Leichtathletik

Der erste Harting-Sponsor wechselt die Seiten

Altmeister Robert kämpft dennoch um sein Comeback: Mit neuem Coach, neuen Trainingsmethoden und Freiheiten, wie er sie vorher nie hatte.

Momentan Robert Hartings zweites Zuhause: Der Kraftraum im Sportforum Hohenschönhausen.

Momentan Robert Hartings zweites Zuhause: Der Kraftraum im Sportforum Hohenschönhausen.

Foto: Joerg Krauthoefer

Genießen. Robert Harting benutzt dieses Wort oft, wenn er über die beiden letzten Jahre seiner Sportkarriere spricht. "Das ist das Wichtigste: Ich will sie genießen", sagt er. Wenn alles gut geht, ihn keine Verletzungen zurückwerfen, vielleicht werden dann die Europameisterschaften im August 2018 in Berlin sogar noch einmal ein Hochgenuss für ihn. Ein großes Finale, so ist der Plan. Ein Danach mit dem Diskus soll es nur beim anschließenden Istaf geben, dann ist Schluss. Das steht fest für den Berliner, der 2012 in London Olympiasieger wurde, dreimal Weltmeister war, zweimal Europameister.

Genießen? Was Harting jetzt gerade über sich ergehen lässt, entspricht eher nicht der landläufigen Vorstellung von positiven Emotionen. Wir sind in der Beachhalle des Sportforums Hohenschönhausen, genauer: im Kraftraum. Eine richtige Folterkammer ist das, voller beeindruckender Geräte. Aber die benutzt der 32-Jährige heute gar nicht. Er ist mit einer kleinen Rückenblockade aufgewacht und liegt auf einer Gymnastikmatte. Sein Athletiktrainer Sten Schmidt fordert: "Oben bleiben, oben bleiben, drei, zwei, eins, ab." Der 2,01 Meter große Muskelberg ächzt und lässt sein Bein sinken. Immer noch besser als die Übung vorher, als er auf dem Rücken liegend den rechten Fuß zur linken Hand drehen sollte und umgekehrt. 124 Kilogramm Mannsbild in höchster Anspannung. Der Schweiß fließt, die Muskeln brennen. Aber der Humor ist intakt: "Stahl bewegt sich eben schlecht." Er meint sich. Und lacht.

Die Übungen tun weh, doch sie tun auch gut. 15 Jahre schon ist er Diskuswerfer, hat es gelernt, Schmerzen zu bekämpfen, zu verdrängen, zu kontrollieren. Und doch liegt da jetzt ein anderer Robert Harting auf der Matte als noch vor einem Jahr. Der alte Harting war schon durch sein selbstbewusstes Auftreten eine harte Nuss für jeden Gegner. Derselbe Mann sagt nun, er trete nicht mehr an, um es den jungen Leuten zu zeigen. "Vorher konnte ich die alle kontrollieren mit meiner Physis und meiner Leistung. Das funktioniert nicht mehr." Als Athlet müsse man realisieren, wie sich "die Verhältnisse in dir und um dich herum verändern. Mein Körper hat sich verändert." Er hat sich verändert.

Hauptsponsor ersetzt Robert durch Christoph Harting

Harting hat sportlich und wirtschaftlich kein schönes Jahr hinter sich. Der Triumph bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel, wo er im letzten Versuch siegte und ganz der Alte zu sein schien, war zwar vielversprechend. Frohen Mutes reiste er nach Rio, wo er zum zweiten Mal Olympiasieger werden wollte. Ein Hexenschuss zwei Abende vor der Qualifikation jedoch machte alles zunichte. An seiner Statt triumphierte sein jüngerer Bruder Christoph. Robert entschloss sich zu einer Knieoperation, die komplizierter war als erwartet. Die Reha zog sich ewig hin. Zehn Trainingswochen hat er verloren, erst 1000 Würfe in diesem Jahr absolviert. "Ein Christoph Harting, ein Pjotr Malachowski hat 2000, mindestens", weiß er. Sein Bruder und der Pole sind jetzt die Besten der Welt, "sie sind stabiler. Daraus verbieten sich gewisse Erwartungen."

Offenbar nicht nur bei ihm. Drei Hauptsponsoren sprangen ab, "da war ich erst mal traurig". Vor allem, weil einer von denen, eine Internetbank, nun ausgerechnet mit Christoph Harting werben möchte. Doch auch da zeigt sich der veränderte Robert Harting. "Aus perspektivischer Sicht verstehe ich das, es ist bei mir ja absehbar, dass es nur noch zwei Jahre geht. Welchen Sinn es für den Sponsor macht, sehe ich allerdings nicht." Er sagt das erstaunlich gelassen. "Ich habe jetzt mehr Zeit für die Partner, die wirklich an mich glauben und mich nicht austauschen." Der dreimalige Sportler des Jahres zieht sogar Positives daraus: "Es hat mich viel freier gemacht, was meine Verpflichtungen neben dem Sport angeht. Ich kann mich fast das erste Mal in meiner Karriere um mich kümmern. Der Fokus ist statt auf viele Nebenschauplätze endlich mal vor allem auf mich gerichtet."

Wenn jetzt noch der Körper mitspielt, das Wackelknie, sollte vielleicht niemand Harting zu früh abschreiben. Er hat einiges umgestellt, am wichtigsten: Er wechselte mit seiner Frau Julia von Trainer Torsten Lönnfors zu Marko Badura. Der verfolgt ein anderes Trainingssystem, es geht mehr um die Förderung der Schnellkraft als um maximale Kraft. Passend zum verletzungsanfälligen Athleten: Es schont die Ressourcen. Badura, promovierter Trainingswissenschaftler, setzt völlig neue Reize. Im Winter ging es nach Ramsau in die Alpen – Skilanglauf für die Grundkondition. Anschließend wurden Julia und Robert Harting zum Tanzkurs geschickt – zwei Herzen im Viervierteltakt. "Das Ziel meines Trainers ist es, eine schnelle Unterschenkelgeschwindigkeit zu erreichen", erklärt der bärige Diskuswerfer fachmännisch, "dafür ist der Jive ideal."

Seine Einstellung ist beispielhaft, der Trainingszustand ausbaufähig

Robert Harting ist offen für derlei Ideen. "Ich mag Sachen neu denken. Nicht darüber aufregen, wie etwas ist. Sondern darüber nachdenken, was man ändern kann", sagt er. Eines scheint sich nicht geändert zu haben, jedenfalls ist das der Eindruck von Badura: "Roberts Einstellung ist beispielhaft. Davon hat er nichts eingebüßt im Laufe der Jahre." Den Ehrgeiz seines Schützlings muss er eher bremsen als wecken. Ursprünglich war geplant, am 13. Mai beim Diamond-League-Sportfest in Schanghai den ersten Wettkampf zu bestreiten. "Nicht in Stein gemeißelt", sagt Badura nun angesichts des Trainingsrückstands. Die Deutschen Meisterschaften Anfang Juli in Erfurt? "Auf jeden Fall. Dort wollen wir eine Topleistung zeigen und uns eventuell für London anbieten." Wo im August die WM stattfindet. Doch auch dort an den Start zu gehen, so Badura, "ist kein Dogma".

Robert Harting gibt zu, dass ihm solche Gedankenspiele sehr schwer fallen. "Vielleicht muss ich mal was weglassen", brummt er, "mein Trainer achtet schon darauf, dass ich nicht in die alten Denkmuster verfalle. Der Plan ist so, mich jetzt für eine ordentliche Belastungsfähigkeit aufzubauen." Für 2018. Das erfordert Geduld, und Geduld war nie die größte Stärke des dreimaligen Weltmeisters. Es geht ihm alles viel zu langsam vorwärts. "Ich muss aufhören, mich zu sehr unter Druck zu setzen", weiß er, "weil sonst der Genuss der eigentlichen Sache viel zu kurz kommt."

Sein Vorteil ist ja, dass er niemandem mehr etwas beweisen muss. Die Akribie bei jedem Detail, das Alles-Verstehen-Wollen ist trotzdem geblieben. Das zeigt sich selbst bei der einstündigen Muskelpflege. Physiotherapeut Heiko Thiede hat alle Hände voll zu tun mit dem "gewissen Paket", das auf der extra breiten Bank vor ihm liegt, aber nicht nur die Hände. "Robert ist wie ein Formel-1-Fahrer, wie Vettel oder Hamilton, die ihren Mechanikern genau sagen, wo das Problem liegt. Und er gibt nicht eher Ruhe, bevor es beseitigt ist." Am Ende ist die Blockade übrigens draußen.

Eine Medaille zum Abschluss "wäre natürlich geil"

Harting geht es jetzt gut. Vor dem Kraft- und Wurftraining am Nachmittag will er sich ein Stündchen schlafen legen. Aber vorher philosophiert er noch einmal über die positive Seite seiner Situation – die gewonnene Zeit, den geringeren Druck, all die Veränderungen. "Es ist ein bisschen so, als hättest du die Scheibe von deinem Auto sauber gemacht. Jetzt sind die Störfelder weg. Und du kannst die Fahrt ganz anders genießen." Robert Harting wirklich ganz in sich ruhend, ohne den Ehrgeiz, 2018 in Berlin mit einem Paukenschlag abzutreten? Das nun auch nicht: "Eine Medaille zu gewinnen, fände ich natürlich total geil, ich trainiere auch hart dafür. Aber ich definiere mich nicht mehr darüber, ob ich eine gewinne oder nicht."

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