Volleyball

Ein Berliner schmettert im Land der Gegensätze

Volleyballprofi Dirk Westphal spielt für einen iranischen Klub. Nun kann er sich sogar vorstellen, seinen Vertrag zu verlängern.

Dirk Westphal (r.) schmettert derzeit im Iran

Dirk Westphal (r.) schmettert derzeit im Iran

Foto: privat

Berlin.  Die Verbindung bricht ab. Ob es wohl möglich sei, das Telefonat zu verschieben, fragt Dirk Westphal. Der Berliner hat seine mobilen Daten aufgebraucht, neue kann er nur mit der Kreditkarte eines Mannschaftskollegen kaufen. "Hier ist alles ein bisschen anders", schreibt er.

Irritationen beim Gespräch mit dem Taxifahrer

Als erster deutscher Volleyballspieler wechselte Dirk Westphal Ende September in den Iran. Dass er wegen der Wirtschaftssanktionen gegen das Land keine europäische Kreditkarte nutzen oder eine iranische beantragen darf und WLAN an kaum einem Ort funktioniert, gehört zu den geringsten Herausforderungen, denen der 31-Jährige in den vergangenen vier Monaten begegnet ist. Ausgestattet mit neuem Datenvolumen erzählt er davon.

Wenn er in ein Taxi steigt, muss der 78-fache deutsche Nationalspieler oft erklären, warum er kein Fan von Adolf Hitler ist. "Besonders die ungebildeteren Iraner sehen Hitler nicht als Mörder, sondern als genialen Strategen und Visionär." Neben der politischen Umgebung musste er sich an ein anderes Organisationsniveau gewöhnen: Einer der Höhepunkte seines Aufenthaltes war eine waghalsige Busfahrt bei Schneesturm über das Elburs-Gebirge, der ein Spielabbruch wegen Stromausfall vorausgegangen war.

Das größte Abenteuer seiner Karriere

Beim Play-off-Spiel seines Klubs Shahrdari Tabriz gegen den Tabellenführer Sarmayeh Bank funktionierte im entscheidenden fünften Satz die Video-Challenge nicht. "Als unser Gegner drei Punkte später die Challenge anfragte, ging es aber plötzlich wieder", erzählt Westphal. Seine Mannschaft verlor 13:15. An Zufall glaubt der Berliner nicht. Am Mittwoch kommt es zur zweiten Begegnung. Verliert Westphal, ist die Saison beendet und mit ihr das bislang größte Abenteuer seiner Karriere. Dann kehrt der beim Berliner TSC, VC Olympia und SCC Berlin ausgebildete Volleyballspieler in seine Heimatstadt zurück. Vorerst.

Denn trotz vieler Widrigkeiten kann er sich vorstellen, seinen Vertrag zu verlängern. Das liegt nicht zuletzt an den finanziellen Möglichkeiten, die dem 2,03 Meter großen Außenangreifer geboten werden. Volleyball ist nach Fußball der populärste Sport im Land. Von der aus zwölf Teams bestehenden Superliga werden pro Spieltag zwei bis drei Partien im Fernsehen übertragen. Die besten Spieler bekommen 300.000 bis 400.000 US-Dollar pro Saison.

Vermutlich sechs Millionäre in seinem Team

"In meiner Mannschaft spielen bestimmt sechs Millionäre", sagt Westphal. Ganz so viel bekommt er nicht, dennoch ist Tabriz für den Berliner, der auch in Italien, Polen und Frankreich gespielt hat, die lukrativste Station seiner Karriere. "Man muss das auch mal in Relation zur Arbeitszeit sehen", sagt Westphal. Die Saison dauert nur gut vier Monate, in denen er von Freundin Anja und Sohn Chris (4) getrennt ist. In den anderen acht Monaten kann er zu Hause gut von seinem Salär leben.

Für Westphal ist der Iran ein "Land der Gegensätze". Es herrscht Alkoholverbot, gleichzeitig eröffnet in Teheran gerade ein Rehabilitationszentrum für Alkoholkranke, von denen es schätzungsweise 200.000 Menschen im Land gibt. Frauen hat das totalitäre Regime Verschleierung auferlegt. "Wenn das Flugzeug auf iranischem Boden aufsetzt, beginnt das große Kramen in den Handtaschen", erzählt Westphal. "Dann ziehen die Frauen ihre Hijabs hervor, die sie besonders hier im Norden nur locker auf die Haare legen."

Noch immer werden die Frauen diskriminiert

Die Bevölkerung denkt anders als das Regime. "Die Mehrheit ist viel europäischer, als wir denken und wünscht sich eine Öffnung gegenüber dem Westen", sagt Westphal. Dazu gehört das Beachvolleyball-Turnier auf der Insel Kisch. Ab diesem Mittwoch baggern 40 Männerteams auf der Insel in der Provinz Hormozgan um 100.000 US-Dollar Preisgeld. Schon im vergangenen Jahr, als der Weltverband FIVB das Turnier zum ersten Mal an den Iran vergeben hatte, wurde kritisiert, dass nicht nur das Teilnehmerfeld, sondern auch das Publikum auf das männliche Geschlecht beschränkt wurde.

Seit der Revolution 1979 dürfen Frauen im Iran nicht mehr bei Fußballspielen zuschauen, 2012 wurde dieses Verbot auf Volleyball ausgeweitet. Die Vorgabe der FIVB, die Veranstaltung jedem zugänglich zu machen, wurde auf Kisch nicht erfüllt. Nach tagelangen Protesten setzten die Organisatoren kurzzeitig ausgewählte Frauen auf eine Tribüne und schickten diese Bilder in die Welt. Tatsächlich ist es Frauen aber nach wie vor untersagt, Volleyballspiele der Männer anzusehen. Auch Westphal hatte während seiner Saison außer ausgewählten Journalistinnen keine Zuschauerinnen. Das gilt aber auch umgekehrt. Bei den Spielen der Frauen, die ebenfalls in Superliga aktiv sind, dürfen keine Männer zusehen.

Deutsche Beach-Tour ist eine ganz andere Welt

Im Sommer will Westphal, der im vergangenen August aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist, seine Beachvolleyball-Karriere wieder aufleben lassen. Dann startet er auf der deutschen Tour, wo neben ihm Frauen in bauchfreien Oberteilen durch den Sand pflügen werden. "Das ist eine ganz andere Welt", sagt er.

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