Duell unter Freunden

Hertha gegen Hamburg oder: Brooks gegen Wood

Herthas Spiel beim HSV birgt ein brisantes Duell. Die US-Boys John Brooks und Bobby Wood sind gute Freunde – und Brüder im Geiste.

Im US-Trikot Kollegen, in der Bundesliga Gegner: Herthas John Brooks (r.) und Hamburgs  Bobby Wood (2.v.l.)

Im US-Trikot Kollegen, in der Bundesliga Gegner: Herthas John Brooks (r.) und Hamburgs Bobby Wood (2.v.l.)

Foto: Maja Hitij / picture alliance / dpa

Berlin.  Die Entscheidung fiel ihm nicht schwer. Statt sich das Pokalspiel des kommenden Gegners Hamburger SV bis zum Ende anzuschauen, beschloss Herthas John Brooks, am Mittwoch einfach mal abzuschalten – und zwar mit besenreinem Gewissen. Was im hohen Norden auf ihn zukommt, weiß der Innenverteidiger schließlich auch so, seinen Gegenspieler an diesem Sonntag (17.30 Uhr) kennt er besser als jeden anderen Profi der Liga. Nein, überraschen wird ihn sein Kumpel Bobby Wood nicht, dafür kennen sich beide viel zu gut. Aber ob er ihn deshalb stoppen kann?

"Bobby ist ein schneller, robuster und gefährlicher Spieler", warnt Brooks, "ein moderner Stürmer eben." Eine Kostprobe seiner Klasse lieferte der frühere Union-Angreifer am Mittwochabend, als sich Brooks längst anderen Dingen zugewandt hatte. Brillante Ballannahme, kurzer Sprint, Durchsetzungsstärke im Eins-gegen-eins und ein platzierter Linksschuss – so das Stenogramm zum späten 1:2-Anschluss gegen Gladbach, der allerdings zu spät kam für die Hamburger. Für Wood war es das achte Tor im 21. Pflichtspiel der laufenden Saison.

Beide gelten als Hoffnungsträger ihrer Klubs

Brooks und Wood, beide 24, stehen vor einem hochinteressanten Duell. Beide sind auf dem besten Weg, prägende Gesichter ihrer Klubs zu werden, beide sind gesegnet mit einer starken Physis und bemerkenswertem Talent. Geht es nach Trainer Pal Dardai, hat Brooks, bei Hertha seit 2007, sogar das Zeug zum Mannschaftskapitän der Zukunft.

"Ich wünsche mir, dass er langsam in die Führungsrolle reinwächst", sagt der Ungar, "er füllt das auch schon aus." Wood hat sich derweil auf Anhieb vom Zweitliga-Zugang zum Hoffnungsträger gemausert. Mit seinen Toren soll er den ewig kriselnden Bundesliga-Dino vor der Zweitklassigkeit bewahren. Zwei große Perspektiven für zwei Spieler, die viel unterscheidet, aber noch mehr verbindet – allen voran ihr gemeinsamer Förderer: Jürgen Klinsmann.

Der Mann, der nach dem deutschen auch den amerikanischen Fußball reformieren sollte, nominierte das ungleiche Duo 2013 erstmals für das Nationalteam der USA. Im Freundschaftsspiel gegen Bosnien-Herzegowina durfte Brooks von Beginn an ran, für Wood reichte es immerhin zu einem Kurzeinsatz. Ein einschneidendes Erlebnis, und der Beginn einer Freundschaft.

Jürgen Klinsmann hat beide auf ein neues Level geführt

Im Alltag mache zwar jeder "sein eigenes Ding", aber beim US-Team hängen die beiden "fast 24 Stunden aufeinander", erzählt Brooks. "Wir haben schon die Jugend-Nationalmannschaften gemeinsam durchlaufen, und als Bobby noch bei Union gespielt hat, sind wir immer gemeinsam aus Berlin zum Nationalteam geflogen." Heute verabreden sie sich in der Regel in Frankfurt, um über den großen Teich zu fliegen. Nur dass ihr großer Fürsprecher Klinsmann inzwischen nicht mehr im Amt ist.

Wie wichtig der Sommermärchen-Macher für seine Entwicklung war, hat Brooks oft genug betont. Klinsmann schenkte dem Berliner, Sohn eins amerikanischen Vaters, großes Vertrauen, impfte ihm Selbstbewusstsein ein, auch dann, wenn es nicht lief. Meist aber lief es gut. Weil Klinsmann ihn als 21-Jährigen mit zur WM nach Brasilien nahm und Brooks prompt ein Tor gelang, war sein Name plötzlich ein Begriff in den Staaten. Bei Twitter hat er gut 240.000 Follower. Mehr als Hertha.

Dass Klinsmann keine Angst vor Experimenten hat, kam auch Wood zu Gute. Dessen Vita – geboren auf Hawaii, aufgewachsen in Kalifornien – klang mehr nach Surfer- als Soccerkarriere, bis ihn das Schicksal 2006 nach Deutschland spülte. Dort mauserte er sich aus der Jugend von 1860 München zum Bundesligastürmer. "Bobby ist ein Spieler, der ganz stark das Vertrauen spüren muss", sagt Ernst Tanner, der frühere Nachwuchsleiter der "Löwen". Klinsmann schwärmt derweil vom "unglaublichen Talent" und dem "Hunger, sich durchzusetzen".

Dardai als böser Mitspieler, aber netter Trainer

Brooks hing derweil lange das Etikett des etwas schludrigen Talents an. "Als wir noch zusammen in der U23 gespielt haben, hat mich an ihm gestört, dass er nicht fleißig genug war", erinnert sich Dardai. "Das hat er von mir zu hören bekommen. Ich war ein böser Mitspieler für John, aber ich bin ein netter Trainer." Seit Dardai Chefcoach ist, ist der 1,93-Meter-Hüne Stammspieler. Ein Rückhalt, der für Brooks genauso essenziell ist wie für Wood. Klinsmann hatte das in Amerika früh erkannt.

Nun also kommt es zum direkten Duell. "Ich spiele auf jeden Fall lieber mit Bobby als gegen ihn", sagt Brooks. Zu früh abschalten, so wie am Mittwoch, sollte er jedenfalls nicht.

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