Hertha gegen Bayern

Ibisevic – "Ich bin mein schärfster Kritiker"

Stürmer Vedad Ibisevic spricht vor dem Top-Spiel gegen Bayern über seine Torflaute, die aktuellen Hertha-Sorgen und das Vorbild Alemannia Aachen.

Vedad Ibisevic hat schon zweimal gegen die Bayern gewonnen - als Spieler von Alemannia Aachen

Vedad Ibisevic hat schon zweimal gegen die Bayern gewonnen - als Spieler von Alemannia Aachen

Foto: Getty Images / City-Press/Getty Images

Berlin.  Das Interview verzögert sich. Vedad Ibisevic muss sich nach dem Training behandeln lassen. Herthas Kapitän hat einen Tritt abbekommen. Vom Spiel auf Schalke sei er ohnehin noch "blau und rot", sagt sein Trainer Pal Dardai. Ibisevic teilt aus und steckt ein. Im Moment auch Kritik. Seit Ende November hat der 32-Jährige (acht Saisontore) nicht mehr getroffen. Beim Heimspiel gegen den FC Bayern am Sonnabend (15.30 Uhr,Sky) braucht Hertha jedoch die Treffsicherheit des Stoßstürmers. Als die Behandlung vorbei ist, beginnt ein Gespräch über das Warten auf ein Tor, warum Ibisevic die Kritik antreibt und Alemannia Aachen das Vorbild für das München-Spiel ist.

Herr Ibisevic, kann es sein, dass Sie im Moment ziemlich viel einstecken müssen?

Vedad Ibisevic: Ja. Manchmal kriegt man als Stürmer ein paar Schläge ab. Aber das ist Alltag für mich.

Sie bekommen im Moment auch auf anderer Ebene etwas ab: Sie haben seit Ende November nicht getroffen, warten schon 636 Minuten auf ein Tor, und die kritischen Fragen werden lauter...

Mir ist es natürlich lieber, wenn ich treffe. Aber es gibt solche Phasen in einer Karriere. Ich war schon sehr oft in Situationen, in denen die Leute die Minuten zählen, bis ich endlich wieder treffe. Das ist Business as usual. Für mich bedeutet das aber nicht, dass ich etwas ändere.

Gehen Sie heute, da sie 32 sind, anders mit solch Phasen um als mit Anfang 20?

Ja, das schon. Andererseits habe ich das nie wirklich an mich herangelassen. Es gab immer Leute, die mir sagen wollten, dass ich nicht gut bin. Phasen wie die aktuelle sind kleine Kratzer, die meine Karriere immer mal wieder abbekommen hat. Aber die haben mir auch immer geholfen.

Inwiefern geholfen?

Das pusht mich und gibt mir Kraft, weiterzumachen.

Eine Art Wut im Bauch, es den Leuten jetzt erst recht zu zeigen, meinen Sie?

Wut ist für mein Spiel nicht unbedingt gut. Ich sage mir in solchen Phasen einfach besonders, dass ich mich nicht hängen lassen darf.

Sie haben mal gesagt, dass man Torinstinkt nicht lernen kann. Kann man seinen Torinstinkt verlernen?

Nein. Das hat man in sich oder nicht. Es gibt aber Momente, in denen man das Gefühl hat, dass der Ball immer dort landet, wo man gerade nicht steht.

Ist das Reden über die torlose Zeit für Sie eher kontraproduktiv?

Wissen Sie, es ist so: Wenn ich gut spiele, brauche ich niemanden, der mir erzählt, wie gut ich war. Genau so ist es, wenn ich schlecht spiele. Das weiß ich selbst, ich bin mein schärfster Kritiker. Und ich mag es einfach nicht, wenn die Leute mir reinreden wollen.

Man kann im Moment den Eindruck haben, dass die gesamte Last der Mannschaft auf Ihren Schultern liegt. Sie treffen nicht, und Hertha hat der Erfolg verlassen.

Ich empfinde das nicht so. Das darf auch gar nicht sein. Ein Spieler, egal, wer das ist, kann nicht die ganze Last allein tragen. Das war auch in den guten Zeiten der Hinrunde bei uns nicht so. Da waren wir ja nicht nur wegen mir erfolgreich. Als wir neulich gegen Ingolstadt gewonnen haben, ein hässliches Spiel, habe ich mich gefreut, weil wir den Sieg gebraucht haben. Dass ich dabei nicht getroffen habe, war nicht schlimm. Es ist ja nicht verboten, dass andere bei uns treffen.

Sie haben von Ihren 100 Bundesligatoren 95 im Strafraum erzielt. Das bedeutet, dass Sie ein Stürmer sind, der finale Anspiele benötigt. Fehlen die im Moment?

Ich empfinde mich als Mannschaftsspieler. Als es gut lief und ich die Tore gemacht habe, war ich auch nicht allein dafür verantwortlich. Jeder von uns muss jetzt seinen Job besser machen. Gemeinsam müssen wir versuchen, aus unserem Loch rauszukommen.

Hertha hat von den vergangenen sieben Ligaspielen fünf verloren. Bei vielen Fans geht die Angst um, dass sich der Rückrundeneinbruch der letzten Saison wiederholt.

Keiner muss Angst haben. Wir selbst auch nicht. Wir dürfen nicht so weit nach vorn schauen und uns davor fürchten, was passiert, wenn wir wieder einbrechen. In der Hinrunde haben wir uns das Glück oft erzwungen. Da müssen wir wieder hinkommen. Die Rückrunde ist knallhart, und wir tun uns im Moment schwer. Aber es kann nur besser werden.

Nun geht es gegen den perfekten Aufbaugegner: den FC Bayern. Wie besteht man gegen so ein Team?

Die Bayern sind das beste Team der Liga. Dennoch gab es in dieser Saison schon einige Mannschaften, die gezeigt haben, wie man es ihnen schwer machen kann. Ich persönlich liebe solche Spiele: Wir treffen auf die Besten und haben nichts zu verlieren. Ich weiß aber natürlich auch, wie hart das wird. Ich habe nämlich schon oft gegen die Bayern verloren...

Sie haben mal gesagt, Sie könnten sich an jedes Ihrer Tore genau erinnern. Können Sie sich auch an einen Sieg gegen den FC Bayern erinnern?

(überlegt lange) Ja, das ist zwar sehr lange her. Aber ich habe es mit Alemannia Aachen zweimal geschafft, die Bayern zu schlagen. 2006/07 haben wir sie als Bundesligaaufsteiger mit 4:2 aus dem Pokal geworfen und später in der Saison auch in der Liga 1:0 gewonnen.

Jan Schlaudraff traf damals im Pokal nach einem feinen Sololauf, richtig?

Genau. Aber wissen Sie was? In den Jahren nach diesen beiden Siegen habe ich immer mit besseren Teams gegen die Bayern gespielt, als es Aachen damals war – Hoffenheim, Stuttgart und nun auch Hertha. Aber nur mit Aachen habe ich gegen sie gewinnen können. Warum? Weil wir uns einfach keine Gedanken gemacht haben. Uns traute eh keiner etwas zu. Wir sind also raus, haben uns gefreut und sind um unser Leben gerannt.

Es kommt heute seltener vor, dass sich die Bayern so überrumpeln lassen.

Damals haben sie vor dem Pokalspiel kräftig rotiert. Ich weiß noch, dass es mein allererstes Spiel von Anfang für Aachen war. Und plötzlich stand es 3:0 zur Pause für uns. Wir wollten gar nicht mehr raus, weil wir Angst hatten, was da wohl als Reaktion kommen würde.

Plötzlich hatten Sie etwas zu verlieren, da kommen dann doch die Gedanken...

Genau. Zehn Minuten nach der Pause stand es auch nur noch 3:2. Aber dann kam Schlaudraff. 4:2. Der Sieg. Ich weiß also, dass es geht. Man muss an sich glauben und keine Sekunde im Spiel einen anderen Gedanken zulassen.

Wäre das nicht auch ein gutes Rezept gegen Ihre Torflaute?

Ja. Genau so gehe ich das auch an.

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