Handball

"Mich macht der Rechtsruck traurig"

Sportlich hat Bob Hanning ein starkes Jahr erlebt. Die Hilflosigkeit der Politik aber ärgert den Berliner Handball-Macher.

Bob Hanning (l.) feiert mit Nationaltorhüter Andreas Wolff den überraschenden Gewinn des EM-Titels in Polen

Bob Hanning (l.) feiert mit Nationaltorhüter Andreas Wolff den überraschenden Gewinn des EM-Titels in Polen

Foto: Fotostand Wolf / picture alliance / Fotostand

Berlin.  Nicht nur immer dabei und mittendrin, sondern auch noch stets vorneweg – so in etwa lässt sich das Leben von Bob Hanning (48) umschreiben. Und das mit großem Erfolg. Als Vize-Präsident des Deutschen Handballbundes wurde ihm im Januar die Goldmedaille bei der EM in Polen umgehängt, bei den Olympischen Spielen kam im August Bronze hinzu. Für den Manager, Macher und Vordenker der Berliner Füchse gab es keine drei Wochen nach Rio bei der Klub-WM in Katar das nächste Gold. Sein Team verteidigte dort den bereits 2015 gewonnenen Titel. Eine starke Bilanz.

Welche der drei Medaillen ist für Sie die wertvollste, Herr Hanning?

Bob Hanning: Für den deutschen Handball war sicherlich der Gewinn der Europameisterschaft das herausragende Ereignis. Diese Goldmedaille setze ich noch vor die bronzene bei den Olympischen Spielen, weil der EM-Titel so überraschend kam, wir so schnell so erfolgreich waren und die Mannschaft über sich hinausgewachsen ist. Für mich als Vereinsgeschäftsführer ist natürlich der Gewinn des Weltpokals nicht zu toppen. Wenn man sich zweimal gegen die Weltspitze durchsetzt, zeigt das, dass wir auf dem richtigen Weg sind und welches Potenzial in unserer Mannschaft steckt.

Und die Siegprämie von 350.000 Dollar ist ja auch nicht ohne.

Sagen wir, sie ist schon hilfreich und gibt uns die Möglichkeit, sorgenfrei in die Saison zu gehen. Wir haben ja auch den Kader deutlich aufgestockt und noch einmal 500.000 Euro mehr in die Hand genommen als zuvor. Wir haben das Geld gut investiert, auch in die Nachhaltigkeit und in unsere Jugendarbeit.

Die Füchse sind Weltmeister, jagen in der Bundesliga aber immer noch die großen Drei Kiel, Flensburg und die Rhein-Neckar-Löwen. Wie groß ist der Abstand?

Riesengroß, wenn man die wirtschaftlichen Voraussetzungen betrachtet. Wir haben ihn allerdings auch schon deutlich verkürzt. Bei diesem Thema muss ich auch auf den Trainerwechsel von Erlingur Richardsson zu Velimir Petkovic kommen, den wir jüngst vollzogen haben. Ich empfand den Abstand schon im Sommer als viel zu groß. Aber wir hatten aus wirtschaftlichen Gründen einen Spieler zu wenig, einen Athletiktrainer, der nach ein paar Wochen wieder aufgehört hat, und ich hatte Frederik Petersen als Kapitän vorgeschlagen. Eine Entscheidung, die ich heute nicht mehr nachvollziehen kann. Ich war unzufrieden, habe aber das Fehlerpaket bei mir gesucht. Wir haben dann alle Lücken geschlossen und uns mit Steffen Fäth und Hans Lindberg verstärkt.

Und sie waren Tabellenvierter.

Ja, aber trotzdem hatten wir nur gerade so und mit Glück die Erwartungen erfüllt. Für das, was wir gespielt hatten, hatten wir zu viele Punkte, gemessen an unserem Potenzial aber zu wenige. Es drohte, dass wir den Abstand zur Spitze der Liga wieder nicht verkürzen würden. Wir brauchten mehr Führung, eine klare Linie und vor allem die Entwicklung unsere jungen Spieler. Wenn wir es nicht schaffen, die weiterhin nach vorn bringen, werden wir nie oben ankommen. Ich war mit Erlingur menschlich hundertprozentig zufrieden, aber einige meiner Botschaften sind beim Empfänger nicht angekommen. Wir haben einen gut besetzten Aufsichtsrat, einen Hauptsponsor, mit dem wir strategisch planen können. Das macht bringt auch mich persönlich weiter. Ich habe wieder eine Idee, wie wir bereit sein können, falls einer der großen Drei schwächelt.

Für viele Sportler erfüllt sich mit Olympia der ganz große Traum, einmal dabei zu sein. Gilt das auch für Sie?

Für mich war es vor allem anstrengend und – ganz ehrlich – nicht schön. Viele Dinge haben nicht zueinander gepasst. Die Idee, die Spiele nach Brasilien zu vergeben, war sicherlich ehrenhaft, aber die Umstände in diesem Land zu diesem Zeitpunkt haben die Spiele nicht zu dem werden lassen, was man sich erhoffen und auch erwarten durfte. Ich habe als Co-Trainer Sydney 2000 erlebt und zwischen beiden Ereignissen lagen Welten. Ich war unheimlich enttäuscht.

Es gab ja auch noch ein anderes Großereignis, die Fußball-EM in Frankreich. Da sehe ich Sie vor meinem inneren Auge im Deutschland-Trikot mit einem Glas Wein und Salzstangen vor dem Fernseher, wie Sie Jerome Boateng "Vorsicht, Hintermann!" zurufen.

Also, ganz so ist es nicht, aber natürlich bin ich sportinteressiert, und wenn die Nationalhymne gespielt wird, auch parteiisch. Ich wünsche mir das bestmögliche Ergebnis, aber das gilt genauso für unsere Basketball- oder Volleyballteams.

Noch eine Fußball-Frage. Hertha spielt so erfolgreich wie seit Jahren nicht. Spüren Sie das? Bei den Zuschauern, bei der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit?

Nun will es der Zufall, dass ich seit Kindesbeinen Hertha-Fan bin, also freue ich mich, als Fan und als Berliner. Klar, ist es für die anderen Klubs schwieriger, wenn Hertha erfolgreich ist, aber andererseits kann Sport generell, und damit auch der Berliner, nicht besser transportiert werden als durch den Fußball und daran werden wiederum alle partizipieren.

Was hat Sie in 2016 am meisten überrascht?

Eine gute Frage … (lange Pause). Eigentlich nichts, bis auf den EM-Titel in Polen vielleicht, dass wir schon so weit waren.

Worüber haben Sie sich in 2016 am meisten geärgert?

Das ist auch eine schwierige Frage. Ich habe ein sehr gutes, aber auch extrem anstrengendes Jahr hinter mir, in dem ich fast jeden Tag aus meiner Komfortzone raus musste. Dass im nächsten Jahr die Handball-WM nicht in ARD und ZDF zu sehen sein wird, dass wir das nicht hinbekommen haben, hat mich geärgert. Abseits des Sports hat mich wütend und traurig gemacht, was in Aleppo passiert ist und immer noch passiert. Mich macht der Rechtsruck hier in Deutschland traurig und auch die Hilflosigkeit der Politik. Viele haben sich über die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gewundert. Für mich ist es die logische Konsequenz dieser Hilflosigkeit, der Unfähigkeit der Politik, auf konkrete Probleme konkret zu reagieren.

Was wünschen Sie sich für 2017?

Für mich selbst ein bisschen mehr Ruhe. Dann, dass die Trainer in unserer Jugend, die ich ausbilde, sich Schritt für Schritt weiter entwickeln und in den nächsten drei Jahren mehr Verantwortung übernehmen. Ich träume von der Barcelona-Schule, fünf, sechs eigene Spieler und auch Trainer, die wir selbst hervorbringen. Und wenn es vielleicht auch etwas platt daher kommt, wünsche ich mir in unserer Gesellschaft ein größeres Miteinander, weniger Egoismus und Lösungen in der Politik, die ziel- und nicht so sehr parteigerichtet sind.

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