am Vormittag waren viele zum Länderspiel des Jugendteams gegen Israel (34:22) gekommen.

Bester Werfer im deutschen Team war am Sonntag der Wetzlarer Rückraumspieler Philipp Weber mit acht Toren, am Sonnabend hatte Kreisläufer Manuel Späth (4 Tore) von Frisch Auf Göppingen am häufigsten getroffen.

Während sich der Europameister auf die EM-Qualifikationsspiele im Mai gegen Slowenien vorbereitete (3. Mai), soll für die Frauen Hamburg zur Endstation des Jahres werden. Die Stimmung vor der Partie war eine besondere, die Motivation war bis in die Haarspitzen zu spüren. Das gegenseitige Abklatschen war noch intensiver als sonst. So könnte es sich also anfühlen, wenn man es in rund neun Monaten in die Finalrunde schaffen würde. Denn: Im Dezember finden das Halbfinale (15.12.) und Finale (17.12.) der Heim-WM ebenso in Hamburg statt.

"Eine bessere Visualisierung unseres Traums gibt es gar nicht", sagte Anne Loerper nach der Partie. Nur das Ergebnis hätte ein anderes sein dürfen. Obwohl die DHB-Frauen zur Halbzeit bereits mit sechs Toren führten, glitt ihnen das Spiel kurz vor Schluss aus den Händen und sie verloren noch mit 23:24 (15:9). "Das war eine schmerzliche und ärgerliche Niederlage. Die Mannschaft spielt mit hoher Intensität und viel Willen. Wir sind noch nicht in der Lage, über einen ausreichend langen Zeitraum eine gute Leistung abzurufen", sagte Bundestrainer Michael Biegler. Im zweiten Abschnitt war das Team kaum wiederzuerkennen. Mit zunehmender Spieldauer schwanden Kraft und Konzentration, so dass die Schweden mit ihrer ersten Führung kurz vor dem Ende den Sieg klarmachen konnten.

Die Frauen mussten an diesem Wochenende, das wie für die Männer jeweils zwei Duelle mit Schweden vorsah, eine Doppelpleite einstecken. Bereits beim Hinspiel in Göteborg kassierten sie eine 28:33 (11:15)-Niederlage. "Das Ergebnis tut ein Stück weit weh, aber es wirft uns nicht aus der Bahn. Wir müssen lernen, unser Spiel über eine längere Zeit durchzudrücken", sagt Kapitänin Loerper nach dem Spiel in Hamburg. Beste deutsche Torschützin am Sonntag war Kim Naidzinavicius mit fünf Treffern, am Sonnabend hatte Anne Hubinger (6 Tore) am häufigsten getroffen.

Der neue Chef bei den Männern hatte den Trainerposten nach wochenlangem Tauziehen zwischen dem DHB und seinem Klub SC DHfK Leipzig vorzeitig übernommen, sein Vertrag bis 2022 gilt eigentlich erst ab dem 1. Juli 2017. Für die beiden Länderspiele hatte Prokop kurzfristig die Freigabe der Leipziger erhalten, die er bis Saisonende ebenso betreut.

Viele neue taktische Varianten beim Lehrgang geübt

Prokop entschuldigte Fehler seiner neuformierten Mannschaft mit veränderten Spielvarianten. Der dreitägige Lehrgang in Hamburg sei "mit vielen taktischen Neuerungen sehr anspruchsvoll" gewesen, erklärte er. Im zweiten Spiel stand die Abwehr deutlich gefestigter und ließ den Schweden nur wenig Raum. In Göteborg hatte das Team in der zweiten Halbzeit ein drohendes Debakel abgewendet. Mehrfach lag der Europameister mit acht Toren hinten. "Zu viele Ballverluste und undisziplinierte Würfe", monierte Prokop. Erst im Schlussgang funktionierte das Zusammenspiel besser. "Das war eine Steigerung in allen Bereichen." Genauso die Partie am Tag danach, die unentschieden endete.

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